Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ZU &uu\dlagcn dc% &Mteenkeiw$unQ__ Von Spectator Der schwere Druck der moralischen und wirtschaftlichen Krisis, welche heute auf der ganzen Welt und besonders auf den Juden lastet, hat diese dazu gebracht, über ihrer eigenen Not die oft noch schwerere ihrer Brüder In andern Ländern zu vergessen. Denn, wen tagtäglich neue Sorgen bedrängen, dem bleibt nicht Zeit, sich des Geplagteren und Unglücklicheren zu erinnern. Entmutigt durch das jüdische Schicksal in Deutschland, ohn mächtig gegen die verstärkte antisemitische Welle unserer Zeil, ermüdet vom Kampfe um das tägliche Brot, beachten wir Juden nicht das Los jenes Teil es unserer Brüder, welcher stets einer der wertvollsten war, das Los der Juden in Sowjetrussland. An drei Fronten greift der Bolschewismus das Judentum an. Wirtschaftlich, indem se n ökonomisches System die Existenz der zahllosen kleinen Händler, Gewerbetreibenden und Agenten, tlso der typisch jüdischen Berufe, vernichtete, ehe es ihre Berufsumschichtung, Einordnung oder Umsiedlung mit Erfolg durchführen konnte. Denn die Kolonisation der Juden auf der Halbinsel Krim ist trotz der reichlich aus Amerika gespendeten Dollarmillionen gescheitert und die fortgesetzten Bemühungen zur Gründung einer autonomen Judenrepublik im fernöstlichen Biro-Bidschan können sich nicht über das Versuchsstadium erheben. National, indem in Sowjetrussland jüdischer Nationalismus als konterrevolutionär rücksichtslos niedergeschlagen wurde. Die wichtigste, die letzte Front ist jene, an welcher die sogenannte „Gottlosenbewegung" gegen die Fundamente des jüdischen Glaubens anstürmt. Die Gottlosenbewegung kämpft selbstverständlich nicht nur gegen den jüdischen, sondern gegen jeden Glauben überhaupt. So zeichnet sich auch im heutigen Sowjetrussland die I nteressenü benei nstimmung aller Religionen wieder deutlich ab. Leider wird dies, ebenso wie die Schicksalsgemeinschaft der Katholischen Kirche und des Judentums im deutschsprachlichen Gebiet,aufjüdischer Seite viel zu wenig, man kann sagen gar nicht beachtet. In katholischen Kreisen wurde das Schicksal der Brüder in Russland nicht in gleichem Maße wie bei uns Juden vergessen. Daher hat sich die Redaktion an einen hervorragenden katholischen Geistlichen, der sich seit Jahren auf Grund einwandfreien Quellenmaterials mit den Religionsverfolgungen in Russland beschäftigt, mit der Bitte gewandt, über die Gottlosenbewegung in Russland, die dem dortigen Judentum den Todesstoß versetzen kann, zu berichten. Der nachfolgende Aufsatz, den uns der geehrte Verfasser in dankenswerter Weise als Originalarbeit zur Verfügung gestellt hat, zeigt die ideellen Auftriebe der russischen Gottlosenbewegung; erbietet eine Darstellung ihrer theoretischen Grundlagen und der gesetzmäßigen Handhabung ihrer unheilvollen Wirksamkeit. M it di eser hochinteressanten rein wissenschaftlichen und streng objektiven Abhandlung will die Redaktion das jüdische Gewissen aufrütteln, die jüdische Welt an die Gefahr erinnern, welche uraltes jüdisches Geisteserbe mit dem Untergang bedroht. Der moderne Mensch hat weithin seine religiösen Bindungen w enn schon nicht ganz verloren, so doch verhängnisvoll gelockert. Die großen Fortschritte auf allen Gebieten, besonders in der Naturerkenntnis und Naturbändigung, haben ihn selbstsicher gemacht. Immer mehr Schranken sieht er fallen und die einst fast unübersteiglichen Grenzen seines Könnens w erden alijährlich um ein mächtiges Wegstück weiter hinausgerückt. Kurzsichtige und Fortschrittsgläubige sehen oft bereits überhaupt keine Beengung mehr und betrachten es nur als eine Frage der Zeit, daß auch die letzten Hemmungen noch fallen und der Mensch wirklich das Maß aller Dinge ist. Hat sich1 eine „rückständige" Menschheit einst an (iott oder Götter geklammert, in Zeiten der Not und Bedrängnis zu ihnen die Zuflucht genommen, so belächelt der moderne Mensch von heute nicht ungern solchen „Atavismus" einer überholten und gestorbenen Zeit. Mit Nietzsche verkündet der autarke, der selbstwüchsige Mensch von heute: „Wenn es einen Gott gibt, wie hielte ich es aus, kein Gott zu sein!" Mijt trotzig aufgeworfenen Lippen und überbetonter Selbstherrlichkeit schleudert er Prometheus Wort gegen den „himmlischen Widersacher": „Hier sitz' ich, forme Menschen nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sei, zu leiden, zu weinen, Zu genießen und zu freuen sich und dein nicht zu achten, Wie ich!" Die allerletzten Jahre aber brachten uns eine Menschenschicht, die nicht einmal mehr eine „Anti"- Stellung zu Gott bezog, sondern die sich gebärdete, als sei er für sie überhaupt ein restlos überwundener Standpunkt, als gehöre Gott und Uebernatur bestenfalls zum alten Eisen, um das zu kümmern sich nicht mehr lohnt. Freilich konnte der hellhörige Zeitgenosse auch aus dieser Einstellung („Dir künd' ich auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon!") ein ganz leises Weinen noch heraushören, ein Bedürfnis, die i n n e r e Leere und Zerrissenheit durch wahnwitzig übersteigerte Selbstgenügsamkeit zu überschreien. Zur Rechtfertigung dieser Selbstherrlichkeit, die auf ein trotziges „Ich diene nicht!" eingestellt war, erdachte sich der „mündig gewordene Mensch" verschieden abgestufte „I s m e n", deren jagenden Kreiseldrehungen er sich schließlich nicht mehr entziehen konnte. Er war Gefangener seiner selbst und hatte das lebhafte Bedürfnis, die Glätterstäbe seines Karzers zu vergolden und die finsteren Mauern mit allerlei funkelndem Gestein zu schmücken. So log er sich Freiheit und inneren Reichtum vor und stieß sieh blutig wund. Und weil er nicht mehr die Kraft und die Freiheit zum Sternenfiug hatte, so setzte er seinen Stolz darein, diese Flügellahmhe;t und das selbstgewolite Gefängnis als moderne und weise Selbstbeschränkung hinzustellen, als freiwilligen Verzicht, welcher Himmel und Jenseits den Engeln und den Spatzen überläßt und allenfalls noch jenen unentwegten Sterneguckern, welche über lauter Heber- 6