Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 7 (Mai 1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 26 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Mährifche Judengemeinden Lundenburg. Wo Geld vorangeht, sind alle Wege offen — mit Ausnahme jenes, der vom Bahnhof in Lundenburg durch das Zollamt nach der Stadt führt. Denn hier hätte ich fast wegen einiger Schillinge, die ich zuviel besaß, unverrichfeter Dinge umkehren müssen, wenn es mir nicht schließlich doch gelungen wäre, den Beamten davon zu überzeugen, daß man auf Entdeckungsfahrten mehr Geld benötigt als zu gewöhnlichen Erholungsreisen. Einmal aber auf der Straße in Lundenburg angelangt, fange ich dann auch wirklich gleich zu entdecken an, und zwar vor allem eine Fortsetzung der Praterstraße, die ich vor drei Stunden erst verlassen habe. Die Straße nämlich, in der ich mich so fast unvermittelt befinde, führt an einer Parkanlage und schließlich an eleganten Kaufläden vorüber nach dem Stadtinnern. Ohne erst zu fragen, folge ich einfach dem Strom der Fußgänger und finde in einem großen Kaffeehause dieselben Gesichter, an den Firmentafeln aber dieselben Namen wie in der Praterstraße, und wenn man so in Jahrhunderten zu denken gewohnt ist, muß einem da unwillkürlich sofort einfallen, daß man es hier ja schließlich, wie in ganz Mähren, mit den Ahnen und Brüdern der Wiener Juden von heute, andererseits aber mit den Epigonen der Wiener Juden aus der Zeit vor 1670 zu tun hat. Noch eine Brücke über die Thaya, die sich hier schon nahe ihrer Einmündung in die March befindet, ein weiter Platz und — ich war im alten Judenvierfel Lundenburgs. Dieselben typischen niedrigen Häuser, enggedrängt in winkeligen Gäßchen, wie in so vielen anderen Judenvierf.'In, aber beherrscht von einem in solcher Umgebung ganz unwahrscheinlich prachtvoll anmutenden Synagogengebäude. Die meisten Juden wohnen draußen in den Hauptstraßen der Stadt und hier im Ghetto erscheinen sie fast nur zur Stunde des Gebets. Wenn aber das Synagogengebäude als solches fast den Eindruck erwecken möchte, als könnten die Ahnen, die es nicht so schön gehabt hatten, beschämt werden, belehrt gerade dieses Gebet eines Besseren. Was ich hier entdecke, sind wirklich nur mehr Epigonen und, mit einigen wenigen Ausnahmen, sogar recht schwächliche Epigonen der Lundenburger Juden von einst. Heute rezitiert der Kantor in fremdartig klingender Betonung die Gebete und die Mehrzahl der Beter ist nur gekommen, um, ein wenig mühsam, das Kaddisch nachzusprechen; einst aber waren hier Gebete sogar verfaßt worden. Das geschah, als im Jahre 1697 einmal wunderbarerweise die Gemeinde dem Einsturz ihrer Synagoge dadurch entronnen war, daß der Schammes den Schlüssel gerade verlegt hatte und die „Schul" nicht hatte aufgesperrt werden können. Das waren damals noch etwa dieselben Juden gewesen, die im Jahre 1671, nach ihrer Vertreibung aus Feldsberg, Fürst Karl Eusebius von Liechtenstein in Lundenburg aufgenommen hatte. In diesem früher niederösterreichischen, jetzt tschechoslowakischen Städtchen, wohnten noch im Jahre 1669 14 Judenfamilien und es war nur ganz natürlich, daß ihnen der leerstehende „jüdische wüste Platz" in Lundenburg eingeräumt wurde, der, seitdem ihn die Juden nach der Plünderung durch die Schweden verlassen hatten, ohnehin nichts trug. Jene erste Judengemeinde von Lundenburg ist sicher schon im 15. Jahrhundert nachweisbar. Im 16. Jahrhundert lebte da ein Rabbi Markus aus Zistersdorf, der sich vorübergehend auch in Eisenstadt aufhielt, als wollte "er schon zu so früher Zeit, die durch keinerlei Grenzziehung aus der Welt zu schaffende Zusammengehörigkeit dieser damals schon habsburgischen Länder und ihrer Judensiedlungen dokumentieren. Auch später amtierte in Lundenburg ein aus Lundenburg stammender Rabbiner namens P e t a c h j a und überhaupt kann Lundenburg, trotzdem es eher zu den kleineren Judengemsinden des Landes zählte, zu allen Zeiten auf namhafte geistige Führer hinweisen. Sogar der spätere Landesrabbiner, Rabbi Morde c Ii a i Benet, war vor seinem Amtsantritte in N1kolsburg in Lundenburg tätig und, um wieder in die Gegenwart zurückzukehren, auch Dr. Lipschütz, der derzeitige Rabbiner der Stadt, verspricht schon vermöge seiner Abstammung aus dem jüdischen Gelehrtenadel und seines Bildungsganges, aus den hier noch vorhandenen Resten an jüdischen Werten, Ansätze künftigen Wiederaufstiegs zu gestalten. Man hat ja, wenn man so in den Abendstunden durch die größtenteils von intelligent und selbstbewußt auftretenden Tschechen beiderlei Geschlechts durchfluteten Hauptstraßen Lundenburgs schlendert, gleich das Gefühl, daß in dieser 900 Jahre alten Stadt des Herzogs Bretislav, wie in allen anderen mährischen Judengemeinden, die Juden mit ihren das Stadtbild ergänzend belebenden Betrieben nicht weggedacht werden könnten. Ganz anders als im benachbarten Niederösterreich, gibt es hier keine jahrhundertelangen Einschnitte im Leben der Judengemeinden, sondern mit beiden Füßen stehen die Juden hier auf wohlerworbenem und ersessenem Boden und darum kann auch ihr innerlicher Aufschwung nach Perioden der Erschlaffung nicht ausbleiben. Kosfei. Ein großer Teil der Judenschaft Lundenburgs, und zwar, wie mir mitgeteilt wird, der religiös konservativere Teil, stammt aus dem benachbarten K o s t e 1. Schon P o d i v i n, der tschechische Name dieser Stadt, erinnert an die Sage von dem Juden P o d i v a, der an dieser Stelle das K astell erbaut haben soll, aus dem Kostel entstanden ist. Solche Sagen sind, wenn auch meist nicht glaubwürdig, so doch immer sehr charakteristisch, und unstreitig gehört Kostel zu den ältesten Judengemeinden des Landes. Es gehört aber auch zu jenen, an denen sich äußerlich fast nichts, innerlich aber noch weniger geändert hat. Man hat etwa das Gefühl, sich in einer Judengemeinde des Burgenlandes zu befinden, wenn man durch die Gassen dieser Judenstadt geht. Es verhält sich übrigens mit allen diesen Judenstädten ähnlich wie mit den menschlichen Physiognomien: sie alle sind einander gleich und stammen aus derselben Werkstatt, und dennoch sind sie für den aufmerksamen Blick unendlich differenziert. Hier, in diesem Kostel, sprechen die Juden untereinander dasselbe Jüdischdeutsch wie in Ungarn, man sieht Jüdinnen mit Perücken, mit dem Sfrickstrumpf vor den Häusern sitzen und — was wohl am maßgebendsten ist — auch die religiösen Einrichtungen der Gemeinde strafen dieses ihr Gepräge nicht Lügen. So besitzt „Gostel", wie es bei den Juden noch immer heißt, eine wohleingerichtete Mikwa, die sogar von Brünn aus aufgesucht zu werden pflegt, und in der Synagoge den Älmemor an dem ihm oder vielmehr der Thora gebührenden Ehrenplatz. Auch geistig war Kostel immer auf der Höhe der übrigen mährischen Gemeinden gestanden und es braucht in dieser Hinsicht wohl nur an den bekannten Dichter Eduard Kulke erinnert zu werden, der der Sohn des Kostler Rabbiners, Simson Kulke, war. In wirtschaftlicher Hinsicht sind aber die Juden von Kostel bei weitem nicht so gut gestellt, wie ihre Nachbarn in Lundenburg, da die Bedeutung eines Ortes als Industrie- und Verkehrszentrum sich noch immer in erster Linie an seinen jüdischen Einwohnern auswirkt. 26