Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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ei mm juden m mm^aum Von Dr. L. Moses Die Berge von Hainburg entschwinden am Horizont und allmählich geht die Parndorfer Heide in die kleine ungarische Tiefebene über. In Hegyesh a 1 o m, der ersten Bahnstation auf ungarischer Seite, verlasse ich den Zug. Cantabit viator vacuus corampublicano würde heute vielleicht der Dichter sagen; die Gepäcks- und Devisenkontrolle ist bei Reisenden meiner Art, die unbeschwert von Geld und Gut dahinziehen, rasch erledigt. Ich betrachte noch ein wenig das Treiben des Grenzbahnhofes und namentlich den gravitätisch einherstolzierenden Polizisten mit dem steil zulaufenden Turulhelm. Wer solche Lasten auf dem Kopfe trägt, ist sicher nicht zu beneiden, weiß ich ja ohne mir etwas darauf einzubilden nur zu gut, wie schwer einem oft fällt, was sich i n ihm befindet. Bald liegt der Ort mit dem modernen Bahnhofgebäude und den übrigen netten Häusern hinter mir; der Weg führt an einer Mühle vorüber, bald über Heideboden, bald über Ackergrund, dann wieder durch Parklandschaft und Auen am Leithafluß und endlich an einem Meierhofe vorüber nach einer kleinen Siedlung. Von hier aus habe ich nur noch einer Straße zu folgen und erreiche, während im Hintergrunde das Schloß mit den vier Ecktürmen, das bekannte Wahrzeichen Preßburg s, auftaucht, die erste Judengemeinde auf ungarischem Boden: Kar Iburg oder ungarisch Orozsvär. Karlburg. Genau besehen, ist es freilich eigentlich keine Judengemeinde mehr, was ich hier finde, sondern kaum mehr die Ruine einer solchen. Denn in diesem Kadelburg, wie es einst bei den Juden hieß und von dem auch der bekannte Lustspieldichter seinen Namen hat, wohnen heute kaum mehr die Reste dreier Judenfamilien, armselige Wächter entschwundener Herrlichkeit. Ist es schon so lange her, daß die Judengemeinde von Karlburg von sich sagen konnte, sie zähle achtzig Familien? Es war im Jahre 1858, als sie in einem Aufruf „an die edle Menschheit" für ihre bereits seit dem Jahre 1842 bestehende Volksschule, die viele arme und verwaiste Zöglinge habe, um Unterstützung bat. Der Aufruf war von dem Vorsteher K i s c h und dem Rabbiner Rubinstein gefertigt und von dem Dechanten Fabian Hauser empfohlen. Vielleicht war es schon ein Zeichen nahenden Niederganges gewesen, daß die einst so bedeutende Gemeinde Hilfe von außen beanspruchen mußte. Um diese Zeit war ja schon der Zug nach der Großstadt in Karlburg ebenso fühlbar wie in dem nahen, jetzt jenseits der Grenze im österreichischen Burgenlande gelegenen Kittsee. Bis da-1 hin aber hatte in Karlburg eine ansehnliche Reihe namhafter Gelehrter gewirkt, so beispielsweise in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Rabbi Scha- 1 o m aus Trebitsch, dann Rabbi Koppel Kunst a d t, der unter dem Namen Rabbi Koppel Charif-Reich so berühmt gewordene spätere Rabbiner von Verbö, Rabbi Wolf Weißmann und noch zuletzt Rabbi Jizchak Weiß, der jetzige Rabbiner von Verbö, der noch mit bewegten Worten davon zu erzählen weiß, welchen Eindruck einst an den hohen Feiertagen im Herbst die betende Gemeinde in der Synagoge von Karlburg auf ihn gemacht habe. Von dieser Synagoge ist heute nicht einmal mehr eine Ruine übriggeblieben. Bis auf die schon erwähnten drei Familien hatten bei Kriegsende alle Juden Karlburg verlassen, die Synagoge war verödet und verfallen und man hatte sich schon gefragt, was mit den Thorarollen und den sonstigen Einrichtungsgegenständen geschehen solle. Da entschloß sich denn vor mehreren Jahren die auf ungarischem Gebiete nächstgelegene Gemeinde von Ragendorf, die Synagogeneinrichtung zu übernehmen, den Bau selbst aber einfach abzubrechen. In Karlburg ist nur mehr der Friedhof geblieben, dessen Schlüssel nebst den von ihrem gelehrten Manne hinterlassenen Talmudexemplaren eine alte Witwe aufbewahrt. Fast die ganze Länge des Ortes hindurch zieht sich an der linken Straßenseite Schloß und Park des Grafen Stefan Lonyay, des zweiten Gemahls der Kronprinzessin Stephanie, und unwillkürlich drängt sich der Gedanke an eine Parallele zwischen dem Schicksal dieser Judengemeinde und de im der Familie im Schlosse da drüben auf. Ein Trost bleibt dem Betrachter jüdischer Ruinen: Wo immer alte Gemeinden verfallen und verschwinden, sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß sich in unmittelbarer Nachbarschaft neues Leben erhebt und entwickelt. So ist es nicht nur im Altneuland Erez Jisrael, sondern auch in unseren Ländern der ehemaligen Monarchie. Auch hier hat der unverwüstliche Genius des jüdischen Lebens neben den Trümmern der altehrwürdigen Gemeinde Karlburg in der ebenfalls altehrwürdigen und ebenso todgeweiht erschienenen Gemeinde von Ragendorf (ungarisch Rajka) eine ungeahnte Verjüngung erfahren. Ragendorf. Ragendorf ist ein — ursprünglich vollständig deutsches — ungeheures Bauerndorf ohne jeden besonderen Reiz, und doch hat ihm seine Lage an einer neuen Grenze zu einem Aufschwung verholten, der auch seinen Juden zustatten kommt. Es hatte auch hier schon jahrelang keinen Rabbiner gegeben, bis in dem Gemahl einer Enkelin des letzten Rabbiners vor zwei Jahren wieder ein neuer Rabbi in Ragendorf einzog. Diese Rabbinerfamilie von Ragendorf bildet einen Zweig der bekannten Familie Schlesinger, die von dem berühmten Rabbi Mordechai Margulies ihre Herkunft ableitet und der auch Rabbi Akiba Eger und somit die Rabbinerdynastien von Preßburg und Mattersb u r g zuzuzählen sind. Recht behäbig, ein wenig seitwärts von der Hauptstraße, erhebt sich die einfache, aber nett und würdig ausgestattete Synagoge. Sie bildet mit dem Gemeinde- 19