Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 28 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Heute schmeckt mir das Essen schon etwas besser. Auch den Kellner behandle ich freundlicher. Die Sorgen um mein Unternehmen quälen mich nicht mehr so beständig, es ist schließlich in zuverlässigen Händen. Hinaus in die seltsame blaue Nacht mit ihrem Salzduft und den verhängten Sternen! Ich gehe alle Einzelheiten der Begegnung noch einmal im Geiste durch. Ich versuche, sie, ihren stets wechselnden Ausdruck, ihre Gesten und ihr Wesen deutlich vor mir zu sehn. Fast vierundzwanzig Stunden bis zur nächsten Zusammenkunft! Womit fülle ich diese Zeit am besten aus? — i Also eine „Psychologin"! Zum zweiten Mal in meinem Leben eine Psychologin! Eigentlich kein gutes Omen. Oder wirk' ich just auf diese Damen anziehend? Oder entwickeln sich nach und nach alle modernen „gebildeten" Frauen zu Psychologinnen? Geschieht es nicht am Ende, um uns Mäinnern über zu sein? Achtung! Achtung! Eine ganze Nacht und einen ganzen Tag hast du Zeit zum Ueberlegen deines Falles und um auch ein wenig der ersten Psychologin zu gedenken, ihrer und meiner Hemmungen und Komplexe. Wehe dem Manne, der sein Leben mit einer Psychologin teilen muß! Denn wahrlich, seiner ist nicht das Himmelreich. Welch seltsames Gefühl, stets unter Beobachtung, unter Kontrolle zu stehn! Nie ein Wort sagen dürfen, eine Regung verraten, die nicht eingehendster Analyse unterworfen werden! Brauche ich den Gemeinplatz zu wiederholen, daß kein Irdischer frei von Schuld und Fehle ist (nicht einmal ein Psychologe!)? Also weiß auch ich recht gut, ich habe tausend Fehler, tausend Mängel. Zum großen, vielleicht größten Teil bin ich mit ihnen schon zur Welt gekommen. Aber nicht einmal ein Kind mag sich ewig tadeln, ewig herabsetzen lassen. Um wieviel weniger ein Erwachsener! Noch dazu eitn älterer, durch die Schule des Lebens gereifter Mann, der trotz innerer Berufslosigkeit doch so manches erreicht hat, ein großes, kompliziertes Unternehmen leitet und dieses Unternehmen durch sturmbewegte Jahre an zahllosen Klippen vorbei ehrlich und mit Erfolg gesteuert hat. Sodaß nicht nur seine Feinde, nein, sogar die Freunde seine Tüchtigkeit und Geradheit preisen. Ich mag nicht in die eigene Ruhmesposaune stoßen. Fanfaren hasse ich. Aber wenn der Mensch, der einem am nächsten stehen sollte, alles ehrliche Bemühen seines Partners ins Gegenteil kehrt, wenn er auf Grund spitzfindiger Deutungen und mit Zuhilfenahme des „Unterbewußtseins"' alles Positive seines Gatten und Kameraden in Negatives wandelt, dann muß sich alles Gefühl aufbäumen gegen solche Verzerrung. Besonders, wenn dieser Mann jahrelang sich rückhaltlos seiner Frau anvertraut, sie über alles geliebt und hochgehalten hat. Dieser Mann - mag sein, es ist die eigene Schuld des Tölpels merkt lange Zeit nicht, daß er unter schärfster Beobachtung steht — unter dem Detektivauge der eignen Frau! Er ahnt gar nicht, daß er nicht nur im wachen Zustand, nein, auch im Schlaf ein Beobachtungsobjekt seiner Frau ist! Und diese Frau scheut sich nicht, eines Tages das Ergebnis ihrer Beobachtungen im Interesse der „Wissenschaft" ohne jede Rücksicht preiszugeben. Man bedenke: Dieser Mann steht durch seine Position mit der Oeffentlichkeit in Berührung; und dann - die Ergebnisse der Beobachtungen beruhen nicht auf Tatsachen, es handelt sich dabei um Annahmen, Deutungen, verzerrt wiedergegebene Einzelheiten, die willkürlich der Wirklichkeit entnommen und in verändertem Zusammenhang wieder gebracht sind! Der Kamerad langer Ehejahre und Vater zweier Kinder hat sich durch jene Darstellung mit einem Schlag in ein neurotisches Scheusal verwandelt! Der arme Teufel prüft sich auf Herz und Nieren. Noch von Ibsen besessen, forscht er gewissenhaft in seine Vergangenheit zurück, er hält sich alle seisie Fehler, seine Laster vor. Aber so sehr er sich auch müht, er kann unmöglich eine Basis finden für die gegen ihn vorgebrachten Behauptungen, sie werden durch die Tatsachen Lügen gestraft. Die Männer der neuen „Wissenschaft" jedoch betrachten das „Material", ohne es auf seine Richtigkeit zu prüfen, als zuverlässig und veröffentlichen die „Entdeckung", die bald Aufsehen erregt. Die Studie ist unterzeichnet erschienen und es wird bekannt, daß ich das Objekt jener psychologischen Beobachtungen bin. Feinde und besonders Freunde erheben ein Hohngelächter über mich. Meine gesellschaftliche, meine berufliche Position ist gefährdet. Von einem lüsternen Revolverblatt wird die Sensation mit Wonne aufgegriffen. Ich erscheine in dem einen oder andern Witzblatt als Karikatur. Ich erhalte Briefe, anonym und nichtanonym. Die „Affäre" zieht solche Kreise, daß mir von verschiedenen Seiten der Rücktritt von meinem verantwortungsvollen Posten liebevoll nahegelegt wird; schon werden Anwärter genannt. Ich aber beiße die Zähne zusammen, ich ringe1 mich durch und bleibe! Der Sturm legt sich, nach und nach verstummt das Gekläff. Jawohl, ich bleibe! Aufrecht und am Leben bleib' ich, denn eine Zeitlang hatte ich schon das Gefühl: Ich muß ins Gras beißen! Heute ist die Sache bei Feind und Freund so gut wie vergessen. 28