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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-06-01 · 8 (Juni 1934) · p. Seite 7

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
8 (Juni 1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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natur und Höhenblicken ihr diesseitiges Vorwärtskommen verpassen und unter die Räder kommen. Warum denn auch von einer Vergeltung im Jenseits träumen, wenn sidh durch tausenderlei Versicherungen, Kartelle, Verbände und Kollektive das Diesseits auch ganz erträglich gestalten ließ. Kollektive Selbste r 1 ö s u n g und v ergötztes M a s s e n m e n - s c h e n t u m feierten ihre großen Triumphe. Mit leisem, spöttischem Untertön von „Du mm sein" wurde die Religion zur Privat s a c he erklär t. Aber trotz dieser Ab- und Ausschaltung jeglicher Uebernatur konnte der erdverhaftete Kollektivmensch nicht ganz von der Uebernatur loskommen, immer wieder empfand er die Notwendigkeit, sich über die noch nicht ganz verschwundene Religion zu ereifern, bis er schließlich dazu überging, systematisch und zielbewußt die Religion nicht bloß zu bekämpfen, sondern sie auch wie ein hartnäckiges Unkraut auszurotten, um so jenen Kirchhofsfrieden herzustellen, der nicht mehr mit giftigen Ausdünstungen aus unkontrollierbaren „Seelenklüften'' das äußere Aufbauwerk gefährdet. Das war der letzte und tiefste Sinn des r u ssischen Bolschewismus und seiner häßlichsten Ausgeburt, der Gott losenbewegung. Die russische wie die europäische Gottlosenbewegung fand ihren stärksten Nährboden im Sozialismus. Auch der Sozialismus lebt und wirkt aus einem Glauben heraus, allerdings aus einem ülauben ohne übernatürlichen Gott. Letztes Ziel des Sozialismus ist die selbstvergottete Gesellschaft mit den für sie entscheidenden Wirtschafts- und Produktionsverhältnissen. Dadurch wird alle Uebernatur überflüssig, ja direkt schädlich, weil sie den Menschen der Erde entfremdet, entzieht und verhindert, daß er für sie sein Bestes gibt. Es gibt nur e i n Absolutes und das ist c'ie sozialistische Gesellschaft in ihrer letzten und reinsten Verkörperung, im Kommunismus, der erdgeboren und erdgewichtig zur Realität des Nurgreifbaren wuchtet. Da zwei absolute Höchstwerte gleicher Art einander ausschließe n, so können licht sozialistisches Endziel und religiöses Schlußfolgern über menschliche Bestimmung einen und denselben Menschen mit Beschlag belegen. Ihre letzten Konsequenzen liegen so weit auseinander wie Himmel und Erde. Darum können ihre Wege auch niemals gleicher Richtung, viel weniger gleicher Strecke sein. Zwangsläufige Folgerung daraus ist Bebels Feststellung: Sozialismus und Christentum stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser. Das andere Wort aber, „Religion ist Privatsache!", ist nur parteipolitische Taktik, Uebergangslösung und rabulistischer Ausweg, um die noch irgendwie religiös oder kirchlich gebundenen Menschen leichter umwerben zu können. Sind fe ie aber einmal der sozialistischen Idee Wirklich gewonnen, so ergibt sich zwangsläufig die weitere Konsequenz. Darum auch die ebenso n o t w e n d ige Erscheinung, daß der r e 1 i - 8 1 o sc Sozialismus nie ernsthafte Bedeutung erlangen, im in e r n u r a u f u n k 1 a r e Köpfe seinen Zauber ausüben konnte. - Lenin, der für die russische Gottlosenbewegung so ausschlaggebend war, hat darum folgerichtigerweise den religiösen Sozialismus als innerlich unmögliches Gebilde offen und leidenschaftlich abgelehnt. Bevor wir nun die russische Gottlosenbewegung und ihre Arbeitsmethoden, die gegen jeglichen positiven Glauben, nenne er sich mm Christentum, Judentum oder Islam, ankämpft, an der Hand von Tatsachen und verläßlichen Berichten schildern, müssen wir uns völlige Klarheit über die sozialistische Ansicht über Religion geschaffen haben. Erst dann wird der abgründige Religionshaß der Gottlosen verständlich. Der konsequente Sozialist sieht in der Religion nur eine verhängnisvolle Verschleierung und Verfälschung der Wirklichkeit. Es ist wichtig, hier ganz klar den Unterschied zwischen dem bürgerlichen Atheisten und dem proletarischen Gottlosen herauszustellen. Der bürgerliche Atheist betrachtet die Religion letzten Endes als eine Ausgeburt der Dummheit oder als wertvolles Werkzeug des ,,Klerikalismus". Dummheit und betrug (Schwindel) halten sich seiner Ansicht nach die Waage bei der Religion. Dabei ist er persönlich sehr oft dafür, daß „dem V o 1 k e Religion erhalten bleibe", denn ein gottloses und religionsloses „Volk" kann unter Umständen auch gegen ihn recht unmanierlich werden, kennt kein „heiliges Eigentum" mehr und setzt sich auch sonst über herkömmliche Schranken und Hemmungen hinweg. Ueberwindung der Religion ist am einfachsten durch Aufklärung, durch Aufzeigen des (fälschlich konstruierten) Gegensatzes zwischen Glaube und Wissen möglich. Als Ersatz für die Religion denkt sich der bürgerliche Freidenker ein allgemeines Humanitäts-Evangelium, Ethik und allerlei Schöngeisterei. Den bürgerlichen Atheisten gilt Gottlosigkeit sozusagen als P r i v a t v e r g n ü g e n f o r t g e s c h r i 11 e n c r M e lisch en. Im politischen und gesellschaftlichen Leben hat bei ihm Gottlosigkeit keine weiteren Folgen. Ganz anders steht es um die Gottlosigkeit des proletarischen Freidenkers. Ihm ist sie nicht irgendeine schöngeistige Liebhaberei, ihm ist sie zwangsläufige Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens, deutlicher gesagt: Zur wahren „Freiheit" des Menschen und „zur Ueberwindung jeglicher Unterdrückung und Sklaverei" ist die „Befreiung" von Religion und Kirche unerläßliche Notwendigkeit. Der proletarische Gottlose betrachtet (im scharfen Gegensatz zum bürgerlichen Freidenker) Religion nicht als eine bloße „Dummheitserscheinung" der „breiten Massen", der man mit einem Schuß Aufklärung beikommt, der proletarische Gottlose bewertet vielmehr die Religion als eine „zwangsläufige" Begleiterscheinung der „Klassengesellschaft". Er findet, daß es solange Religion geben wird und muß, als noch eine Gesellschaft besteht, welche Unterdrücker und Unterdrückte kennt. Die Spannung oder das Mißverhältnis zwischen Reich und Arm erzeugt automatisch Religion. Weil der Prolet seine Wünsche und Sehnsüchte auf dieser Welt nicht erfüllt sieht, verlegt er ihre Befriedigung ins Jenseits, täuscht und tröstet sich über alles 7

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