Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 29 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber ich kann s i e nicht vergesSeji. Sie ist mir zurückgeblieben als nicht vernarbte Wunde. Und zu dieser einen Wunde wurden mir gerade von dem Menschen, der mir am nächsten stand oder am nächsten hätte stehen müssen, noch andere, vielleicht weit schwerere geschlagen. Doch heute regt es mich zu sehr auf, auch über alles andre nachzudenken. Ich mag mir nicht den glücklichen Tag, diese geheimnisvolle, südlich-laue Nacht ganz vergällen. Ich will nur noch versuchen, mir über einen Punkt Klarheit zu verschaffen. Ich frage mich: Mit welchem Fug maßt sich ein Mensch das Recht an, seinen Mitmenschen psychologisch zu deuten, zu „analysieren"? Was wissen wir überhaupt Bestimmtes einer vom andern? Was wußte ich von jener Frau, da ich von ihrer Liebe und treuen Kameradschaft überzeugt war, während sie mich in Wirklichkeit lange Zeit nur ah Objekt benützte? Im besten Fall handelt es sich bei einer solchen Analyse um ein Vermuten, Raten. Ich maße mir nicht an, das Richtschwert zu schwingen über jene Männer der Wissenschaft, die aus ehrlicher Ueberzeugung, aus der Erfahrung eines reichen Lebens und im Verkehr mit den verschiedensten Individuen zu einer Reihe weittragender Schlüsse gelangt sind, wie ein Mensch zu behandeln, wie ihm psychisch beizukommen sei. Aber ich hege so viel Achtung vor der Seele meines Mitmenschen, daß ich sage, das Eigentliche, ihr Kern, wird uns stets ein Geheimnis bleiben. Könnte sich durch irgend eine Art der Behandlung das Geheimnis offenbaren, wie einfach wäre vielleicht dann oft diq Heilung, wie viele Millionen Rätsel und Probleme ließen sich lösen! Wie so ganz anders stünde die Menschheit, abgesehen von den hoffnungslos verfahrnen Fällen, da! Und dennoch mag ich die Ueberzeugung der jahrelang geschulten, praktisch erprobten Männer und Frauen nicht verkennen, mag auch ihre Lehre häufig widerspruchsvoll, erklügelt, verrannt anmuten. I Wie aber steht es um die kühnen Jünger der modernen Seelenlehre? Die unreifen Jünger, die sich so oft als Seelenärzte aufspielen, in vielen Fällen bereits einen einträglichen Beruf, ihren Broterwerb draus machen? Die mit ihrer Meister Worten und Begriffen gewissenlos herumhantieren, sich gar bald ein eigenes „System" zurechtzimmern und oft albern und unerfahren am Heiligsten eines Menschen stochern? An kranken Seelen ungeprüft, unerlaubt, nur zu oft aus Neugier und Experimentiersucht frech herumdoktern? O ihr Neunmalweisen, die ihr glaubt, dem Ungreifbaren in des Menschen Psyche mit eurem Bücher- Einmaleins heizukommen! Mit eurem lachhaften Einmaleins, das jeder Stümper lernen kann. Wo sogar eure „Meister" frei bekennen: In der Seelen-„Kunde" gibt es bestenfalls ein Seelen-„Raten"! Wie aber ist der redlichste Mensch dagegen gefeit, durch euch zu einer Art Verbrecher gestempelt oder zur Fratze erniedrigt zu werden? Heute haben wir vielleicht noch keine Ahnung, wieviele von uns diesen so oft falsch angewandten und mißbrauchten Lehren zum Opfer fallen. Wie man die armen Teufel, statt sie zu heilen, erst recht verpfuscht. Mädchen, du goldhaariges, liebes Wesen, welches Recht hast du, mit deinen vermutlich höchstens 20 Jahren, Menschen zu analysieren? Und wenn du auch als modernes Mädchen noch so viel erlebt hast? Mit deinen 20 Jahren kannst du ja doch nicht alles erfahren haben, was ein Weib erfahren kann. Lud da willst du auch schon die Seele des Mannes kennen! Aber freilieh, du studierst ja, an der Hochschule sogar. Du studierst etwas als „Wissenschaft", was sich nie in diesen Begriff wird pressen lasjsen, nicht einmaj, wenn es ein — Universitätsprofessor versucht! Und doch hast du einen seltsam starken Eindruck auf mich gemacht. Einen seltsamen Glauben au dich] hast du in mir wachgerufen, ein mir unerklärliches. Vertrauen. Ja, dir könnte ich so manches, dir könnte ich vieles anvertrauen. Was ist eigentlich in dir? Bisher habe ich noch mit keiner Seele über mein ganzes Elend gesprochen. Immer nur in Splittern, Bruchstücken. Vielleicht bist du der Mensch, der mich verstehn wird? Aber ich habe doch grade erklärt, du kannst mit deinen gewiß kaum 20 Jahren unmöglich alles verstehn. Soll ich es trotzdem versuchen? Nein, so auf einmal geht das nicht. Nach und nach. Und auf die Gefahr hin, daß du alles — mißverstehst. Mädchen, eines Tages - - das fühl' ich deutlich und dieser Tag ist näher als du ahnst — sprichst auch du mit mir. (Aus dem Roman „Narrenparadies"' von Leon Schallt. - Copyright 1932 by Paul Zsolnay Verlag A. G., Berlin-Wien-Leipzig.) N.adi P&iaStüta Offizielles Propagandabüro der Sfadtgemeinde Tel-Aviv Für Einzelreisende Schiffskarten zu Originalpreisen! Abfahrt ieden Mittwoch ab Triest Auskünfte und Anmeldungen in Reisebüio Compass Tours, Wien IX., Spitalgasse 3 Telephon Nr. B 42-5-38 29