Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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PALESTI NE &ORIENT LLOYD die WELTORGAN ISATION |für PALÄSTINAREISEN vertretung für osterreich: reisebüro city dr.j.h.körner WIENJ. KOHLMARKT 8 TELEPHON Palästinas ist durchwegs italienisch, ebenso die Missionsstätten im Jemen. Ob dies eine bloße konfessionelle Angelegenheit ist, ist unschwer zu beantworten. Die Antwort wird leichter gegeben werden können, wenn man gleichzeitig die weitere Asien- Politik der Katholischen K i r c h e beachtet. Die japanischen Bestrebungen zur Erschließung Chinas haben einen Gegenspieler, der sich des chinesischen Menschenmaterials bedient: Rußland und seine bolschewikische Propaganda. Natürliche Gegner Rußlands sind daher Japan und die Katholische Kirche. Wahrer d al e Mäthi'e ausnahmslos — mit derzeitiger (eine augenblickliche Entwicklungsphase!) Ausnahme Deutschlands - gegen Japan eingestellt sind, da sie eine Beeinträchtigung ihrer Wirkungsmöglichkeit auf dem chinesischen Markt fürchten und unter dem japanischen Exportdumping leiden, tritt die so vorsichtige Führung der Katholischen Kirche offen für Japan in die Schranken. Es gibt bekanntlich sehr ausgedehnte katholische Missionsgebiete in China. Aber •n Japan findet der katholische Expansionsdrang viel freundlichere Voraussetzu igen und er wird, wie die Gegnerschaft Rußlands deutlich macht, zum eifrig begrüßten Bundes g e n o s s e n der japanischen Expansion. Aus der allerletzten Zeit kann man ganz klare Belege für diese Kooperation entnehmen. Immer mehr Fälle von katholischen Taufen in japanischen Gesandtschaften (in Frankreich, in Warschau, in Südamerika t-'tc.) werden gemeldet. Japans außenpolitischer Führer und Held Hirota, das menschliche Sinnbild des japanischen Siegeswillens, hat erst kürzlich an einen katholischen Kirchenfürsten ein Dankschreiben gerichtet, weil er den katholisch getauften Gesandten Japans vor dessen Tod betreut hatte. Ein Akt der diplomatischen Courtoisie, der nicht erforderlich war, daher sehr kennzeichnend ist. Weltpolitisch gesehen, fällt heute in Europa der Katholischen Kirche unbestritten die Aufgabe ai, den O r d n u ii g s w i 11 e n im revolutionären (ieschehen . u stützen. Diese Aufgabe reicht weit über die europäischen Wirren hinaus bis au das Ostende Asiens, wo sich die teilweise sehr kriegerische Erschließung des Reiches der Mitte als größtes Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts und im Zusammenhang damit gewiß auch die Eutbolschewisierung Rußlands abspielen wird. I) er g e i s t i g e T r ä g er dieser En tw ick hing ist die römische Kirche, deren Pf lanzst ä tten in C h i n a die ein zi g e n B u ncl e s g e n o s s e n J a paus bilden. I lud mau kennt den Modernisicrungseifer der Japaner. Wird es jemand Wundernehmen, wenn einstmals in nicht ferner Zeit "ach der gigantischen und plötzlichen wirtschaftlichen Umwälzung in Japan eine religiöse Umwälzung sich ereignen sollte, deren psychologische Vorbedingung bereits gegeben ist? Die Politik des kirchlichen Rom hat mit der Politik des welllichen, des faschistischen Rom etwas Gemeinsames. Beide sind teils sehr beredsam (man denke an die Ankündigung der Kolonialauseinandersetzung Italiens mit Frankreich, die überraschenderweise in einer auf alle französischen Sender übertragenen Festrede Mussolinis erfolgt war), teils sehr verschwiegen, lieber italienische Orientinteressen in Vorderasien spricht weder das faschistische noch das kirchliche Rom, und beide sind eng liiert: die Geistlichkeit in Jemen und in Palästina ist italienisch. Mau wird leicht geneigt sein, im nüchternen zwanzigsten Jahrhundert den realpolilischen Wirkungsgrad eil.er religiösen Macht zu unterschätzen. Mau vergesse nicht, daß wir an der Schwelle eines neuen religiösen Zeitalters stehen. Die ständische Entwicklung besagt, daß das ungebundene wirtschaftliche Durcheinander einer auf Selbstverwaltung beruhenden Stabilisierung und Bindung weichen soll, einer S e ßhaftmachung. Damit wird der im Seelenleben aller modernen Menschen wieder aufkeimende Drang nach Glauben und nach innerem, ruhigem Glück, nach ruhiger Zufriedenheit wirtschaftlich und politisch unterbaut. Man mag diesen Tatbestand begrüßen oder verfluchen, I e u g n e n k a n n m an i h n n i c h t. Einstmals konnte die religiöse Macht der Kirche durch Jahn hunderte die Völker Europas einigen und geeint zur Eroberung Palästinas in den Krieg führen. Es war1 dies zur Zeit der ständisch gebundenen Wirtschaft der zweiten Hälfte des Mittelalters. Nach tausendjähriger Pause beginnt die Geschichte Analogien zu s p i n n e n. Der Weltkrieg hat im Jahre 1(H4 begonnen. Er wurde nicht beendigt. Heute kann man schwerlich leugnen, daß wir in einer Zeit eines gar nicht festen Waffenstillstandes leben, daß die Auseinandersetzungen nicht beendet sind. Die Methoden neuzeitlicher Kriegführung erleben wir in Oesterreich peinlich oft. Der Krieg konnte nicht beendet werden, weil Rußland noch aus dem Weltkreislauf ausgeschaltet und China ausgeschaltet geblieben ist. Erst die L ö s u n g d e r russi s c h e n u n vi c h i n e s i s c h e n Isolierung wird die Epoche des sogenannt e n ,,W e 11 k r i e g e s" abschließen. I )ie ständische Entwicklung der Bindungen und Stabilisierungen besorgt den Unterbau im Innern, die Verflechtungen ganz neuer handelspolitischer Vertragssysteme ergänzen die Stabilisierung im zwischenstaatlichen Bereich. Der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht ist — politisch gesehen — die Katholisch e Kirche. Eine Tatsache, ob man sie begrüßt oder nicht. 3