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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-05-01 · 7 (Mai 1934) · p. Seite 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
7 (Mai 1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 24 (sequence 26)
Language
German
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liiiä INI IE ß^111111111111 Ahasver, die mythenumwobene Gestalt des ewigen Juden, mit wehendem Gewände, langem weißem Bart, den Krückstock in der Hand, die Augen starr nach vorne gerichtet, einem nimmernahen Ziel zustrebend, lebt noch heute. Und ich bin ihm begegnet! Er hatte sein Aeußeres der Zeit angepaßt und die Gestalt eines polnischen Schlosserburschen angenommen und ich habe ihn sehr spät erkannt, erst als er mir seine Geschichte erzählte. Ich sagte schon, daß er aus Polen war. Und wie in vielen Juden heutzutage, war auch in ihm die Sehnsucht groß geworden, nach dem Lande der Erlösung, nach Erez Israel (Palästina) zu ziehen. Er hatte Hab und Gut verkauft, die letzten Groschen zusammengekratzt, um sich die Reise nach Palästina zu ermöglichen. Aber ein Paß kostet in Polen für Militärdienstpflichtige 400 Zloty. Soviel hatte er für die ganze Reise aufbringen können und so mußte er sich denn von Schmugglern über die tschechisch-polnische Grenze bringen lassen. Nach sechs Versuchen gelang die Sache soweit, daß er „nur" den tschechischen Behörden in die Hände fiel und es nach 14 Tagen Arrest erreichen konnte, nach Oesterreich „abgeschoben" zu werden. Bei der Abschiebung hatten die tschechoslowakischen Behörden Pech. Er wurde erwischt und in die Tschechoslowakei zurückgeschickt! Nach Oesterreich mußte er kommen und so versuchte er es abermals mit Schmugglern; aber nun fiel er einem Doppelbetrüger herein. Der Schmuggler wies ihn direkt zum österreichischen Zollhaus. Dort hatte man ihn „gastlich" aufgenommen und nach sechs Tagen Arrest wieder nach der Tschechoslowakei zurückgebracht, wo er in einer größeren Stadt wegen Vagabundage festgenommen wurde. Nach einer neuerlichen Strafe wurde er, zusammen mit einem Russen, zum zweitenmal über die Grenze nach Oesterreich abgeschoben. Sein ganzer Besitz bestand jetzt aus vier Schilling. Den anderen Betrag hatten ihm die Schmuggler abgenommen. 3%atäpa%te fyfo 3cUä6Üna~ Auuaandem u. -Reitende Garantiert sorgfältigste Verpackung von Übersiedlungsgut in See-Möbelwagen und in seestarken Kisten. WarenspeditionI Nachnahme Lombarde! Günstigste Übernahmsbedingungen. — Sämtliche Lieferungen durch meine Vertretungen an allen Plätzen Palästinas frei ins Haus. — Alle meine Leistungen zu kulantesten Bedingungen. Einlagerungen Verzollungen Warentransporte nach allen Relationen des In- und Auslandes. (Auch Übersee.) — Für Abonnenten des „Wiener Jüdischen Familienblattes" Sonderrabatt. Internationale Spedition Richard Denes, Wienl., Schwedenpl.2 Telephon R 29-0-85 Diesmal glückte ihm die Grenzüberschreitung, aber nun mußte er den ganzen Weg von der tschechischen Grenze bis fast nach Wien, des nachts zu Fuß zurücklegen, denn bei Tag traute er sich nicht auf die Straße. So kam er nach Wien. In Wien erwartete ihn sein bißchen Gepäck, das er sich hatte vorausschicken lassen. Er hatte von seiner Heimatstadt bis hieher über drei Monate gebraucht. In Wien bot sich ihm die Gelegenheit, billig nach Palästina zu kommen. Aber er hatte keinen Paß. Wie er doch zu einem Paß gekommen ist, das darf ich euch nicht erzählen. Auch das war ein Kapitel unendlichen Elends. Leider kam der Paß um einen Tag zu spät und er bekam das palästinensische Visum nicht mehr. In seiner Verzweiflung besorgte er sich ein syrisches Transitvisum und hoffte, so wenigstens in die Nähe Palästinas zu kommen. Aber auch in dieser Hoffnung wurde er getäuscht. Die französische Einwanderungskommission in Beyruth verweigerte ihm die Landungserlaubnis. Er mußte auf dem Schiff verbleiben. In Haifa angekommen, setzten sich maßgebende Persönlichkeiten, die von seinem Mißgeschick gehört hatten, dafür ein, daß ihm ausnahmsweise die Bewilligung zur Landung erteilt werde; vergebens! Und nachdem er acht qualvolle Stunden lang an Bord des Schiffes auf das große Glück, landen zu dürfen, gewartet hatte, während unglückseligerweise sein ganzes Gepäck an Land gebracht worden war, mußte er zusehen, wie das Fallreep hochgehoben wurde, das Schiff seine Anker lichtete und sich die Distanz zwischen ihm und dem ersehnten Land wieder vergrößerte. In höchster Verzweiflung, ohne Geld, ohne Gepäck, nur mit dem, was er am Leibe hatte, entschloß er sich zum äußersten: er sprang ins Meer! Aber er war ein schlechter Schwimmer und wurde wieder aufgefischt und an Bord des Schiffes zurückgebracht, das seinethalben nun zwei Stunden Verspätung bekam. Das Schiff hat seinen bestimmten Fahrplan. Jede zweite Woche berührt es Haifa. Und es steht in Haifa acht Stunden. Als ich vierzehn Tage später mit demselben Schiff zurückfahren wollte, war der erste Mensch, der mir begegnete Ahasver! Er war noch auf dem Schiff! Auch diesmal glückte ihm die Landung nicht, obzwar ein Wasserstreifen von nur einem halben Meter sich zwischen ihm und dem Lande befand und es sonst kein anderes Hindernis gab, das heißersehnte Ziel zu erreichen. Er stand in einer Verladeluke und wollte schon hinüberspringen, als ihn ein arabischer Schutzmann sah. In der kurzen Spanne Zeit, die noch blieb, intervenierte man wegen seines Gepäcks, das in Haifa im Zollhaus lag; umsonst! Da er nicht ins Zollhaus hinüber durfte, sein Gepäck also nicht agnoszieren konnte,, war an eine Ausfolgung nicht zu denken. Und wiederum verließ das Schiff den Hafen und Ahasver fuhr wieder mit ihm. Er dachte nicht einmal mehr daran, ins Meer zu springen, obzwar es bereits stockdunkle Nacht war. Am nächsten Tag waren wir in Beyruth. Ahasver versuchte nicht einmal mehr zu landen. Der Kommissär begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Zwei Tage später wir sollten das Schiff 24

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