Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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da gibt es auch Bergschätze: Zement- und Brikettfabriken unterbrechen den rein landwirtschaftlichen Charakter der Gegend und da ist auch schon T o t i s oder ungarisch Tata-Tovaros, der Industrieort mit seiner alten Judengemeinde. In Mattersburg findet man ebenso wie in Ältofen Familien mit dem Namen Totis, ebenso wie es auch Judenfamilien mit dem Namen Graner gibt, und dieses Totis gehört wohl gleich Paks und Gran zu den ältesten Kehillot des mittleren Ungarn. Hier sind wir auch bereits in der Nähe zweier Orte, die in der neuesten Geschichte Ungarns eine Rolle gespielt haben: Karl, der letzte König von Ungarn hatte hier umkehren und sich geschlagen geben müssen, und ein Wahnsinniger hatte diese Gegend auserkoren, um einen Eisenbahnzug zum Entgleisen zu bringen. Dort, links von unserer Straße, liegt nun auch das berühmte Gran (Esztergom) mit seiner weithin sichtbaren erzbischöflichen Residenz, das Zentrum des katholischen Ungarn. Wie treu ist mir die Erinnerung an diese Stadt mit ihren zwei Kasernen nach achtzehn Jahren noch im Gedächtnis geblieben! Ich sehe sie noch wie heute vor mir mit ihren dorfähnlichen Straßen, in denen Schweine sich wälzten, ihre städtischen Gassen im Zentrum mit den Zeitungsverkäufern, das jüdische Restaurant mit den Kerzen der Offiziere und Soldaten am Freitagabend, die dichtgefüllte Synagoge, in der ein Rabbiner im Ornat der erzbischöflichen Kleriker eine Predigt in ungarischer Sprache vor russischen Kriegsgefangenen hielt, und die Soldatenküche der orthodox-jüdischen Landsturmleute mit ihrem fliegenden Minjan. Ich sehe auch ferner noch die Feldmesse vor mir mit den knienden Bataillonen im Kasernenhof und während ich so noch daran denke, wieviele von denen, die damals hinausgingen, wohl die ungarische Erde wieder betreten haben mögen, leuchten in der Dämmerung des Frühsommertages die ersten Lichter der Hauptstadt zwischen den Bergen auf noch einige Kurven und wir sind in Budapest. Budapest. Der Eindruck, den der Reisende am Abend bei seiner Ankunft in der ungarischen Hauptstadt empfängt, ist überwältigend. Wenn man so von Ofen her über die Kettenbrücke sich immer mehr dem lichtübersäten Pester Ufer nähert und einen Blick auf die in den Strahlen der Scheinwerfer erglänzende Zitadelle, Budapest Tempel in der Tabakgasse 22 auf Burg und Krönungskirche wirft, glaubt man eher, sich in einem ungeheuren Feenpalast als in einer modernen Stadt von härtester Wirklichkeit zu befinden. Die Ungarn haben es wirklich verstanden, ihre Hauptstadt in die Reihe der schönsten Städte der Welt zu bringen und aus der alten Festung Ofen und dem total bedeutungslosen Pest ein Klein- Paris zusammenzuschweißen. Wenn man aber das Auto verlassen hat und sich mitten in das Getriebe dieser Weltstadt hineingestellt findet, ahnt man auch gleich, welches wohl das treibende Bevölkerungselement gewesen sein mochte, dem dieser Aufstieg zum großen Teil zuzuschreiben ist. In diesen zentralen Stadtteilen beherrschen unstreitig Juden das Straßenbild und es war wahrscheinlich auch schon vor dreißig Jahren mehr als ein bloßer Witz, wenn der Wiener Bürgermeister Lueger von „Judapest" sprach. Die Juden bilden e i n Fünftel der Bevölkerung Budapests, aber sie stellen hier innerhalb einer an und für sich schon lebhaften und beweglichen Bevölkerung das noch lebhaftere, das bewegende und emportreibende Element dar. Ja, sie haben hier auch buchstäblich ihrer traditionellen einigenden und verbindenden Mission getreu gedient und auch der verbissenste Judengegner kann nicht leugnen, was hier in Erz und Stein gemeißelt die Inschrift an der Kettenbrücke kündet: daß die Juden Salomon Rothschild und Samuel Wodianer es waren, denen nebst dem König Franz Joseph I. und Adam Clark der Bau dieses Monumentalwerkes zu verdanken ist. Wenn man so dieses unter tätiger jüdischer Anteilnahme noch immer mehr emporwachsende Budapest betrachtet, drängt sich einem der Vergleich mit einer anderen durch jüdische Energie aus dem Nichts hervorgezauberten Großstadt, mit Tel-Aviv, auf. Hier, im Galuth, haben die Juden Orte verbinden geholfen und wie oft weiß man ihnen sonst nichts vorzuwerfen, als daß sie als Pazifisten für Völkerverbindung wirken. Dort, in der werdenden jüdischen Weltstadt Tel-Aviv, müssen sie eine neue Synthese im Judentum schaffen, wenn auch der jüdischen Einheit eine gewisse Freiheit und Mannigfaltigkeit der Gruppen, ein getrenntes Marschieren bei vereintem Schlagen nie schaden dürfte. Hier, in Budapest, ist zwar eine vollständige Verschmelzung der politischen Gemeinden Pest, Ofen und Altofen längst Tatsache geworden, die Juden gemeinden dieser drei Orte bestehen aber noch immer nebeneinander und voneinander unabhängig. Freilich ist das in Ungarn nicht so schlimm, da alle Gemeinden, die orthodoxen sowohl als auch die sogenannten neologen, einer von ihnen selbst gewählten Landeskanzlei unterstehen, so daß eine höhere Zusammenfassung der jüdischen Kräfte nach der einen oder der anderen Richtung unbedingt gewährleistet ist. Daß in der Geschichte der ungarischen Judengemeinden die Türkenkriege oft einen gewaltsamen Einschnitt bedingten, hat ihrer späteren Entwicklung nicht sonderlich geschadet. Mehr noch als der aus jener Periode stammende Einschlag türkisch-jüdischen Blutes haben dem ungarischen Judentum zwei einander diametral entgegengesetzte Einwanderungen ihren Stempel aufgedrückt: Die bis an die Theiß heran-