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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-06-01 · 8 (Juni 1934) · p. Seite 5

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
8 (Juni 1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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Dr. Jakob Ehrlich, Rat der Stadt Wien Dr. Jakob Ehrlich, geboren in Bistritz a. H., besuchte das Gymnasium in Kremsier und die Wiener Universität. Er steht seit seiner Jugend in der zionistischen Bewegung, war schon als Student in der jüd.-akad. Verbindung „Ivria" tätig und gehört seit dem Jahre 1912 dem Wiener Kultusvorstande an, in den er und Ing. Stricker als erste Zionisten eingezogen waren. Er rückte sofort nach Kriegsausbruch ins Feld ein, leistete als Frontoffizier Kriegsdienste bis Ende 1917 und wurde mehrfach ausgezeichnet. Im Jahre 1919 wurde er in den Wiener Gemeinderat gewählt. Er stand wiederholt an der Spitze des zionistischen Landesverbandes in Oesterreich und gehört seit mehr als zehn Jahren dem Disziplinarrat der Wiener Rechtsanwaltskammer an. Dr. Jakob Ehrlich hat in seiner neuen Funktion vollkommenes Neuland zu betreten. Er ist der jüdische Vertreter in einer nichtparlamentarischen Körperschaft, er wurde vom Bürgermeister berufen, nicht von seinen Wählern entsendet. Er hat in geheimen Geschäftssitzungen mitzuberaten und keine öffentlichen Reden zu halten. Er hat den jüdischen Standpunkt in einem politischen Gebilde zu vertreten, das bewußt auf neuen Wegen wandeln will. Er soll das Judentum verfechten in einem als christlich bezeichneten Gemeinwesen. Der Bürgermeister hat in seiner Program miede in sehr loyaler Weise die Lebensrechte der Minderheiten behandelt. Man muß bedenken, daß die Programmrede nur teilweise veröffentlicht wurde und daher nicht auf Massenwirkung berechnet war. Die Körperschaft der „Bürgerschaft" hat überhaupt keine Rücksicht auf Massensfimmungen zu nehmen, sondern nur auf wirkliche Interessen, da keine Wahlen vorzubereiten sind, bei welchen Parteien um die Wählergunst zu werben haben. Es soll eine Atmosphäre voller Sachlichkeit hergestellt werden. Man darf daher den programmatischen Erklärungen des Bürgermeisters besondere Bedeutung beimessen und die Chance, welche einer fruchtbaren Verständigung und Zusammenarbeit eingeräumt ist, hoch einschätzen. Um so schwieriger die Aufgabe, welche dem Vertreter der Judenschaft gestellt ist. Seine Wirksamkeit steht am Anfang einer neuen Staatsordnung und von seinem Wirken hängt die weitere Gestaltung des Schicksals der Judenschaft im Rahmen dieser Neuordnung wesentlich ab. Dr. Jakob Ehrlich hat in seiner jahrzehntelangen öffentlichen Wirksamkeit eine fest umrissene Anschauung verfochten, welche seiner Persönlichkeit ein klares Profil verleiht. Daß er berufen wurde, zeigt an, welche Einstellung der Führer der Stadt Wien von den Juden Wiens erwartet: das offene Bekenntnis zum Vaterland und zum Judentum. Die ganze Judenschaft Wiens möge daher ihrem Vertreter im Rate der Stadt Wien im offenen Bekenntnis zum Vaterland und zum Judentum folgen. Daß Dr. Jakob Ehrlich berufen wurde, ist auch als Anerkennung durch die Stadtverwaltung aufzufassen, daß dieses offene Bekenntnis zum Judentum mit der vollen Hingabe an das österreichische Vaterland vereinbar ist. Die Chance des Anfanges einer neuen Zeit gilt für die Stadt und für das Judentum in gleicher Weise. Das neue Oesterreich fühlt sich als Sachwalter des Zentrums Mitteleuropas, als Brücke zwischen Nord und Süd, West und Ost, als Verständigungsbote der Klassen und der Nationen. Das christliche und deutsche Wien hat diese Aufgabe bewußt übernommen und will ihr gerecht werden. Das Judentum ist die größte Minderheit dieses Oesterreich, an ihr hat die Stadt Wien zuerst ihre Aufgabe zu erfüllen. Das Judentum Wiens hat diese Chance klug zu nutzen. Der Staat und die Stadt sind christlich und deutsch; wie sie geführt werden, hat der christliche und deutsche Staat und seine Hauptstadt zu bestimmen. Wie die Juden in der Stadt leben und wirken werden, ist Sache ihres Taktes und ihrer Kraft. Daß sich die Kraft und der Takt hier in Wien bewähre, ist bedeutungsvoll für das ganze mittel- und westeuropäische Judentum. Daß sie sich bewähren können, die Chance ist mit der Einstellung des Staates und ihrem ideellen „Reichsgedanken" gegeben. Möge diese historische Gelegenheit ehrlich ergriffen werden und möge die ganze Judenschaft Wiens erfassen, daß es nicht um Worte geht, sondern um den Sinn. Dr. Jakob Ehrlich ist der Vertreter der „israelitischen R e 1 i g i o n s gesellschaft, und zwar ein Vertreter „nationaler" Gesinnung, was natürlich nicht ausschließt, daß er die Interessen der gesamten Wiener Judenschaft zu vertreten haben wird. 5

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