Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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In memoriam Theodor Herzl Der dreißigste Todestag eines Mannes, der — wie immer man sein Werk beurteilen mag — ein königlicher Mensch gewesen ist, den hervorgebracht zu haben die Juden stolz sein und bleiben sollen, verpflichtet, sich seiner lebendig zu entsinnen. E r möge selbst zu unseren Lesern sprechen, indem wir zwei Marksteine seines Wirkens wiedergeben: die Eröffnungsrede und die Schlußrede des ersten Zionistenkongresses in Basel vom 29. bezw. 31. August 1897 und die vor der Schlußansprache gehaltene Rede des Basler Rabbiners, Dr. Cohn, und den Dank des Kongresses, verdolmetscht durch Professor Dr. Max Mandelstamm aus Kiew. Die folgenden Worte sprechen für sich. Auch wer ihrem Inhalt nicht zustimmt, wird sich1 der menschlichen Größe ihrer Art nicht entziehen. Wir verehren die Großen der Menschheit, die wertvollen Glieder unserer Familie und unserer Volks- und Glaubensfamilie nicht nur darnach, ob wir jedem ihren Tun zustimmen konnten. Wir sehen, gar, wenn es sich um! einen Toten handelt, der buchstäblich für seine Sache gestorben ist, den Menschen, den man am innigsten liebt, wenn er ein Kämpfer ist, auch wenn man gegen ihn kämpft. Der erste Mann, der den österreichischen Feldmarschall Grafen Conrad geehrt hatte, war der italienische Marschall Graf Cadorna, der größte und, von Conrad geschlagene Gegner. Ritterlichkeit ehrt, Anhänglichkeit verpflichtet. Die Anhänger Herzls so'.len daher an ihre Pflicht gemahnt werden, diesen großen königlichen Menschen recht zu verstehen. Herzl hat den Zionismus ganz groß und — wie er selbst sagte — ganz einfach gesehen. Er faßte ihn als Weltfrage auf und wollte keinen internationalen Verein, sondern eine internationale Diskussion zur Lösung der Judenfrage schaffen. Diskussion, ungesc heute Diskussion. Herzl dankte nicht nur den jüdischen Gleichgesinnten, sondern ebenso den christlichen Gleichgesinnten, den „Christlichen Zionisten", die seine engsten und wichtigsten Mitarbeiter waren; denn die Judenfrage ist „eine Weltfrage". Und er sprach das prophetische Wort: „Die Ansiedlung der Juden wäre wohl auch eine Besserung der Lage dar Christen im Orient." Noch ein Wort sei hervorgehoben: „Niemandem zum Trutz und allen Juden zur Ehre und würdig einer Vergangenheit, deren Ruhm wohl schon fern, aber unvergänglich i s t." Der zionistische und nichtzionistische Parteihader hat das Wort „Niemandem zum Trutz" vergessen. Wenn aber des königlichen Juden Dr. Theodor Herzl gedacht wird, darf seines Mitstreiters Dr. Max Nord au nicht vergessen werden, dem gerade die Zionistische Weltorganisation eine Ehrenschuld abzutragen hat, woran sie sehr ernst erinnert sei. Dr. Max Nordau wird seine Auferstehung feiern, weil er in jenem Kampf, den er vor seinem Tod gegen die Organisation in ihr im stillen geführt hat, blutig recht behalten wird. Man höre ihn, was er am Schlüsse seines Berichtes am 1. Zionistenkangreß zu sagen wußte: „Eine Sage, an die selbst ernste und gebildete Menschen glauben, die nicht einmal Antisemiten zu sein brauchen, be* hauptet, daß die Juden alle Macht und Herrschaft haben, daß die juden alle Reichtümer der Erde besitzen. Sie, die unheim* liehen Handhaber der Gewalt, diese |uden, die nicht einmal imstande sind, ihre Stammesgenossen gegen die Mordlust elenden arabischen, marokkanischen und persischen Gesindels zu schützen. Sie, die Verkörperung des Mammons, diese Juden, von denen reichlich die Hälfte keinen Stein besilzt, wo sie ihr Haupt hinlege, und keinen Fetzen, mit denen sie die Blöße ihres Leibes bedecke! Das ist der Hohn, der hinzutritt und Gift einträufelt, nachdem der Haß die Wunde geschlagen har. Gewiß, es gibt einige hundert überreiche Juden, deren lärmende Millionen weithin bemerkt werden. Aber was hat Israel mit diesen Leuten gemein? Die meisten von ihnen — eine Minderheit nehme ich gerne aus — gehören zu den nied* rigsten Naturen der (udenheir, die eine natürliche Auslese zu den Berufen bestimmt hat, in denen man rasdi Millionen und manchmal Milliarden gewinnt — fragt mich nur nicht wiel In einer normalen und vollständigen jüdischen Gesellschaft würden diese Menschen infolge ihrer organischen Eigenschaften in der Volksachtung die alierunterste Stufe einnehmen und jedenfalls niemals die Ädelsfitel und Orden erhalfen, mit denen die christliche Gesellschaft sie auszeichnet. Das Judentum der Propheten und Tanaim, das Judentum Hillels, Philos, lbn Gabirols, Jehuda ben Halevys, Ben Maimöns, Spinozas, Heines kennt diese Geldprotzen nicht, die alles geringschätzen, was wir verehren, und die hochhalten, was wir verachten. Diese Leute sind der Haupfvorwand des neuen Judenhasses, der mehr wirtschaftliche als religiöse Gründe hat. Für das Judentum, das um ihretwillen leidet, haben sie nie etwas getan, als daß sie Almosen hinwarfen, die für sie keine Opfer sind, und daß sie einen spezifischen jüdischen Krebsschaden unterhalten, das Schnorrertum. Für ideale Zwecke ist ihre Hilfe nie zu haben gewesen und wird sie wohl nie zu haben sein. Viele verlassen denn auch das Judentum und wir wünschen Ihnen Glück auf die Reise und beklagen nur, daß sie denn doch aus jüdischem Blute sind, wenn auch aus dessen Bodensatze. Die Judennot darf niemand gfeichgilfig lassen, die christlichen Völker ebensowenig wie uns Juden. Es ist eine große Sünde, einen Stamm in geistiger und leiblicher Not verkommen zu lassen, dem selbst seine schlimmsten Feinde Begabung nicht abgesprochen haben; es ist eine Sünde an ihm und an dem Werke der Gesittung, an dem der jüdische Stamm ein nicht gleichgilfiger Mitarbeiter sein mödife und sein könnte. Und es kann eine große Gefahr für die Völker werden, Willensstärke Menschen, deren Maß im Guten wie Schlechten über den Durchschnitt hinausreidif, durdi unwürdige Behandlung zu verbittern und durch Verbitterung zu Feinden der bestehenden Ordnung zu machen. Die Mikro/ biologie lehrt uns, dal! kleine Lebewesen, die harmlos sind, solange sie in der freien Luft leben, zu furchtbaren Krankheits; erregern werden, wenn man ihnen den Sauerstoff entzieht, wenn man sie, wie der Fachausdruck lautet, in anaerobische Wesen verwandelt. Die Regierungen und Völker sollten Bedenken tragen, aus dem .luden ein anacrobisdies Wesen zu madicn! Sie könnten es schwer mitzubtttien haben, was immer sie dann auch unternehmen würden, um den durch ihre Schuld zum Schädling gewordenen Juden auszurotten," 4