Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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& nypiisciflis DDJENBILÄflf Redaktion und Verlag: Wien I., Petersplatz 7 Telephon U-21 0-17 2. Jahrgang Siw./Tham. 5694 ■ Juni 1934 Nummer 8 Hans Kandl: ^LiC^^oALtÜZ JtcJLiajM und deK JCat&odisdlett JCüiC&e Palästina ist das Tor, welches von Europa und auch von Nordafrika nach Asien führt. Um Palästina haben asiatische Großvölker (Assyrer, Babylonier, Perser), afrikanische Großvölker (Aegypter) und europäische Nationen (Griechen, Mazedonier und Römer) und sogar die europäische Völkerfamilie als solche (Kreuzzüge), friedlich durch Kulturarbeit und kriegerisch durch zahlreiche, manchmal durch Jahrhunderte wiederholte Feldzüge gekämpft und geblutet, lieber diese geopolitische Bedeutung hinaus wurde Palästina ein Heiliges Land für fast die Hälfte der Menschheit, weil von dort, „ex Oriente", das Licht der Sitten- und Glaubenslehre zu leuchten begonnen hatte. Es ist ein geschichtliches Symbol, daß mit dem Wegzug der Juden aus dem Lande, ihrem unfreiwilligen Fortgang, das Land a 11 m ä h 1 i c h v e rdorrte. Europa wanderte aus diesem asiatischen Vorland ab und das Heiligtum Westasiens und Nordafrikas z°g geographisch nach dem Süden, an die Westküste der arabischen Halbinsel, nach Mekka, der Stadt des Propheten Mohammed. Auch die Kreuzzüge, deren Nachwirkungen vor eineinhalb Jahrhunderten von einem der bedeutendsten Gelehrtenköpfe zur Blütezeit deutscher Wissenschaft, Arnold Herrmann Ludwig Heeren, in sachlich und gedanklich unübertrefflicher Weise geschildert worden waren —t Heeren, der mehr war als ein zeitgebundener Geschichtsschreiber, wird noch eine großartige Wiedergeburt feiern —, diese gigantischen Kreuzzüge konnten Palästina weder erobern, noch halten, noch befruchten. Die Wirkung der Kreuzzüge lag i n Europa, blieb zunächst in Europa, weitete sich d a n n auf die ganze Erde aus, aber in Palästina hinterließen die Kreuzzüge nur eine Spur, t,K kaum beachtet wird, die Missionsstätten des Franziskanerordens zur Bekehrung der Mohammedaner und zur Verwaltung der heiligen Stätten der Christenheit ... Das Land Palästina blieb verödet und verkarstet. Erst die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts allmählich unter Führung der russischen Juden einsetzende Wiederbesiedelung des Heiligen Landes der Väter d u r c h die J u d e n brachte Sümpfe und Karstflächen zum Verschwinden und ließ das einst fruchtbare Land, in dem Milch und Honig floß, neu aufleben. Verherßu n g? V e r p f 1 i c h t u n g? Ein katholischer Priester, der Wiener Franziskanerpater Z y r i 11 Fische r, schloß eine in der führenden deutschen Klerikerzeitschrift erschienene lesenswerte Abhandlung über den „Zionismus" mit folgenden Gedanken : „Jeder, der in letzten Jahren das Glück hatte, das Heilige Land zu besuchen, konnte sich auf Schritt und Tritt von dieser Wandlung überzeugen, konnte oft auf allerkleinstem Raum jahrtausendaltes patriarchalisches Herkommen und amerikanisierte Gegenwart nebeneinander sehen. Kein Pilger, der halbwegs offenen Auges Palästina durchwandert hat, wird sich der Erkenntnis und Befürchtung verschließen können, daß diese scheinbar so herrliche Entwicklung doch eine gefährliche Revolution für dies Land und sein Volk bedeutet, und nicht bloß für dies Land, sondern auch für die angrenzenden Länder und Völker. Wir dürfen nicht vergessen (und die nächsten Jahrzehnte werden es noch deutlich beweisen), daß man am allerwenigsten den Orient ungestraft aus seiner mehrtausendjährigen Ruhe aufscheucht. Wir dürfen uns auch nicht verhehlen, daß sich hinter diesen strahlenden und be'örenden Kulissen des zionistischen Neupalästina eine ganze Welt voll schärfster innerer und äußerer Gegensätze auflut. Wir denken da an die ständiy wachsenden Kämpfe im Zionismus selbst, wir denken an das überaus heikle Araberproblem, an die Stellung und Haltung des Weltjudentums zur Paläst in efrage, an die explosionsreifen politischen Spannungen zwischen den Mächten, welche sich um Palästina raufen, wir denken vor allem an die konfessionellen Spaltungen und Reibereien in Palästina. All dies konnte hier nicht mehr behandelt, soll aber doch erwähnt werden, damit niemand glaube, es sei über der herrlichen zionistischen Fassade die innere Wirklichkeit und Wesenhaftigkeit des Hedigen Landes übersehen worden." Diese Zeilen wurden vor einem halben Jahre publiziert. Heute lassen sie sich bereits an Hand neuer Ereignisse überprüfen. Es muß bei unbefangener Beurteilung ihrer Gedanken beachtet werden, daß ein