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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-05-01 · 7 (Mai 1934) · p. Seite 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
7 (Mai 1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 29 (sequence 31)
Language
German
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Holleschau. Das vorläufige Ziel meiner Reise bildet Holleschau und ich war nach allem, was ich bisher schon von Mähren gesehen hatte, nur noch begieriger, die Stadt kennenzulernen, deren Judengemeinde' einst so groß gewesen, aber auch so Schreckliches erlebt hatte, wie kaum eine zweite in der ganzen Republik. Denn hier hatten, wie sonst nur in der Slowakei, die Juden die Geburtswehen des neuen Staates empfinden müssen. Plünderung und Ermordung zweier soeben aus dem Kriege heimgekehrter Juden und schließlich fluchtartiger Wegzug vieler Familien, haben eine blühende Gemeinde,' in der Thora und Gemillus Chassodim eine ihrer letzten Zufluchtsstätten besessen hatten, ins Mark getroffen und wenn irgendwo, so kann man hier mit Jeremia klagen: „Wie verlassen liegt sie da, die einst so'volkreiche Stadt!" Aber auch hier hat mindestens ebensosehr wie der äußere Feind auch dar Ungeist im Innern verheerend gewirkt und es wäre wohl beispielsweise noch immer möglich, das leerstehende Beth- Hamidrasch und die nicht minder leerstehende Synagoge mit den Resten der Gemeinde zu bevölkern, wenn diese Reste eben mehr tätiges Interesse, mehr Liebe und Opfersinn für das überlieferte Judentum übrig hätten. Wie es in dieser Kehilla aber jetzt aussieht, würde es kaum mehr jemandem frommen, ihn zu dem Zwecke hieher zu versetzen, damit er jüdisches Milieu und jüdisches Leben kennenlerne und genieße. Man befände sich dann wohl räumlich in einer Kehilla, geistig und seelisch aber vielleicht noch weiter von dem Quell entfernt, der eine Gemeinschaft erst jüdisch macht, von dem religiösen Fühlen, dem freien Forschen und dem gesetzgebundenen Handeln, das einst hier eine Stätte im te" Judentums geschaffen hatte und unbewußt noch rner in der schönen Geisfigkeif nachwirkt, die auch die Jüngsten Epigonen der Holleschauer Judengeschlechfer auszeichnet. Merkwürdiges jüdisches Schicksal: Während in s.em nahen Kre'msier die feindliche Umwelt 1 ch am leblosen jüdischen Objekt austobte und vor etwa 100 Jahren den alten Friedhof f'."l später die alte Synagoge vom Erdboden n, **e».'kaf in Holleschau einigemal und ime r wieder gegen die lebenden Juden die ab J- ^es Hasses angestürmt. Irgendwie scheinen oer die Holleschauer Juden die Verpflichtung des Adels, aufs S° .mann'gf'icne aktive und passive Komponenten ihnen (jV^Sedrückt haben, zu empfinden und so haben sie nicht nur Einrichtungen ihrer neuen Synagoge fast unverändert oh en» daß sie auch der streng gesetzestreue Jude ne Bedenken benützen kann, sondern zeigen auch mit otoiz[ ihre alte Schul, die „Schach-Schul" und das Befhanudrasch, diese Zeugen einstiger Größe, ih on von außen läßt die „Schach-Schul" ahnen, was re grauen Mauern bergen mögen. Wenn man aber die artid ,en in die Vorhalle hinabsteigt und die ganz eigeniim'^f"- ^erjete gelesen hat, die hier an den Wänden stehen, zu Anlegen des Talifh und der Tefillin gesprochen f' werden, und dann die eigentliche Synagoge betritt, ern' einen unwillkürlich der Schauer: Mah nauro hamokaum jj£~en- Wie verehrungswürdig ist doch dieser Ort! Denn x. r diesem gewaltigen schmiedeeisernen Kunstwerk des ^'memor, wölbt sich eine Kuppel, die, ein Abbild des er -fm Öew°lbes, in dem hohen Thoraschrein dort vorne j 1 ,r5cnt ihren Abschluß und ihren Stützpunkt gefunden iahen scheint. So mochten wohl auch die früheren Ge nerationen, deren Machsorim und Siddurim noch auf den Ständern umherliegen, als wären sie erst gestern hier fortgezogen, dieses Heiligtum, das sicher so alt und auch so ehrwürdig wie die Prager Ältneuschul ist, aufgefaßt haben. Man muß anerkennen, daß auch noch die wenigen Holleschauer Juden von heute für diese Schul viel richtigen Sinn bekunden, indem sie am Vorabend des Posch Chodesch Ab und des Rosch Chodesch Elul noch immer hieherkommen, um die Gebete des Jörn Kippur koton hier zu verrichten, und es wäre ja auch tatsächlich schwer, hier nicht in die zu einer Tefillo leoni ki jaafof, zu einem Gebete aus tiefster Bedrängnis gehörige Stimmung zu kommen, lieber den hohen Fenstern stehen in halbverwitterter Schrift viele Deutungen des Sclima und es gemahnt merkwürdig an [ängstvergangene sabbatianische, aber auch an zum Greifen nahe Tage des Schmerzes und der Erlösungssehnsucht, wenn über einem der Fenster dieses Wörtchen „Höre!" in den Wunsch „Schelach Moschiach oni", das heißt „Sende den demütigen Gesalbten!", aufgelöst erscheint. Und schließlich da vorne, in der Vertiefung zur Linken der heiligen Lade, der Sitzplatz des „S c h a c h" selbst, des berühmtesten Rabbiners von Holleschau, den seit seinem Tode niemand mehr einzunehmen gewagt hat. Welches Bild der Erhabenheit und Unendlichkeif mag wohl diese Synagoge geboten haben, als eine große Gemeinde demütig, in Talessim gehüllt, hier stand, um aus den Sifsse Kohen, aus den Lippen eines solchen Priesfers Worte der Belehrung und Ermahnung zu vernehmen, von diesem Schabatai Kohen gesegnet zu werden! Einst, vor eineinhalb Jahrhunderten etwa, scheint dieser Segen in Holleschau auch noch in voller Wirksamkeit gestanden zu haben und ein Abraham Herz zeigte damals, was Reichtum und Ehre vermögen, wenn sie mit Thorawissen und Frömmigkeit gepaart sind. Er gab nicht nur mit vollen Händen und vertrat seine Gemeinde als „Richter" und Kreisältesfer, wie manche Anekdote zu berichten weiß, in vielen Nöten und oft unter Aufopferung seiner Persönlichkeit, sondern gründete auch das von seinen Nachkommen mit reichen Stiftungen ausgestattete Befh - Hamidrasch. Die späteren Generationen dieser Nachkommenschaft haben freilich Holleschau ebenfalls schon längst verlassen und heute bietet das Beth-Hamidrasch, mit seinen vielen ungenützten Bücherschätzen, ein trauriges Bild der Verlassenheit. Kann in diese verdorrten Gebeine noch einmal Leben zurückkehren? Vorläufig ruht ja alles, was einmal in diesem Bef h-Hamidrasch gelebt und gewebt hatte, da draußen im Beth-Chajim, das knapp an den Grenzen der ehemaligen Judenstadf liegt. Ja, da finde ich sie alle, die Gründer und die Erhalter", die Lernenden und die Lehrenden von einst, dann aber auch die Märtyrer des Pogroms von 1918 und die vielen, vielen, kaum mehr zu entziffernden, eingesunkenen und zerbrochenen Grabsteine früherer Jahrhunderte. Angesichts dieser Gräber fällt mir ein, wie mir gegenüber eine aus Holleschau stammende Neunzigerin einmal geklagt hatte, sie könne nicht mehr weinen. Auch der Genius des mährischen Judentums scheint angesichts dieser Ruinen und Gräber das Weinen schon längst verlernt zu haben. Aber in der Mitte dieses Beth-Chajim von Holleschau befindet sich das Grab des „Schach", das von vielen Trostbedürftigen aufgesucht wird, und merkwürdigerweise habe ich mich noch selten an einem Grabe so zum Beten angeregt gefühlt wie hier. Als sollte meinem Fragen gleich die Antwort zuteil werden, sehe ich, daß mitten aus dem Monument ein Bäumchen seine grünen Zweige hinauf streckt. Der Baum des Lebens in diesem Hause des Lebens, der Baum der Erkenntnis, die die Lippen des hier ruhenden Meisters und Priesfers nach dem Prophetenworfe „Sifse Kohen jischmeru daat" bewahren, könnte auch hier wieder zum Grünen gebracht werden. Nicht umsonst nannte der „Schach" sein Hauptwerk nach den Anfangsbuchstaben seines Namens „Sifse Kohen", das heißt Lippen des Priesfers. Diese Lippen könnten wieder zu sprechen beginnen, wenn es gelänge, einige Talmudjünger, wenigstens während der Ferien, alljährlich das verödete Befh-Hamidrasch von Holleschau beleben und so die Reste der Holleschauer Judenschaft ebenfalls wieder beeinflussen zu lassen. Ein solches Minimalprogramm der Wiederbelebung einer fast abgestorbenen Gemeinde ließe sich hier sogar noch eher als sonst irgendwo durchführen, da in Holleschau Stiftungskapitalien vorhanden sind. Das mährische Judentum hat es nicht verdient, zu Gunsten neuer Judensiedlungen abzudanken. Hier lag die Brücke zwischen Osten und Westen im Judentum und sie kann nicht entbehrt werden. 29

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