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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-06-01 · 8 (Juni 1934) · p. Seite 16

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
8 (Juni 1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 16 (sequence 18)
Language
German
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der Zeit von 1889 bis 1901 von zirka 50 Bühnen aufgeführt. In Wien allein wurden seine Dramen im Burgtheater, im Deutschen Volkstheater, im Carl-Theater, im Josefstädter Theater, im Johann-Strauß-Theater, im Theater a. d. Wien usw. gespielt. Und heute? Die kleinen Leute, die die Größe Herzls nicht vertragen und wie Däumlinge sich in seinem Schatten für Riesen halten auch sie werden noch das W i e d c r a u f e r s t e Ii e n des Dramatikers Herzl erleben. Herzl wird als Dramatiker auferstehen, weil er eben Dramatiker war. 9 Wie Herzl Zionist wurde. Er erwachte und der Traum ward zur Wirklichkeit . . . . Auch in zionistischen Kreisen wird die Meinung vertreten, daß Herzl durch den Dreyfus-Prozeß plötzlich Zionist wurde. Das ist nicht richtig. Der Dreyfus-Prozeß w ar eine r der vielen Gründe, der zur Reife seiner Ideen und Pläne führte. Langjährige Erlebnisse und Betrachtungen führten Herzl zum Judenstaat. Der Dichter Herzl beschäftigte sich mit der Judenfrage und der Politiker Herzl setzte sie in die Tat um. Schon als junger Hochschüler in der „Albia" befaßte sich Herzl intensiv mit der Judenfrage. Herzl befand sich einmal in Mainz in einem Konzertsaal. Der Saal war voll Menschen. Gespräche und laute Unterhaltungen. Herzl wollte gehen. Er war eine hohe, schlanke Erscheinung, eine königliche Gestalt mit dem rassigen Kopf eines Propheten, mit reinen Gesichtszügen und tiefblickenden Äugen. Als Herzl sich erhob, da mußten alle Äugen sich ihm zukehren. „Hep, Hep!" schrie ihm jemand nach. Die anderen lachten und johlten. Viele Jahre hindurch hallte in Herzl der Ruf „Hep, Hep, Jude!" nach. In Mainz sagte man damals „Hep, Hep, Jude" und in Baden hörte er „Saujud". Herzl pflegte oft Reisen zu machen und die Judengassen aufzusuchen. In einer Schilderung „Sonne und Schatten" (1888) schreibt er über seine Eindrücke im Judenviertel zu Rom: „. . . Das Ghetto! Mit welchem hämischen und niedrigen Haß man sie verfolgte, die armen Leute, deren großes Verbrechen die Glaubenstreue gewesen. Wir haben es jetzt viel weiter gebracht: man macht den Juden nur mehr die krumme Nase zum Vorwurf, sowie das Geld, auch wenn sie keines haben." 1891. Paul Friedmann verwendete in selbstloser und uneigennütziger Weise sein großes Vermögen für eine Judenkolonisation in Madian. Er rüstete ein Expeditionsschiff „Israel" aus, das eine Gruppe von Juden nach Madian brachte. Sein Plan, ein jüdisches Reich, einen Judenstaat, in Madian zu errichten, scheiterte. Herzl war über Friedmanns Absichten informiert und viele Jahre hindurch klang in seinen Ohren das Wort Judenstaat. Große Politiker sind eigentlich auch große Dichter. Sie haben für die Masse nicht allein das gesprochene, sondern auch das geschriebene Wort. Herzl will einen Judenroman schreiben und tatsächlich erscheint vor dem „Judenstaat" sein Drama „Das neue Ghetto". Aus dem Dichter Herzl wurde der Politiker Herzl. „Ja", sprach jemand Herzl in Paris an, „was liegt schon daran, wenn Dreyfus verurteilt wird - - er ist schließlich doch nur ein Jude." Erst jetzt beschloß Herzl, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. V. 1904—1934. In der Zionsfahne Falten Wird dereinst dein Sarg gehüllt. Was du schworst, wir werden's halten. (Nordau.) Je mehr Jahre verstreichen, um so größer wird Herzl werden. Liest man seine Artikel oder Reden, so erkennt man erst recht dreißig Jahre nach seinem Tode seine prophetische Berufung. Was wäre heute mit den Juden, wenn Herzl nicht gelebt hätte? Das, was mit den Juden in Aegypten ohne Moses gewesen wäre. Nahum Sokolow meinte einst in seiner Schlußansprache auf dem vierten Kongreß: „. . . Ich fühle das Trockene, das Unzulängliche in dem Titel, wenn ich den Mann, der unseren Stolz, unser Programm bildet, bloß unseren Präsidenten nenne. Herr Doktor Herzl ist ja unser Führer, ist der Schöpfer dieser Bewegung . . ." Dr. Sokolow bekleidet die Stelle, die einst Herzl inne hatte, er ist Präsident der zionistischen Weltorganisation. Herr Präsident Dr. Sokolow! Einige Male hatte der Kongreß, das von Herzl geschaffene jüdische Parlament, beschlossen, Herzls Testament zu vollstrecken und seinen Körper nach Palästina überzuführen. Dreißig Jahre sind verstrichen. Zwölf Kongresse tagten unterdessen. Wie viele Jahre, auf wie vielen Kongressen wird der Schöpfer des „Judenstaates" noch mahnen müssen! Als die Juden aus Aegypten zogen, war ihr erstes: Erfüllung des Schwures sie nahmen die Gebeine Jakobs nach Palästina mit. Herzls Testamenterfüllung ist eine Ehrenschuld des jüdischen Volkes. Eine heilige Ehrenschuld der zionistischen Weltorganisation, an deren Spitze Sie, Herr Dr. Nahum Sokolow, stehen! 16

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