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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-06-01 · 8 (Juni 1934) · p. Seite 2

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
8 (Juni 1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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katholischer Priester ihr Verfasser war. Er ist kein Jude, der innerlich mitbebt, wenn gerade Juden das alte Land der jüdischen Väter aus dem Schlafe wecken. Er sieht von seinem Berufe aus mit innerer Ruhe i,n Jahrhunderten, auch wenn er nur von Jahrzehnten spricht, und ihm fällt, wenn er mit Sachlichkeit das gigantische Aufbauwerk der Juden verfolgt, der Gegensatz zwischen dieser rasanten Neuentwicklung und dem ewigen O r i e n t p r o b I e m auf, dessen Spannungen er fühlt. Ihm ist gegenwärtig, daß Palästina tatsächlich geschlummert hat und von der heißen Sonne des Orients buchstäblich versengt worden war. Er sieht nicht wie der mitfühlende und mitwol.lcnde Jude einfach das Willenswerk, sondern die entstehende Tatsache in ihrem schicksalsmäßigen Zusammenhang. Wer an Hand der neuen Ereignisse den Bericht liest, den die zionistische Weltlcitung an den Zionistenkongreß in Prag im August 1933 erstattet hatte, also knapp vor Abfassung dieses katholischen Aufsatzes, der merkt die Verschiedenheit der Betrachtungsweise. In diesen „politischen'' Berichten ist wohl von Besuchen die Rede, welche der Präsident der Weltorganisation, Dr. Nahum Sokolow, bei dem Präsidenten der Französischen Republik, Mr. Lebrun, dem Chef der italienischen Regierung, Signor Mussolini, dem König Fuad von Aegypten und dem Führer Irlands, De Valera, abgestattet hatte, wobei stets über die Fortschritte des Aufbauwerkes berichtet und als Antwort die Sympathie der betreffenden Regierung für das Werk zum Ausdruck gebracht wurde; aber ansonsten liest man nur über laufende Verwaltungsarbeit im Gegenspiel zur britischen Mandatsverwaltung und über Denkschriften und Unterhandlungen, welche an das britische Kolonialamt gerichtet oder mit demselben geführt wurden: eine innerbritisc h e laufende Verwaltungsan Gelegenheit. Und das ist das Palästinaproblem nicht und kann es nie sein! Der kürzlich verstorbene und in den letzten Jahren kaum mehr bqachtete, einst führende jüdische Schriftsteller und Politiker Dr. Hermann Kadis eh hatte immer wieder auf den Zusammenhang der außerpalästinensischen Judenpolitik und der Araberfrage in weitestem Sinne mit dem Zionismus hingewiesen, ohne nachhaltige Wirkung zu erzielen. Man sollte jetzt, da diester Mahner in der Wüste nicht mehr lebt, wenigstens auf fremde Stimmen hören, heute, da Waffenlärm nicht allzuweit von den Pforten Palästinas ertönt und das ferne Echo deutlich in Palästina selbst erklingt. Der Orient schläft nicht mehr und Palästina ist ein Brennpunkt der Weltpolitik. Nur als weltpolitisches Problem kann Palästina gemeistert werden, sei es, daß man dort einen Judenstaat errichten oder anders mit dem Lande verfahren will. Und wir Juden wollen den Judenstaat in Palästina! Die Aktualität spielt südlich der Prophetenstadt Mekka und nennt den weltbekannten Namen des Araberführers, König Abd el Aziz Ihn Saud, des Herrsche<-s fast der ganzen arabischen Halbinsel. Ursprünglich in ihrem unerschlossenen Süden, in Hadramaut (nördlich des schmalen englischen Küstenstriches um die Hafenstadt Aden) als Verbannter lebend, errang er durch einen Handstreich die Herrschaft über das Land Nedsch, das Innere der arabischen Halbinsel mit der Hauptstadt Er Riad. Die Herrschaft erweiterte sich, unter offener und teilweise stiller Oberhoheit des britischen Imperiums, über Assir und über Hedschas, das ist die nördliche Westküste der Halbinsel mit dem heiligen Orte der Mohammedaner, Mekka, während der Süden der Westküste bis zum Gebiet um Aden, das Gebiet von Jemen, ein eigenes Sultanat gebildet hat. Um dieses jemenitische Gebiet geht nun der Kampf. Abd ei Aziz Ibn Saud, im Einverständnis und unter Beratung englischer Vertrauensleute, führt einen Eroberungsfeldzug gegen Jemen, das, wie man - angeblich überrascht — feststellt, unter stillem italienischem Einfluß steht. Während England seit der Balfour-Deklaration das Wort „Judenstaat" ängstlich meidet und immer von einem „national home" der Juden in Palästina spricht, kann man von Mussolini bei jeder - - natürlich seltenen - Gelegenheit das Wort „Judenstaat" hören. So sehrieb das offiziöse Organ des Duce ..Popolo d'Italia" anläßlich einer Betrachtung über den Prager Zionistenkongreß im August 1933: „Für die Judenfrage gibt es nur eine Lösung: den jüdischen Staat in Palästina. In den Erklärungen von Prag ist klar verkündet worden: das Judentum ist keine Religion, sondern ein Volk. Diese Frage drängt immer mehr nach einer vollständigen und endgiltigen Lösung." Ganz im Gegensatz zu dieser außenpolitischen - eigentlich weltpolitischen -- Stellungnahme Italiens steht die innerpolitische Haltung, welche die italienischen Juden religiös autonom organisiert hat und im übrigen jeder Erörterung der Judenfrage aus dem Weg geht. Man erkennt daraus deutlich das starke w e 11politische Interesse Mussolinis an der Palästinafrage im Rahmen der kolonialen Aspirationen des um seinen Menschenüberschuß besorgten Italien und erkennt weiter - eine für die jüdische Politik grundlegende Feststellung - - die Wege, die Mussolini zu gehen beabsichtigt: mit den jüdischen S t a a t s bestrebungen gegen die englische — A r a b e r politik. Die englische Politik sieht in Palästina den aegyptischen Brückenkopf, die Teilsicherung des Suezkanals und den Ausgangspunkt auf dem Wege nach Mossul und Indien. Der weitere Weg führt über arab i s c h e s Gebiet und endet in Indien als einem teilweise mohammedanischen Land. England arbeitet daher an einer arabischen Einigung unter Führung des offenbar befähigten Abd el Aziz Ibn Saud und führt die Faust des Araberkönigs in einem als) geeignet angesehenen Augenblick, den wir jetzt erleben, gegen Jemen, den bisher selbständigen TeiH der arabischen Westküste, der sich unmittelbar an das englische Gebiet der Hafenstadt Aden anschließt. Der stille Gegenspieler ist Italien: für Jemen und für — den Judenstaat. Auch in Palästina verfügt Italien über eine politische Einflußmöglichkeit. Die Geistlichkeit 2

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