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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-07-01 · 9 (Juli 1934) · p. Seite 3

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
9 (Juli 1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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unverzüglich und selbstverständlich zur Wehr setzt,, dei setzt sich der Gefahr aus, schuldig gesprochen zu werden. Nun wächst in Palästina ein jüdisches Land heran. Wo ist des Juden innerlich geliebtes Vaterland, daß Judenland Palästina oder das Land, in dem der Jude lebt und Bürgerrecht genießt? Ist der deutsche Ungar ein Mensch, dem Ungarn als Vaterland durch sein deutsches Volkstum verwehrt wird oder verwehrt werden darf? Ist der cechische Katholik kein Geche, der sein Vaterland ehrlich liebt, weil sein religiöses Leben von der Vatikanstadt geleitet wird und w\eil — Palästina für ihn ein Heiliges Land ist und ewig bleiben wird? Johann Wolfgang v. Goethe hat sich als Weltbürger gefühlt. War er darum kein deutscher Bürger, dem sein deutsches Vaterland so nahestand, wie dem; Nationalisten heutiger Prägung? Allerdings hat Goethe sein Weltbürgertum erlebt, nicht durch eine Vereinsmitgliedschaft erworben. Die verwirrenden Schleier, die man um die jüdischen Augen gebreitet hat, müssen weggerissen werden. Keine Judenhatz und keine jüdische Vereinslmeierei darf die endliche Befreiung der Juden von; tötenden und zerfleischenden Schlagworten hemmen. Allerdings müssen wir Juden lernen, Selbstverständlichkeiten so zu nehmen, wie sie nun einmal sind. Vaterland ist eine Selbstverständlichkeit für jeden Menschen, daher auch f ü r uns Jude n. Ein jüdisches Palästina ist eine Selbstverständlichkeit im Sinne eines Landes, in welchem die Juden Herren ihres eigenen öffentlichen Gemeinwesens sein sollen, weil jedes andere Volk ein solches Fleckchen Erde sein eige,n nennt. Die Unsinnigkeit des Streites um diese Selbstverständlichkeit, die nirgends anderswo angefochten wird als in jüdischen Kreisen selbst, ist nichts ajls« eine Unbegreiflichkeit, die als das gekennzeichnet werden soll, was sie ist, als Unaufrichtigkeit ode* eine Hemmung, Dinge beim Namen zu nennen. Vaterland bedingt Vaterlandsliebe, wie Vater die Vaterliebe fordert. Wenn wir Juden von irgendwo vertrieben werden oder wenn uns Juden ein Vaterland geraubt wird, dann haben wir einen Verlust erlitten, PALESTINE &ORIENT LLOYD die WELTORGANISATION |fDr PALÄSTINAREISEN VERTRETUNG FÜR ÖSTERREICH: REISEBÜRO CITY DR.J. H.KÖRNER \ \ WIEN,!. KOHLMARKT 8 TUfPHON NR.U-26-4-29 der uns zur Waise macht, als ob uns der Vater entrissen würde. Wer einen Vater am Leben hat, soll sich des Glückes bewußt bleiben, den Vater lieben iu können. Kann er es nicht, so kann er auch nie wirklich glücklich sein. Liebe zu Oesterreich als dem Vaterland u n d Liebe zu Palästina als dem Lande der Väter und dem, Lande jüdischer Sehnsucht und Erfüllung, sind keine Gegensätze. Daß Nichtjuden etwas Unvereinbares darin finden können, ist nur unsere jüdische Schuld, weil es leider Juden gibt, die darin ein Schuldbewußtsein empfinden. Man muß es selbst erlebt haben, daß beide Dinge wie viele andere mehr eben Selbstverständlichkeiten sind, so wie die Liebe zum Vater und zur Mutter. Denn das Land, dessen Bürger ich bin, in dem ich geboren, erzogen wurde, ist eins, wie der Vater1. Und das Land der Väter und der Geschichte und des erhofften Judenstaates ist ein anderes, wie die Mujtter. Und man liebt als Mensch überdies auch noch anderes als Vater und Mutter, und will dennoch die Elternliebe nicht schmähen oder gar als „unmöglich" betrachten. Es sei denn, man ist solcher Liebe nicht fähig. In der Liebe zu wem immer ist Recht und Pflicht eins, denn die Liebe geht nicht durch den Verstand, sondern sie wächst aus dem Instinkt, aus der triebhaften Liebe zum Leben. Sie ist ein Gefühl, das sich selbst aufhebt, wenn man darüber rechten will, ob sie recht sei. Wer mir diese oder eine andere Liebe rauben will, gegen den wehrt sich1 mein Lebenswille. — Ich glaube, so erleben dieses Ding auch andere Menschen. — a —< Empfehlen Sie das Wiener Jüdische Familienblatt die überparteiliche Monatsschrift Ihren Freunden und Bekannten! ✓

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