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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-05-01 · 7 (Mai 1934) · p. Seite 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
7 (Mai 1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 22 (sequence 24)
Language
German
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also nicht haben? Dann fiel wippend etwas nieder, es war rund, farbig, glatt und herausfordernd, so biß man hinein — abermals schrie jemand. „Wirst du den Ball hergeben! Wirst du...!" Was durfte man denn? Dann aber..., dann verdunkelte sich alles, hoch oben erhob sich ein Brummen, Pfeifen und Dröhnen, und alsbald trommelte Nässe böse herab. Da schrie niemand. Das war erlaubt. Dies war Heils erster Spaziergang, die Kinder behaupteten, es sei zu viel für so einen kleinen Hund. Sie sagten nicht, was zuviel gewesen sei, ob die Mühe des Weges oder das Gewitter oder die Erkenntnisse — es war in der Tat zu viel. Denn das Hündchen Hell wurde krank. Auch dies, wie alles an ihm, geschah ohne Aufsehen, ziemlich unbemerkt. Nur der Herr mit der Zwickerschnur, der Hunde absolut nicht leiden mag und den Satz im Munde führt, es sei eine Schande, Sorgfalt an Tiere zu wenden, wo es den Menschen so erbärmlich gehe, äußerte anerkennend: „Der schaut aber miserabel aus, der Kleine!" (Bei Gelegenheit des Herrn mit der Zwickerschnur: Mögen alle, die den Menschen die Liebe zu Tieren vorwerfen, mit den Vorwürfen bei sich beginnen. Wären die Vorwurfsvollen nicht, wie sie sind, man fühlte sich nicht so sehr gedrängt, mit seiner Neigung zu Geschöpfen zu flüchten, die dankbar sind. Denn eine Flucht ist es. Man hat ja lange genug Liebe gerufen und Schweigen oder Haß zur Antwort bekommen, bis man schließlich, was noch an Gefühl hingabebereit in einem ist, dahin flüchtet, wo das Echo der Schöpfung näher und menschenwürdig bleibt: zu Kindern, zu Tieren ... Man entschuldige die Abschweifung.) Hell war krank. Er lag auf seiner Streu, fraß nicht, Zucken durchlief den schwachen Körper, auch gab er mitunter einen Laut von sich, der wie ein heiserer Seufzer klang. Er sei traurig, sagte Agathe. Er huste, sagte der Tierarzt. Was den Tierarzt betrifft, maß er dem Falle anscheinend keine Bedeutung bei. Schwerkrank? Mein Gott, gewiß sei Hell schwerkrank, ein ungewöhnlich vorzeitiger und böser Fall von Staupe mit Entzündung der Conjunctiva und der Cornea .... zweiprozentige Borsäure, einprozentige Kreolinlösung. Es vermochte nichts gegen das Uebel, was er verordnete. Doch ohne Widerstand unterzog Hell sich allem, den Prozeduren, den Heilmitteln. Mit einer Geduld, die wie Einsicht, mit einer Gefügigkeit, die fast Nachsicht war, schluckte er das Bittere, empfand das Scharfe. Er entblößte nur manchmal, mit seinem einstigen Anflug von Lachen, die Oberlippe, daß man die dünnen, spitzen, schneeweißen Zähne sah. Hanni zufolge hieß das: „Sie sekkieren mich umsonst." Man sekkierte ihn „umsonst". Die zwei dunklen Geschwister kamen gar nicht mehr herbei, sie anerkannten diesen Bruder nicht, der sich beiseite hielt und nichts mit ihnen teilte. Nedda hingegen, vollauf beschäftigt mit den Dunklen, die ihr beständig entliefen, wiewohl sie der Aufsicht in jedem Augenblick bedurften, erübrigte immer ein bißchen Zeit, die sie ihrem todkranken Kinde brachte. Da kam sie, berührte es, strich mit der Zunge streichelnd über die entzündeten Augenlider, saß nieder, schaute es an und redete ihm zu. Was redete sie mit diesem steten Laut, der sich als ein Schnurren oder Keuchen gedämpft vernehmen ließ? Hanni zufolge, die Neddas Worte genau versteht, erzählte sie Geschichten. „Da bin ich draußen gewesen", erzählte sie, „und habe einen Menschen gesehen, der lief auf einem donnernden Rad. Weißt du, was die Menschen sind? Sie haben nicht wie die anständigen Tiere vier, sondern nur zwei Beine, deshalb müssen sie künstlich laufen. Sie laufen auf donnernden Rädern oder in Hütten, die unsere großen Verwandten, die Pferde, ziehen." Hell hustete. „Das wirst du alles sehen, bis du wieder ausgehst", versprach Nedda (in Hannis Uebersetzung). „Lustig ist das, so ein donnerndes Rad, da kannst du hinterherlaufen, schnell, immer schneller..." Hell hustete. Hann: zufolge äußerte er: „Ich glaube nicht, ich glaube nicht..." Nedda bellte dagegen. „Welch ein Unsinn! Natürlich wirst du laufen können ... natürlich ...." Sehr laut bellte sie. Hanni verstand alles. Dann als Hell immer schwächer wurde und kaum noch den Kopf hob, faßte Nedda einen Entschluß. Hier im Hause konnte er nicht gesund werden, das wußte sie. Wenn etwas half, dann war es Luft, Sonne, nichts sonst. So geschah ein seltsamer Transport. Die Mutter ließ nicht ab, bis das kleine sterbende Hündchen sich aufrichtete, auf den Füßen stand und ihr, Schritt nach Schritt, mit äußerster Anstrengung folgte. Ueber die Treppe ging der Transport, durch das Tor, linkerhand, in den Garten. Es waren nur ein paar Schritte, doch es dauerte länger als eine Reise. Endlich waren sie da. Auf dem Grasfleck hinter dem Brunnen saß Hell, das war erlaubt, die Sonne schien genau her, eine wunderbar warme, lebendige Sonne, und der Wind ging durch die Bäume, nicht heftig, bloß, um zu fächeln und Nachricht von oben zu bringen. Wasser floß aus dem Brunnen, es wurde geschöpft, getrunken und lief von neuem. Das Hündchen Hell saß im Grase, müde vom Sterben, erschöpft vom weiten Weg und trotzdem erstaunt. Wie schön war das plötzlich, dies Grüne, Bewegte. „Nicht wahr, hier ist es gut?" sagte Nedda nach Hannis Behauptung. Hanni behauptete sogar, sie habe außerdem gesagt: „Hier wirst du gesund werden!" Hell sagte nichts. „Er denkt sich was!" erklärte Hanni, und schwor darauf, Nedda habe wollen, daß Hell sich mehr in die Sonne lege. Doch Hell, das Hündchen gehorchte nicht. Hell, das Hündchen, war tot. Agathe und Hanni begruben es in einer großen hölzernen Schachtel, die einmal ein Ping-I-'ongspiel beherbergt hatte, denn es war ein richtiges Begräbnis. Ein Grab wurde ausgeschaufelt, nicht viel breiter als zwei Kinderschritte, doch tief genug, und dicht unter einem Nußbaum. „Hier wird er es schön kühl haben!" sagte Hanni. Schatten, Grün und Kühle waren wirklich um das Grab. Gebete wurden nicht gesprochen. Der Herr, der die Tiere nicht leiden mag, hätte es allzu gotteslästerlich gefunden, weil ja niemand gestorben 22

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