Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-06-01 · 8 (Juni 1934) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
8 (Juni 1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 15 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695758--209-8245756
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Am selben Abend fand eine Kneipe statt, man sang Lieder, trank Bier, lachte und scherzte. Und jetzt begann in lustiger Form der Literatenstreit dreier junger Journalisten. Paul von Portheini, Hermann Bahr und Theodor Herzl wetteiferten um den Beifall für ihre Gedichte und Lieder. „Silentium pro Theodore Herzl." Herzl trägt ein „Heldenepos", die „Hakenquart", vor, welches der „Fuchs" Herzl seinem „Leibburschen" Stärk gewidmet hatte. Und dann kam der Krach. Judendebatten entstanden in der „Albia". Seine besten Freunde begannen zu antisemitein. Sogar Hermann Bahr hält eine antisemitische Rede. Herzl bricht mit allen und ersucht um den Austritt. Dieser wird ihm nicht bewilligt, sondern er wird „chassiert". Schließlich wird die Chassierung aufgehoben und Herzl aus der Mitgliederliste der Kulör gestrichen. Das stolze offene Bekenntnis Theodor Herzls zum Judentum in der „Albia" führte endlich dazu, daß er mit den „Kulörbrüder n" jedweden Verkehr aufgab. III. Herzl als Dramatiker. Der Körper ist tot, Sein Geist lebt. Der Dichter ist tot, Seine Werke leben. Herzl ist in der literarischen Welt als Journalist und Schriftsteller geachtet; als Verfasser vieler künstlerischer Feuilletons, Essays, Skizzen, Novellen und Milieuschilderungen hat er einen populären, klangvollen Namen. Viel zu wenig bekannt ist es, daß Herzl ein Dramatiker war, der dreißig Theaterstücke geschrieben hatte, welche einst von hunderten Bühnen aufgeführt wurden. Einst bevor er den „Judcnstaat" veröffentlicht hatte. Es ist geradezu unverständlich, wie Theodor Herzl in Palästina als Dramatiker behandelt wird! Totgeschwiegen im Galuth und totgeschwiegen in Palästina! Es klingt komisch, wenn man erfährt, daß die Weisen der hebräischen Literatur den Edgar Wallace und Conan Doyle übersetzt haben und nicht den Dramatiker Herzl. Der Mann mit dem dicken Stock, der die hebräische Poesie führt, macht Uebersetzungen von unbekannten Legenden, Gedichtchen und Geschichtchen aber er schweigt über Herzl. Werke von Judentäuflingen und von Judenfeinden erscheinen in hebräischer Sprache, nur Herzls Dramen nicht. Und das hebräische Theater in Palästina, ob es „Habimah" oder „Ohel" heißt, kramt Dramen aller möglichen und unmöglichen Dichter hervor, nur den Herzl nicht. Ist vielleicht Herzl ein schlechter Dramatiker? Adolf Ritter v. Sonnenthal, der bedeutendste Schauspieler am Wiener Burgtheater, lobt in begeisterten Worten den „Solon in Lydien", Friedrich Mitterwurzer den „Tabarin", Ludwig Speidel, einer der hervorragendsten Theaterkritiker, spricht sich für das eine Theaterstück aus, Hermann Bahr hält das andere Bühnenwerk für gut, Burckhard oder Schienther usw. ebenso. Herzls Dramen verdienen es zumindest, ins Hebräische übersetzt und von den Regisseuren der „Habimah" oder „Ohel" gelesen zu werden. Das ist nicht viel verlangt. Ohne Herzl gäbe es heute keine lebendige hebräische Sprache und natürlich auch keine „Habimah" oder „Ohel". „Man traut sich nicht recht, mich aufzuführen", meinte Theodor Herzl über das n i c h t jüdische Theater. Aber auch in Palästina, in seinem „Ält-Neulan d", in sein em werdenden „J ud e n s t a a t", traut man s i ch nicht, weil man sich nicht die Mühe nimmt, seine Dramen zu lesen. Hier einige Beispiele der Aufführungen der Dramen Herzls: „Causa Hirschkorn" in Wien, Prag usw. „Der Flüchtling" in Hamburg, Hannover, Frankfurt a. Main, München usw. „Gretel" in Wien, Hamburg usw. „Das neue Ghetto" in Wien, Berlin usw. „Solon in Lydien" in Prag, Berlin, Kassel usw. „Tabarin" in New York, Dresden usw. „Unser Käthchen" in Wien, Prag usw. „Seine Hoheit" in Prag, Berlin. „Was wird man sagen?" in Berlin, Prag. „Prinzen aus Genieland" in Wien, Prag. „I love you" in Berlin, Wien usw. „Die Dame in Schwarz" (gemeinsam mit Hugo Witman), „Die Glosse", „Des Teufels Weib", „Kompagniearbeit" usw. „Wilddiebe" (gemeinsam mit Witman) wurde in 15

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.