Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-06-01 · 8 (Juni 1934) · p. Seite 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
8 (Juni 1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 20 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695758--214-8245761
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hause, in dem sich die Gemeindekanzlei befindet, und dem Gemeindewirtshaus einen zusammenhängenden Komplex und diese Gebäude umschließen zusammen einen sonst freien Platz mit Bänken, auf denen die Juden von Ragendorf abends vor Beginn des Gebetes ihre Gemeindeangelegenheiten besprechen. Das sind die typischen ungarischen Landjuden, wie sie da mit der Pfeife im Munde sitzen und behaglich plaudern. Sie stehen mit beiden Füßen auf diesem Boden und der alte Friedhof sowohl als auch die P r o t o k o 11 b ü c h e r im Gemeindearchiv bezeugen, wie alteingesessen alle diese Familien hier sind. Da erscheinen sie alle, die Buchbinder, Klinger, Lustig, Schiff, die Markbreiter und Springer, aber auch die Jerigen (aus St. Georgen), die Jemering und Jeschurun sind in den Büchern vertreten und ein T e 1 e k i verrät seine Herkunft aus dem Innern Ungarns. Später tauchen auch ein Pollitzer und ein Horowitz in den Büchern auf und schließlich die noch heute im Orte lebende, von einem polnischen Einwanderer stammende Familie Löwin. Ich sehe die aus Karlburg hiehergekommenen Silbergeräte und als besonderes Kuriosum auch ein Gebet für den Grafen Hugo Henckel von Donnersmarc k, den früheren Herrn und Besitzer von Karlburg, das jetzt in morschem Rahmen in der Gemeindestube zu Ragendorf hängt. Vor dem Umsturz des Jahres 1848 waren die adeligen Großgrundbesitzer in Ungarn so sehr souverän, daß die Gebete für den Landesherrn auf sie und nicht etwa auf den Kaiser in Wien bezogen werden mußten. In den burgenländischen Gemeinden haben sich solche Gebete für den Fürsten Esterhazsy erhalten, hier in Ragendorf aber hat sich in dem jüdischen Gemeindewirtshaus auch noch eine andere weit lebensvollere Reminiszenz an die Zeiten der jüdischen Gemeindeautonomie in unsere Tage hinein gerettet. Außer dem Badehaus, der Fleischbank und der Backstube hatte jede Gemeinde in Mähren und Ungarn auch ein Wirtshaus zu verpachten und einen großen Teil der Protokollbücher jener Zeit füllen die Verhandlungen und Kontrakte mit den Pächtern dieser Anstalten. Das Wirtshaus hatte wohl auch für die Juden eine große, wenn auch vielleicht nicht die überragende Bedeutung wie für die christliche Bevölkerung. Man würde weit fehlgehen zu glauben, daß der Jude früherer Jahrhunderte ausschließlich im Lehrhause seine freien Stunden verbracht habe. Was dem Großstadtjuden heute das Kaffeehaus ist, das war dem Landjuden früher das Wirtshaus und im Mittelalter kannte man sogar das jüdische Tanz ha us. Die ungarischen Juden waren bei aller Strenge in der religiösen Pflichterfüllung nie weltfremd gewesen und auch heute ist dieses jüdische Gemeindewirtshaus in Ragendorf, in dem sich auch der christliche Bauer den von einem munteren jüdischen Wirt kredenzten Koscherwein gut schmecken läßt, vielleicht der beste Ausdruck für die Norm, die sich im toleranten Ungarlande für das Zusammenleben von Christen und Juden seit Jahrhunderten ausgebildet hat. Der Autobus führt mich in rascher Fahrt ostwärts, mitten in die kleine ungarische Tiefebene hinein. Die ersten Ziehbrunnen mit ihren langen Schwengeln tauchen auf, junge Füllen laufen hinter dem Pflug einher, an den die Mutterstute gespannt ist, Kinder gehen in Scharen aus der Schule, Rinder und Schweineherden von der Weide nach Hause. Es ist weites, unendlich weites, wenn auch sicher nicht intensiv genutztes Land. Landwirtschaft und Viehzucht beherrschen das Landschaftsbild ganz ausschließlich, aber trotz aller Weite und Eintönigkeit ist dieses Bild nichts weniger als reizlos. Akazien in voller Blüte, einzeln, in Gruppen und in ganzen Wäldern erfüllen den Wagen mit ihrem süßen, schweren Duft, so daß man fast glauben könnte, durch ein Traumland zu fahren. Immer wieder tauchen Zigeuner auf und irgendwo haben sie sogar ein Lagerfeuer angezündet. Sonst ist das Land hinter Ungarisch-Altenburg und Wieselburg aber schon recht ausschließlich ungarisch in Sprache, Tracht und Typus der Bevölkerung. Aber nebst jüdischen weisen die Geschäftsschilder in den Dörfern doch immer wieder Namen auf, die unter der magyarischen Tünche leicht den deutschen und manchmal auch slawischen Kern erkennen lassen. Raab. Eine große Stadt kommt in Sicht und bald sind wir mitten in den holperigen Vorstadtstraßen von Raab (Györ). Ladenschilder mit jüdischen Namen zeigen, daß diese einst mitten in Ungarn, jetzt aber an der Grenze der Tschechoslowakei gelegene Stadt auch von zahlreichen Juden bewohnt ist. Bald kündet ein Schild auch ein „Orthodox koscheres Restaurant" an, ein Monumentalgebäude birgt die israelitische Volksschule und gleich darauf passieren wir auch eine prunkvolle, neologe Synagoge. Wir sind mittlerweile in das schöne und moderne Zentrum der Stadt mit dem Rathaus und dem Kriegerdenkmal gelangt und so kann ich auch die Eleganz der ungarischen Provinzstadt auf mich wirken lassen. Im Fluge hat uns aber schon die obige Gegenüberstellung gezeigt, daß es hier zweierlei Judentum zu geben scheint, und so ist Raab charakteristisch für das jüdische Ungarn. In diesem Lande des Ueberganges in jüdischer Hinsicht mußten die Gegensätze viel heftiger aufeinanderprallen, als in dem einheitlicher westlich orientierten Mähren oder in dem ebenfalls viel homogeneren Galizien. Aber die Trennung war in Ungarn mehr eine reinliche Scheidung; die Leidenschaften haben sich gemäßigt und es hat sich nach und nach doch allem Anschein nach über alle Differenzen hinweg ein gemeinsam jüdisches Denken herausgebildet. Vielleicht kommt man gerade in diesem Lande dann auch einmal zu der Ueberzeugung, daß der Streit um Formalitäten, wie Aussprache oder Ritus es sind, zurückzutreten hätte gegenüber der Frage nach dem, was im wesentlichen zu tun bleibt. Totis und Gran. Die Fahrt geht weiter, an Komorn, der vielumstrittenen Festung der Türkenkriege, vorüber und oft wird für längere oder kürzere Zeit die Donau sichtbar. Längst vergessene Romane des ungarischen Dumas, Maurus Jökai, fallen einem wieder ein, eine Hochzeitsgesellschaft in ungarischen Kostümen wird überholt und dann tauchen auch schon die Berge von Gran und Visegrad auf. Wo ein Gebirge ist, 20

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.