Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695758--202-8245749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Elend dieser Zeit mit der Hoffnung, mit religiösen Gefühlen und kirchlichen Zeremonien hinweg, läßt sich mit Weihrauch und Predigt einlullen, findet sich mit Rücksicht auf den „Wechsel auf ein besseres Jenseits" mit dem miserablen Diesseits und seiner verschiedenartigen Unterdrückung ab. Natürlich wird so der religiöse Proletarier seiner Klasse n kämpf bestimm u n g untreu, wird ein Saboteur und Hemmschuh im Kampf um die „Befreiung des Proletariats". Unter diesem Gesichtspunkt muß Religion natürlich bekämpft werden, beim Einzelnen so gut wie bei der ganzen Klasse. Dieser Kampf wird sicherlich mit Aufklärung geführt werden müssen, denn „Wissen macht frei!". Aber mit diesem rein bürgerlichen Requisit zur Beseitigung der Religion kann der wirkliche proletarische Gottlose nie und nimmer sein Auslangen finden. Aufklärung schlägt bestenfalls Blätter und Blüten vom Stamm der Religion ab, aber sie beseitigt keineswegs die Wurzel der Religion. Wer der Religion wirklich zu Leibe rücken will, der muß ihr das Erdreich zumj weiteren Wachstum entziehen. Dies Erdreich aber ist, wie schon gesagt, die bürgerliche Gesellschaftsordnung. Erst wenn alle Klassenunterschiede restlös beseitigt sind, dann hört auch alle Ungleichheit auf, sind alle Spannungen behoben, der Ltyiterdrückte ist frei und gleichberechtigt, hat also keinen Grund mehr, sich benachteiligt zu f ü h 1 e n, er hat sein Paradies auf Erden und braucht darum keines mehr im Jenseits. Er erkennt nun klar und deutlich, daß „alle Religion Schwindel war" und legt sie ab wie eine altgewordene Haut, die nicht mehr „benötigt" wird. Weil nun Religion nicht mit Aufklärung allein beseitigt werden kann, sondern in ihrem tiefsten Wesen nur durch Erringung der „klassenlosen Gesellschaft" vernichtet wird, richtiger dann automatisch ausstirbt, so m u ß der proletarische Freidenker und Gottlose zwangsläufig Sozialist und Klassenkämpfer sein. Nur wenn der „Sumpf der bürgerlichen Ge&ell- SChafisordnung" endgiltig trocke 1 gelegt ist, hört auch seine verderblichste Ausdünstung, die Religion, auf, werden ihre Fieberträume und Illusionen verschwinden. Darum muß der proletarische Gottlose fanatischer Klassenkämpfer sein. So allein kann er wirk ich der Religion ernsthaft zu Leibe rücken. Aller andere Kampf gegen die Religion ist zwar gut und erwünscht, aber doch nur ein Abschlagen von Zweigen, keineswegs jedoch die Beseitigung und Vernichtung des Stammes. Auf die aber kommt es an. Was hier als „Generallinie" entwickelt wurde,, das sei nachstehend noch aus dein sozialistischen Schrifttum genauer belegt. Nach sozialistischer Lehre ist der Mensch ein bloßes Naturprodukt. Engels erklärt (Ludwig Feuerbach, S. 12): „Außer der Natur und den Menschen existiert nichts, und die höheren Wesen, die unsere Phantasie erschuf, sind nur die phantastische Rückspiegelung unseres eigenen Wesens." Karl Marx, der scharfe Theoretiker d/js Sozialismus, hat über das Wesen der Religion folgende Aufstellung gemacht (Deutsch-Französ. Jahrbücher. Gesammelte Schriften, I., S. 384): „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und Selbstgefühl des Menschen, dersich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat . . . Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Societät. Dieser Staat, diese Societät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind, Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt . . . Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Weit, deren geistiges Aroma die Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes." Und weil Religion Opium, Gift fürs Volk ist, darum ist es nach Marx Aufgabe der Arbeiterpartei, „die Gewissen von dem religiösen Spuk zu befreien." Karl Marx hat also auch nicht annähernd einen richtigen Begriff vom Wesen der Religion. Aus seiner materialistischen Weltauffassung heraus kennt er kein höheres Wesen außer der Welt, weiß nichts von der Verbindung mit Gott, der alles geschaffen, zu dessen Dienst also letzten Endes diese Welt bestimmt ist. Der ganze Sinn des Lebens hat in der Lebensdeutung Marxens nur erdbedingte Ziele. Marxens Lebensauffassung ist aber für Lenin und das neue russische Regime Fundament des Staats- und Volkslebens. Auch Lenin hat sich wie Marx (ja man möchte sagen, öfter noch als Marx) mit der Religion befaßt. Eine Zusammenfassung dessen, was Lenin zur Religion gesagt hat, finden wir in Hermann Dunckers Schrift: ,,W. J. Lenin über Religion. Aus Artikeln und Briefen." Um die ideelle Grundlage des russischen Gottlosenkampfes richtig zu erfassen, ist es unbedingt notwendig, ehe man die faktischen Taten und Arbeiten der Gottlosen behandelt, Lenins Ansichten kurz zu skizzieren, denn der ganze russische Religionskrieg b e z i e h t ja aus Lenins blindgeglaubter Theorie seine unheimlichen Auftriebe. Ueber das Wesen der Religion und über die Entstehung der Religion sagt Lenin (a. a. O., S. 15): „Die Religion ist eine Art des geistigen Druckes, der überall und allenthalben auf den Volksmassen lastet, die durch ewige Arbeit für andere, durch Not und Vereinsamung niedergedrückt werden. Die Ohnmacht der ausgebeuteten Klassen im Kampf gegen ihre Ausbeuter erzeugt ebenso unvermeidlich den Glauben an ein besseres Leben im Jenseits, wie die Ohnmacht des Wilden in seinem Kampfe mit der Natur den Glauben an Götter, Teufel, Wunder und dergleichen hervorruft." Wir haben schon früher betont, daß diese Erklärung von der Entstehung der Religion völlig irrig ist. Sie mag wohl oberflächliche Geister befriedigen, kann aber absolut nicht standhalten vor wirklich ernster Ueberlegung. Schon die alten Heiden haben darauf verwiesen, daß man wohl Städte ohne Mauern und Völker ohne Kul- 8