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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-06-01 · 8 (Juni 1934) · p. Seite 26

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
8 (Juni 1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 26 (sequence 28)
Language
German
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Zwei jüdische Schachgenies. Dr. Emanuel Lasker Richard Reti J Als die Meldung durch die Presse ging, daß Dr. Emanuel Lasker beabsichtige, die Schacharena wieder zu betreten und an internationalen Turnieren teilzunehmen, bedeutete das für die S?l ach weit eine außerordentliche Überraschung, aber auch eine ebenso große Genugtuung. Hatte man sich doch schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, den gewesenen Schachmeister nie mehr in einem öffentlichen Turnier spielen zu sehen, auf den geistigen Genuß verzichten zu müssen, den schon Laskers bloße Erscheinung bot: der mächtige graue Kopf, auf dessen tief durchfurchter Stirn die fast metaphysische Hirnarbeit zu bemerken war, die scharf gebogene Nase und die vorstehende Unterlippe, die ein tatarisch herabhängender Schnurrbart streift! Wenn man das Wesen des nunmehr 66 jährigen Meisters in eine Formel pressen will, die den Umfang seines Wirkens andeuten Zeichnung von Mopp soll, so kann diese Formel nur lauten: Ritterliche Kämpfernaturl Damit ist natürlich der Kern der Lasker'schen Persönlichkeif bloß gestreift. Denn man kann sie nur dann erst ganz begreifen, wenn man ihren jüdischen Wurzeln nachgeht, dem geistig-ethischen Gut, das Emanuel Lasker als Denker und Schaffender von seinen Ahnen mitbekommen hat. Lasker — und nur darum stellen wir ihn, den Unsterblichen, heute in den Kreis unserer Befrachtung — bezieht seinen Wert als Verfechterdes sittlichen Prinzips in der Welt, wie es das Judentum aufgestellt und im Lauf seiner vieltausendjährigen Geschichte betätigt hat. Der große Schachspieler und Schachkämpfer Lasker hat dieses Prinzip in seinem Bereich zur Geltung gebracht. Sein Schachdenkerfum ist auf dem Nährboden jüdischen Schicksals gewachsen. ¥ * „Er gehört zur Reihe der wenigen genialen Komponisten des Jahrtausends, die das europäische Schach kennt." Die Worte stammen von Emanuel Lasker und sind Richard Reti gewidmet. Vor 5 Jahren, wenige Tage nach Erreichung seines 40. Lebensjahres, ist Richard Reti in Prag einem tückischen Scharlach beschert wird. Reti hat nämlich auf dem Gebiet des sogenannten Schachlehrbuches die Methode variantenmäßiger Glossierung der Partien aufgegeben und eine ganz neuartige posifionelle Erklärungsart geschaffen, die das Geheimste des Schachspiels, das, was es zum ewigen Kräffespiel macht, zum Verständnis bringt. So neu seine Ideen als Spieler und Sfudienkomponisr, so ureigen ist auch der ganze Komplex seines Schachdenkens. Ein Genie ersten Grades, wird Richard Reti als Turnierspieler,alsLehrmeister, als Konstrukteur vonProblemen und Endspielen fortleben. zum Opfer gefallen. Nach seinem Tod sind sein Lehrbuch „Die Meister des Schachs" und Studienkompositionen „Sämtliche Studien" (beide bei Julius Kittls Nfg., Mähr. Ostrau, C.S.R.) erschienen und haben der Welt erst die Größe Retis zum Bewußtsein gebracht. Während oft Virtuosen des Schachs plötzlich aufglänzen und ebenso rasch wieder ins Dunkel zurückfallen, gewinnt Reti erst allmählich Raum in der Sphäre des Schachlebens. Erst allmählich wird klar, daß mit ihm ein Schachdenker von einer Tiefe und Originalität dahingegangen ist, wie sie nur einem schöpferischen Genie 26

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