Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 30 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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3 Neues vom jüdischen Chasarenreich Die aus Rußland stammende Schriftstellerin, Frau Dr. phil. Fannina Halle, Verfasserin einiger vielgelesener und auch in fremde Sprachen übersetzter Werke und Abhandlungen zur russischen Kunst- und Kulturgeschichte, hat vor kurzem eine mehrmonatige Studienreise nach T ra n s k a u k as i e n unternommen und eine Zeitlang unter den kaukasischen Bergjuden geweilt. Diese B e r g j u d e n sind von den anderen Kaukasische Bergjuden, Junger Musikant kaukasischen, den grusinischen Juden - was nicht allgemein bekannt ist — sowohl in Sprache, Sitte, gewissen Riten und Gebräuchen, wie auch räumlich in bezug auf ihre Wohngebiete, wohl zu unterscheiden. Zum Teil dürften sie auch anderer Abstammung sein, da sie zugleich die nächsten Nachkommen des Volkes der Chasaren sind, die zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert in der osteuropäischen Ebene ein großes Reich beherrschten. Unter dem Titel „Ein jüdisches G r o ß r e i c h im frühen Mittelalter", worunter eben das Chasarenreich zu verstehen ist, hielt Frau Dr. Halje kürzlich in der „Freien Vereinigung zur politischen Schulung der Frauen" vor einem dicht gefüllten Auditorium einen Vortrag, der weil höchst aufschlußreich, in gewisser Beziehung sogar sehr aktuell mit größtem Interesse aufgenommen wurde. Die Chasaren — nach mancher Ansicht ein turkofinnischer, nach anderer ein slawischer, am ehesten wohl ein gemischter, jedenfalls aber nicht semütischer Volksstamm, der schon im 4. und 5. Jahrhundert über den Ural nach Osteuropa kommt und sich in den südrussischen Steppen, zwischen dem Kaspischen und Schwarzen Meer, an den Nordabhängen des Kaukasus, an den Ufern der Wolga und des Don niederläßt — treten um die Mitte des 8. Jahrhunderts unter dem König Bulan, wohl nicht ohne Zutun der in ihrer Mitte ansässigen persischen, byzantinischen und anderen Juden, zum Judentum über. Unmittelbar darauf werden auch verschiedene jüdische Gelehrte ins Land berufen. Die Chasaren treten mit den jüdischen Akademien in Palästina und Mesopotamien in Verbindung, ihre Hauptstadt Itil an der Wolga entwickelt sich bald zu einem Zentrum jüdischer Kultur und üeistigkeit und ihre innere staatliche Organisation zeichnet sich, wie aus verschiedenen Schriftquellen hervorgeht, durch Gerechtigkeitssinn und eine sehr bemerkenswerte Toleranz Andersgläubigen gegenüber aus. Auch politisch erreicht das Land gegen Ende des 8. Jahrhunderts den Höhepunkt seiner Entwicklung und sein Machtbereich erstreckt sich zeitweilig vom Kaspischen Meer (damals Cha, sarenmeer) über den ganzen russischen Süden fast bis nach Mitteleuropa. Am Ende des 10. Jahrhunderts beginint infolge Vordringens der Russo-Slawen, die den Chasaren anfangs tributpflichtig waren, der Niedergang des chasarischen Reichs. Ein Teil des Volkes verbleibt auch weiterhin in seinen bisherigen Wohnsitzen, ein anderer aber breitet sich allmählich über den Süden Rußlands nach Norden, Nord- und Südwesten aus, hauptsächlich in die Gegend des heutigen Wolhynien, Galizien, Litauen und Polen, wo er seit dem 11. bis 12. Jahrhundert infolge der damals in Deutschland einsetzenden Judenverfolgungen einem zweiten heranrückenden jüdischen Einwandererstrom begegnet und sich mit ihm zu mischen beginnt. Auf die sich aus diesen- Gedankengängen ergebenden Schlußfolgerungen bezüglich der ethnischen Zusammensetzung der Juden Osteuropas, die bekanntlich den weitaus größten Teil des Weltjudentums ausmachen, ist bereits wiederholt hingewiesen worden. Der österreichische Orientdiplomat und Privatgelehrte Freiherr Hugo von Kutschera hat sogar eine eigene, aufschlußreiche Publikation über dieses Thema veröffentlicht (Die Chasaren, Wien 1909) und es gilt heute wohl als wissenschaftliche Tatsache — wenn dies auch den sonst an jüdischen Problemen interessierten Kreisen sonderbarerweise 30