Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 23 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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reichende Einwanderung von Westen her und die von Osten und Norden kommende. Scharf unterscheiden sich so innerhalb des ungarischen Judentums die den deutschen, den mährischen, österreichischen und böhmischen Juden in allem gleichenden „Oberländer" von den eher von Galizien her beeinflußten „Unterländern". Dieser Unterschied drückt sich in Dialekt, Kleidung und Sitte sehr deutlich aus und man muß die Juden von Budapest, bei Berücksichtigung dieser Kriterien, vorwiegend zu den „Oberländern" zählen. Dieser Unterschied vermehrt aber auch in ganz interessanter Weise das Bild von Mannigfaltigkeit, das das ungarische Judentum überhaupt bietet und zu dem auch eine Tatsache gehört, die in jedem anderen Lande als Kuriosität gewertet würde, hierzulande aber niemandem auffällt. Ich meine die Tatsache, daß die altehrwürdige Judengemeinde von Alt- Ofen dem Verbände der „n e o 1 o g e n" Kongreßgemeinden angehört, in ihren Einrichtungen aber getrost den Vergleich mit den strengst orthodoxen Gemeinden aufnehmen kann. In der Synagoge von Alt-Ofen, die hinter einem von einer Menorah gekrönten Gitter einen großen freien Platz zur Hälfte freiläßt und mit ihrer von sechs hohen Säulen getragenen Vorhalle wie ein griechischer Tempel aussieht, ist seit ihrer Gründung vor fast 120 Jahren nichts geändert worden. Der von Säulen flankierte Almemor ist noch heute so festgemauert in der Mitte des Schiffes, wie zu den Zeiten, als hier ein Rabbi Moses Münz und Rabbi Wolf Boskowitz lebten und lehrten. Die Aufgänge zu dem Almemor sind von Gittern flankiert, die Musikinstrumente darstellen und über dem Almemor rankt sich grünes Blattwerk empor. Die bis zur Höhe der zweiten Galerie ragende Lade an der Ostwand wird von oben sich verjüngenden Säulen gestützt, über denen eine Krone thront, während ein Oelgemälde unterhalb dieser Krone den in Wolken gehüllten Berg Sinai darstellt. Zeigt schon diese prachtvolle Ausstattung im allgemeinen nicht nur, daß eine Synagoge sehr wohl mit auserlesenem Kunstgeschmack eingerichtet sein kann und dennoch nicht die geringste Konzession auf Kosten des Religionsgesetzes zu machen braucht, so stellt sie im besonderen den Juden von Alt-Ofen ein Zeugnis hervorragenden künstlerischen Sinnes aus. Dieses Zeugnis erfährt dann aber auch noch eine Erweiterung durch das, was mir in den Museumszimmern des Synagogengebäudes von dem rührigen Sekretär und Schulleiter Bela Weisz an Kunstwerken gezeigt wurde. Was von diesem, an seiner Heimatgemeinde mit großer Liebe hängenden Manne, unter der verständnisvollen Förderung des Präsidenten Dr. S i e gm u n d Orova und des Rabbiners Dr. Josef Neumann an kostbaren, schweren Thoravorhängen, silbernen Synagogengeräten, Sammelbüchsen, Chewrageräten usw. zusammengetragen, betreut und in Vitrinen ausgestellt wird, zeigt eine besondere Vorliebe für Pracht und Prunk, die die Juden von Alt-Ofen noch aus der Zeit ererbt haben, da ihre Heimat der Sitz eines Paschas war, wenn man hierin nicht eher den Einfluß prunkvoller Magnatensitze aus der Zeit der magyarischen Renaissance zu erblicken geneigt ist. Wie dem auch sei, ist es Tatsache, daß der Kunstsinn der Juden von Alt-Ofen auf eigenstem Gebiete Gelegenheit sich auszuleben gefunden hat. Auch anderen Tugenden, wie vor allem einem recht regen Sinn für Gemeinschaft und Gemeinwohl war in diesem einst mustergültigen jüdischen Gemeinwesen von Alt-Ofen Betätigungsmöglichkeit in reichem Ausmaß geboten. Man zeigt noch den jüdischen Gemeindearrest und das reichhaltige, im zweiten Stockwerk des Synagogengebäudes gelegene Archiv und gewährt einen tiefen Einblick in das Leben dieser Gemeinde vor hundert und mehr Jahren. Daß aber der gesunde jüdische Sinn aus Alt-Ofen noch lange nicht entwichen ist, zeigt nicht nur seine Äh-Ofener Synagoge: Innenansicht jüdische Volksküche, sondern mehr noch die folgende Tatsache: Jahrzehntelang war während der Herrschaft des Liberalismus die noch zur Zeit Josefs II. gegründete jüdische Schule geschlossen. Kaum aber hatte das nationale Regime im Jahre 1919 die ungarischen Juden ein wenig unsanft an ihr Judentum erinnert, als auch schon in Alt-Ofen die alte jüdische Schule wieder erstand. Heute kann die Gemeinde mit Stolz ein modern eingerichtetes Schul gebäude dem Besucher demonstrieren, der damit auch einen schönen Begriff von den j ü d ischen Energien erhält, die im ungarischen Judentum ungeschwächt wirksam sind. Diese jüdischen Energien, um die der Besucher aus Oesterreich die ungarischen Juden, ob er will oder nicht, beneiden muß, haben auch in Pest eine Fülle von Einrichtungen mannigfachster Art geschaffen. Daß man in 23