Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 27 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Monat zu Monat Oberrabbiner Cook aus Jerusalem veröffentlichte einen Appell an die Weltjudenheit zugunsten der Angeklagten im Mordprozeß Ärlosoroffs. Die „Ägudas Jisroel" versuchte in Wien eine Spaltung in der Kultusgemeinde herbeizuführen. In Tel-Äviv gibt Meir Großmann eine neue Tageszeitung „Iton Mejuchad" heraus, als Organ der „Judenstaatspartei". Das 200.000-Pfund-Budget Tel-Avivs ist von der Regierung genehmigt worden. Dr. Jakob Ornstein (Union der österreichischen Juden) hat als Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde demissioniert und wurde durch Dr. T i c h o ersetzt. 200 Aristokraten aus der „Deutschen Ädelsgenossenschaft" wurden als „judenblütig" erklärt und aus dem Verband ausgeschlossen. Dr. Nathan Birnbaum (Pseudonym: Matthias Acher) wurde 70 Jahre alt. Die Zahl der österreichischen Aussteller auf der Levantemesse in Tel-Aviv hat sich gegenüber der letzten Messe von 17 auf 44 erhöht. Die „Reichspost", das christlichsoziale Hauptorgan, beschäftigte sich in mehreren Artikeln mit den Vorgängen in der Wiener Judenschaft. Die Zahl der Kriminalfälle in Palästina ist seit 1929 um über 50 Prozent gesunken. 1929: 27.527 Fälle, 1933: 12.602. An der Universität zu Dorpat (Estland) wurde eine judaistische Lehrkanzel eröffnet. Der Fußballklub „Hakoah", Wien, bleibt in der „ersten Klasse". Die lettländische Regierung hat einen Juden, M. Liftschütz, zum Konsul Lettlands in Tel-Aviv ernannt. Anläßlich des 25jährigen Jubiläums der Stadt Tel-Aviv erhielt der Bürgermeister M. Dizengoff von der belgischen Regierung die höchste Auszeichnung. Auf der Messe in Tel-Äviv sind 2100 Aussteller, davon 1600 aus dem Ausland, erschienen. Opatoschu, ein bekannter jüdischer Schriftsteller und Verfasser des Buches „Polnische Wälder", fährt nach Palästina. Die Palästina-Administration geht daran, durch Verordnung die Zahl der jüdischen Aerzte zu beschränken. Nach der letzten Volkszählung befinden sich in R um ä n i e n 829.000 Juden. Die Juden bilden die zweitsfärkste Minorität (4.6 Prozent). Im Vorderen Orient betreiben die Nazis eine Hakenkreuzpropaganda. Anläßlich des 25jährigen Jubiläums von Tel-Aviv fanden im Großen Stadion der Levantemesse zu Tel-Aviv glanzvolle Feierlichkeiten statt. Für das kommende Halbjahr erhielt die Jewish Ägency nur 5600 Einwanderungszertifikate. In einigen polnischen Städten fanden antisemitische Ueberfälle statt. Emir Abdullah von Transjordanien hatte mit einem Mitglied der Jewish Ägency eine Unterredung betreffend Verpachtung von Böden an Juden. England bewilligte eine Zwei-Millionen-Pfund-Änleihe für Palästina. Der größte Teil dieses Betrages soll für die Araber verwendet werden, während die Hauptlast der Rückzahlung auf die Juden fallen müßte. In Palästina herrscht eine starke Empörung über die niedrige Einwanderungsquote und über die Knebelung der jüdischen Einwanderung nach Palästina. Der bekannte hebräische Dichter Salinan Schneur ist schwer erkrankt. Metro-Goldwyn Mayer of Egypt (U. S. A.), Filmverleihvertrieb, hat in Jerusalem eine Filiale eröffnet. Die Einnahmen des jüdischen Nationalfonds sind in den letzten vier Monaten gegenüber demselben Zeitabschnitt des Vorjahres um über 28 Prozent gestiegen. Die portugiesische Regierung dementiert den Plan einer jüdischen Masseneinwanderung nach Angola. Ein Londoner Christ spendete 10.000 Pfund für Hilfeleistung an aus Deutschland ausgewanderte Juden. Emir Abdullah von Transjordanien äußerte den Wunsch, mit Dr. Weizmann in London über Palästinafragen zu verhandeln. Dr. Goebbels hielt eine antijüdische Rede, in welcher er Judenverfolgungen ankündigt. Der berüchtigte Antisemit Streicher entfaltete eine Ritual- und Pogromhetze in Deutschland. In dem Städtchen Wladzimierz (Polen) brach im jüdischen Wohnviertel ein Brand aus. 500 jüdische Familien sind obdachlos. Dr. Leo Pinskers Leichnam ist von Odessa nach Palästina übergeführt worden. Pinsker war der Verfasser der „Äufoemanzipafion" und Präsident der Chowewe-Zion-Bewegung. Biro-Bidschan in Ostsibirien wurde zu einer „Jüdischen Republik" ausgerufen. Die Stadt Tiberias (See Genezareth) wurde durch Wolkenbrüche zerstört. Elf Mohammedaner, drei Juden und ein Christ wurden getötet. Dr. Jakob Ehrlich wurde zum Rat der Stadt Wien ernannt. In öffentlicher Gerichtsverhandlung wurde die Anklage gegen Achi-Meir, der beschuldigt wurde, die Ermordung Dr. Arlosorows angestiftet zu haben, zurückgezogen. Die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees hat auf Antrag Oesterreichs Palästina in das Olympische Komitee aufgenommen. Im englischen Unterhaus fand eine Palästina-Debatte statt. Albert Bassermann trat aus dem Vorstand der Bühnengenossenschaft aus. Er erklärte, in Deutschland nicht mehr spielen zu wollen. Seine Frau ist eine Jüdin. In Holland wurde ein Gesetz gegen die antisemitische Propaganda mit großer Stimmenmehrheit angenommen. In Palästina fand ein Generalstreik der Juden wegen Beschränkung der Judeneinwanderung statt. Das Geschäftsleben und der Verkehr ruhte vollständig. Sir Herbert Samuel, der gewesene erste High-Kommissionär, weilt jetzt in Palästina. Im Zusammenhang mit der Bewilligung von nur 5600 Zertifikaten klagt die Union der Zionisten-Revisionisten die Palästina-Administration vor dem Völkerbund an. Julius Streicher beruft den ersten internationalen „Kongreß der Antisemiten" nach Nürnberg ein. In Tel-Aviv mußten 2000 arabische Arbeifer angestellt werden, da ein großer Arbeitermangel in Palästina herrscht. „Die Reichsvertrefung der deutschen Juden" schickte dem Minister Göbbels ein Memorandum, in welchem sie gegen antisemitische Ausführungen Göbbels Stellung nimmt. In den deutschen Gefängnissen ist verboten worden, den Juden rituelle Speisen zu verabreichen. In New York veranstalteten deutsche Hitleristen eine große Demonstration gegen die Juden. Gleichzeitig fanc* eine Versammlung von deutschen „Anti-Hitlerisfen" statt Während des ganzen Monates Mai tagte der Arlosorow" Prozeß in Jerusalem. 27