Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 7 (Mai 1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 28 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Memorbuch, das, gleich dem ebenfalls von Wiener Vertriebenen nach Fürth gebrachte Memorbuch, eine der wichtigsten Quellen für die Geschichte der Juden in Oesterreich bildet. So war die während des 30 jährigen Krieges hart mitgenommene Judengemeinde von M i s s 1 i t z wiederaufgeblüht und eine Reihe hervorragender Gelehrter bezeugt auch hier den Hochsfan d geistigen Lebens. Die besondere Regsamkeit der Misslifzer Juden drückt sich aber auch darin aus, daß viele von ihnen in exponiertesten Stellungen draußen im Leben sich durchsetzen konnten. So der Arzt Dr. Maximilian S c h m i d 1, der in Tanger (Marokko) als Arzt und österreichischer Konsul wirkte, der Wiener Universitätsprofessor Hofrat Dr. I s idor Neu mann, der Oberst Josef Neuman n, der Redakteur der „Neuen Freien Presse" Armin Brunne r, der Salzburger Baurat Gottlieb Win kl er und last not leasf der erste jüdische Schlossermeister der Monarchie R a f a e 1 König. Die Deutschen Südmährens wußten in den Misslifzer Juden auch immer ihre der deutschen Bildung und Kultur mit Leib und Seele ergebenen Bundesgenossen zu finden, bis die Wandlungen der letzten Jahre auch hier die Juden lehrten, das Heil in der Bestellung des eigenen Weingartens zu suchen, wie es einst die Ahnen innerhalb der vier Ellen der Halacha und in der fraulichen Geborgenheit des Beth-Hamidrasch gefunden hatten. Boskowifz. Je weiter ich nun von dieser Seite her ins Innere Mährens vordringe, um so schöner wird es in landschaftlicher Hinsicht. Nie hätte ich geglaubt, daß dieses Land so groß und so mannigfaltig wäre und in manchen Teilen den Vergleich mit den schönsten Alpengebiefen aufnehmen kann. Ein fortwährender Wechsel von bewaldeten Höhen und tiefen Schluchten läßt das Auge nicht zur Ruhe kommen. Dieser Teil der Reise gehört allerdings zu dem Schönsten, was ich je gesehen. Nicht umsonst spricht man da von der „M ährischen Schwei z" und ich konnte mir es auch in der Tat auf der Rückreise nicht versagen, in B 1 a n s k o zu einem kurzen Besuch der weltberühmten M a c o c h a den Zug zu verlassen. Und noch ganz im Bannkreise dieses schönen Erdenwinkels liegt Boskowifz, nächst Nikolsburg die größte und bedeutendste der alten Judengemeinden des Landes und zeitweilig sogar Sitz des Landesrabbinats. Boskowifz gehört aber zum Unterschied von Nikolsburg auch heute noch zu den größten unter den alten mährischen Gemeinden und es ist auch viel an lebendigem Judentum in ihm vorhanden. Für seine Bedeutung in der jüdischen Geisfesgeschichte genügt wohl der Hinweis auf den nach seinem Werke ,,M achzis Haschekel" genannten Rabbi Samuel Halewi Kelin, auf Rabbi Natan Adler und Rabbi Issachar Bär Bloch. Aber auch die äußere Geschichte der Boskowitzer Gemeinde geht bis in das 11. Jahrhundert zurück und ungezählte Generationen von Juden haben schon in den teilweise ganz geräumigen, überall aber recht steil ansteigenden und schlecht gepflasterten Gassen dieser Judenstadt gelebt. Ein uraltes Tor, das die Judensfadt dem Schlosse gegenüber abschloß, die „Kaschne", ein längst als typhusverdächtig nicht mehr benützter Brunnen und mehrere Häuser, die einem großen Feuer entronnen und zur Erinnerung daran Inschriften tragen, bilden nebst der Synagoge und den zwei Lehrhäusern die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Gemeinde. Diese Bote Midroschim, von denen eines einer Stiftung der Familie L ö w b e e r, das andere aber der Gemeinde selbst gehört, werden, was wohl das Wichtigste ist, manchmal auch noch benützt und das Andenken des M a c h z i s Haschekel wird nicht nur in schönem Lokalpatriotismus dadurch geehrt, daß nach einem dem Stadtrate vorliegenden Antrage die Gasse, in der sich die Synagoge befindet, nach ihm genannt werden soll. Man besucht nicht nur sein Grab als das sehenswerteste des großen Friedhofes, sondern der gegenwärtige Rabbiner, ein würdiger Nachfolger der Boskowitzer Thoragrößen und Nachkomme des Rabbi Koppel Charif (Reich) aus V e r b o, trachtet auch wirklich, den alten Geist an dieser durch die Tradition geheiligten Stätte weiter zu pflegen. Kremsicr. Den Besuch von Prossnitz, wo die Juden noch mehr als in Boskowitz in der Tuch- und Konfektionsindustrie Hervorragendes geschaffen haben sowie den der zweiten Landeshauptstadt O 1 m ü t z, muß ich mir für ein anderesmal aufsparen. Meine Reise führt dem Nordosten zu, durch blühendes, lachendes Land in die Hanna, die Kornkammer Mährens. Und ich lerne da auch in Kremsier wieder eine rechte mährische Kchilla kennen. Das heißt, wenn man so gewisse Ueberreste einer Zusammengehörigkeit von ein paar hundert jüdischen Seelen eine Kehilla nennen kann. Eigentlich waren es ein paar Kinder, deren schöne jüdische Züge mich veranlaßten, in der Nähe des monumentalen Tempelgebäudes nach den dazu gehörigen jüdischen Menschen zu fragen. So fand ich denn in einer ehemaligen Judengasse, die nur durch die unmögliche Beschaffenheit ihres Pflasters diesen ihren Charakter andeuten zu wollen schien, endlich auch einen Funktionär der Gemeinde, den einzigen jüdischen Bewohner dieser Judengasse. Der Herr erklärte mir aber, daß er momentan nicht zu sprechen sei, da er zu einem Begräbnis müsse und wies zum besseren Nachdruck auf die blutenden Wunden, die er sich soeben am Kopfe mit dem Rasiermesser beigebracht hatte. Nun erinnerte ich mich sogleich an gewisse heidnische Völker des Altertums, die sich bei Todesfällen vor Schmerz zerfleischten und war daher begierig, mir dieses mährisch-heidnisch-jüdische Begräbnis anzusehen. Wer mochte wohl diese alte Frau gewesen sein, der ich so unvorhergesehen zu einem Minjan verhalf, das ohne mich kaum anwesend gewesen wäre. Sicher hatte sie in dieser Kehilla den ganzen Jammer des Unterganges mitgemacht. Wie immer dem auch sein mochte, wäre nicht der Anlaß so traurig gewesen, ich hätte fast lächeln mögen über die Art, wie der Gemeindefunktionär im weifen Talar dastand und mit der schwarzbehandschuhfen Rechten in einer Agende blätterte, aus der er in tschechisch akzentuiertem näselndem Hebräisch sang, um dann am offenen Grabe ein paar Tropfen Erde langsam und weihevoll auf den Sarg fallen zu lassen. Und wer sollte nicht gar ein Lachen darüber kaum verbeißen können, wenn dann am Friedhofstor, in Ermangelung jüdischer Schnorrer, die es in Kremsier — soll man sagen, Gott sei Dank? — anscheinend nicht gibt, ein halbes Dutzend alter Hanakinnen, mit Rosenkränzen in den Händen, wartete? Diese Rosenkränze gerieten beim Herannahen der paar jüdischen Trauergäsfe plötzlich in heftige Rotation, wobei aber eine dieser freiwilligen Schnorrerstellvertreterinnen, da sie gerade keinen Rosenkranz bei der Hand hatte, die dazugehörigen Handgriffe einfach in der Luft machte. Mit dem letzten Armen scheint der jüdische Geist aus Kremsier geschwunden zu sein und vielleicht hat dies die Thora im Äuge, wenn sie meint, daß es an Armen nie fehlen solle. Und so ist in dem Kremsier von heute, wie ich genau beobachten konnte, nicht einmal der Kescher Tefillin, der Knoten der Gebetriemen mehr koscher. 28