Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 7 (Mai 1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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€rns/ cd?oiliar I/^)ellf das /^)unJ[L en Nedda hieß die Mutter. Wie der Vater gebeiß«! hat, wissen wir nicht, denn es war ein Fehltritt. Doch der Vater, so wenig wir auch von ihm wußten, war schön, von gleicher Rasse, gleicher Reinheit — immerhin ein Trost. Und eine Entschuldigung für Nedda, die den ehrbaren Wandel eines jungen Mädchens aus gutem Hause deutscher Schäferhunde so unvermutet preisgegeben hatte. Sie litt, die arme Nedda, sie schämte sich, weil sie ihre Figur und ihre Ausdauer tinbüßte. Eines Nachts gab sie, ohne zu wissen, wieder Vater hieß, drei Kindern von ihm das Leben. „Mater semper certa." Zwei waren tiefschwarz, Pascha und Canio hießen die schwarzen. Canio gehörte Agathe, Pascha Hanni. Eines war hell. Hell nannten wir es, es gehörte allen. Neugeborene Hunde sehen zwölf Tage nicht. Maulwürfen ähnlich, hilflos blind, tasten sie nach dem Leibe der Mutter, die nicht von ihnen weicht, tags nicht und nachts nicht, denn sie sind ja blind und sie muß sie ernähren. Welch ein Ernst sie überkommt, welch ein Bewußtsein von Pflicht und Sorge, diese Mutter! Vor ein paar Wochen lebte sie noch in ziellosem Lauf, in Sprung, Spiel, Unverantwortlichkeit. Das ist dahin. Nedda wachte, sie schlief fast nicht. Unbarmherzig forderten sie ihre Jungen und geduldig ließ sie es zu, wusch sie mit ihrer Zunge, nährte sie mit ihrem Leibe. Matt lag sie da, wandte den Kopf nach dem gewohnten Ruf der Kinder: „Nedda, komm!", doch sie erhob sich nicht, sondern heftete die Augen auf den Rufenden, als wollte sie sagen: „Ihr seht. Ich kann nicht fort. Hier bin ich nötig, und ihr wollt ja nur mit mir spielen. Entschuldigt mich." So ließen die Kinder sie der Kleinen wegen gewähren. Eines Tages s;'lien die Kleinen. Eines Tages liefen sie. Zwei von ihnen, die tiefschwarzen, entwickelten sich rasch, über Nacht wuchsen sie, sichtbar beinahe. Das Dritte, Hell, blieb ein wenig zurück. Nicht als ob es die Nahrung verweigert oder andere Anzeichen von Mißbefinden gegeben hätte; es wuchs nur langsamer, blinzelte, während die andern bereits sahen, wankte, da sie schon mit kurzen Schritten liefen. Deberdies war es das mindest Hübsche. Sein schmaler Kopf mit den halb geschlossenen Augen hatte etwas Armseliges, sein Fell, blaß und den Rücken entlang von einem gelblichen Streifen gezeichnet, glänzte nicht, war stumpf, dünn, dürftig. „Hell ist häßlich!" sagte Hanni und sie wiederholte es, weil ihr die Alliteration gefiel. Trotzdem schien es, als habe Hell vor allen andern Bewußtsein, vernehme Stimmen, ja, unterscheide, seiner schwachen Augen unerachtet, die Menschen. Wirklich: Das Hündchen Hell, so dürftig, ja so unschön es war, zeigte sich unter seinen Geschwistern als das klügste, sofern man es klug nennen will, wenn ein Tier es mit den Menschen hält. Das tat das Hündchen Hell. Es lag still auf seiner Streu, ganz für sich, während die andern, ineinander verkräult, winselten oder jene keifend schrillen Töne von sich gaben, die auf Verdruß deuten. Rief man es beim Namen, dann richtete es willig den kleinen Kopf auf, unternahm einen vergeblichen Versuch, die Ohren zu spitzen, und — lachte. Wer das für eine Uebertreibung oder gar für unmöglich hält, mag die Kinder fragen. Das Hündchen Hell lachte. „Hell!" riefen die Kinder Neddas Kind, da entblößte es seine Oberlippe bis zu den Zähnen, machte eine haschende Bewegung mit den Vorderpfoten und wedelte. So lachte es ... Eines Tages geschah etwas, was weder Agathe noch Hanni vergessen. Hell ging zum erstenmal ins Freie. Den zwei Tiefschwarzen, die noch dunkler und glänzender wurden, während Heils fahles Pelzchen immer gleich und gleich kärglich blieb, bereitete das Gehen keine Mühe mehr, sie bewegten sich in kleinen Sprüngen das Trottoir entlang und taten, als ob ihnen das Neue nichts sei. Hell hingegen tappte mit den weichen Polstern seiner Pfoten, die (ein Schönheitsfehler) einen weißen Ring um das Gelenk hatten, höchst unbestimmt, systemlos und, wie er es gewohnt war, allein. Mitunter, aus Müdigkeit oder weil ihn alles so erstaunte, setzte er sich hin und machte die Augen, die ihm jetzt schon gehorchten, auf. Da lief ein Tief vorbei, das hatte durchaus keine Aehnlichkeit mit der Mutter oder den Geschwistern, schien aber doch zur Familie zu gehören, denn so intim begrüßt man sich nur in der Familie. Da war auf einmal eine andere, schönere Farbe am Boden, es ging sich weich, kühl und ein bißchen kitzlig darin — doch da schrie schon jemand und drohte. Weich und kühl durfte man es ©ßOiMHiPIPDCIHI Aufbewahrung - Wäsche - Reparaturen Bettelheim & Jomek, Wien I., Rotenturmstraße Nr. 27 21