Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-06-01 · 8 (Juni 1934) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
8 (Juni 1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695758--208-8245755
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Sklaven und in Palästina freie Männer. Warum hat Moses den Suez nicht durchstochen? Eins, zwei, drei und die Juden wären in Palästina gewesen. Das hätte ein Jahr gedauert und nicht vierzig . . . „Benjamin, welche Arbeiten mußten die Juden in Gosen vollführen?" Theodor Herzl ist verwirrt. Der Lehrer hatte seine Gedankenwelt gestört und er verstand die Frage nicht und stotterte. „Um den Suezkanal bauen zu können, muß man Schleusen . . ." Der Satz war noch nicht zu Ende und schon spürte er die Hände seines Lehrers. Auf dem Heimweg. Nein, nur nicht weinen, der Papa und die Mama, auch Pauli dürfen nichts merken. Ach was, es tut nicht mehr weh. Ich hätte die Juden nicht über die Wüste, sondern über den Suezkanal geführt! Schade, daß Moses sie schon aus Aegypten hinausgeführt hat. Richtig ... ich werde den Isthmus von Panama durchstechen. Ja, das werde ich machen! Stefan und Bela gingen vorbei; sie erblickten Theodor und höhnten: „Heide, Götzendiener!" „Vaterlandsloser!" Husch, gleich waren sie weg und hörten nicht einmal die Drohungen Theodors. „Wartet nur, morgen in der Schule . . ." Und zu Hause setzte er sich vertraulich zu seinem Vater und flüsterte ihm ins Ohr: „Papa, endlich hab' ich's. Einen sehr großen Plan. Ich werde Ingenieur werden und den Isthmus von Panama durchstechen, Papa, das muß ein Geheimnis bleiben, bis ich so groß wie du werde. Nicht einmal Pauli darf davon erfahren, denn sonst kann mir ein anderer zuvorkommen, wie Moses in Aegypten und wie Lesseps beim Suez-Kanal . . ." Das war im Jahre 1869. Acht Jahre später nahm Ferdinand Lesseps auch die Anlage des Panama- Kanals in die Hand. II. Aus der Hochschülerzeit. Schön ist die Jugendzeit! Eine schöne und sorgenlose Zeit verbrachte Theodor Herzl als junger fescher Student an der Wiener Universität. Im Studienjahr 1880 81 trat er in die akademische Burschenschaft „A1 b i a" ein und mit Stolz trug er eine bunte Studentenkappe, ein Kulörband und machte viele Studentenstreiche mit. Die Alben waren stramme, vornehme Kerle, die besonders gut die Klinge führten und sehr oft Duelle hatten. Herzl nahm regen Anteil am Leben und Treiben der Burschenschaft, zweimal täglich, von 1- 3 Uhr nachmittags und von 5—7 Uhr abends beteiligte er sich an den offiziellen Fechtstunden und besuchte außerdem einen Kurs, wo er noch besonderen Unterricht bei einem Fechtmeister nahm. Das war eine lustige Studentenzeit! Kneipen wurden veranstaltet, Bier und Kognak getrunken, Karten gespielt, Lieder gesungen, tolle Streiche gemacht, Billard „studiert" und beim Universitätsfechtmeister „immatrikuliert". Es war am 11. Mai 1881. Die Aktivitas und einige „Alte Herren" der „Albia" und „Allemannia" versammelten sich in einer Kellerbude, um der Mensur zwischen dem Albiafuchs und dem Allemanniafuchs Karl Koch beizuwohnen. Beide waren schon bandagiert. Zur rechten Seite Herzls stand sein Sekundant Franz Stärk und zur linken sein Testant Hans Pischek. Einige Schritte entfernt: Der Unparteiische, der Paukant, ein Student, der die „Gänge" notieren sollte, und die noch bei der Mensur Beteiligten. Die festgesetzte Minute nahte heran. Der Unparteiische, von Strohbach, trat hervor und rief: „Silentium für eine Mensur zwischen stud. jur. Theodor Herzl, Fuchs der ,Älbia', und Karl Koch, Fuchs der ,Alemannia'. Silentium! Alles parat? Ächtung! Los!" Herzl stand ruhig, nur die geröteten Wangen verrieten den Ernst der Situation. Fest hielt er die Klinge, hatte eine gute Kampfstellung eingenommen, griff an, parierte, sein Säbel durchschnitt surrend die Luft und schließlich traf er den Gegner flach. „Halt!" Der Sekundant und „Leibfuchs" Herzls, stud. techn. Franz Stärk, betrachtet mit Stolz seinen „Leibfuchs" und flüsterte ihm zu: „Leibfuchs, brav, jetzt eine Hakenquart. Die wird sitzen." „Achtung! Los!" rief der Unparteiische v. Strohbach. Die Klingen kreuzten, Funken sprühten. „Halt! Bitte den Säbel Herzls zu kontrollieren." Der Testant, stud. jur. Hans Pischek, sah nach. Von den wuchtigen Hieben ist er verbogen. Er wird gerade gemacht. „Bindet die Klingen! Los!" In der Reihe der „Albia" war freudige Bewegung. Ein schöner Hieb und gut gewippt. Dr. Roth, der Bader Kochs, sieht nach. Gleichgültig zuckt er mit den Achseln. „Nichts, meine Herren, nur ein Kratzer." „Bindet die Klingen! Los!" Die Paukanten sehen sich an. Herzl dachte wohl, was seine Eltern dazu sagen würden. Er ging zum Duell und hatte zu Hause nichts gesagt. Wozu auch? Es ist ja nicht so arg. Gut ripostiert. Das wäre aber eine Abfuhr! Die Halsbinde Herzls wird rot. Blut floß. Herzl spürte fast nichts. Ein Kratzer. „Leibfuchs, im nächsten Gang einen Durchzieher. Du verstehst, so, wie ich dich gelehrt habe. Aber tüchtig!" „Silentium! Bindet die Klingen! Los!" Ein Durchzieher. Er wird pariert. Gang auf Gang. Terzen, Quarten, flache Hiebe und Kratzer. Noch fünf Minuten. Zum Teufel, wann wird ein Hieb, ein fester Hieb sitzen? Beide wollen zur „Burschenprüfung" steigen. Sonst heißt es wiederholen, ein neues Duell mit irgend jemandem. Gleichgültig mit wem. Jetzt einen Schritt vorwärts und eine Hochquart. Was war das? Beide sind verletzt und haben bezogen. Die Bader sehen sich die Wunden an. Die Aktiven flüstern nicht mehr, sie sprechen laut. Wer ist abgeführt? Wer soll sich für geschlagen erklären? Die Sekundanten sprechen mit dem Unparteiischen. „Ich bitte um Fortsetzung der Mensur. Silentium am Kampfboden! Ausgeschlagen! Mensur ex!" Dr. Scherzinger näht die Wunde Herzls. Ein „Blutiger". Eine Nadel. Auch Koch hatte nur einen „Blutigen" bezogen . . . 14

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.