Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 7 (Mai 1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Davison als Schauspielertalent entdeckte. Er wird aiüA^cbildet und durfte endlich vorspielen. Heinrich Laube, der geniale Direktor des Hofburgtheaters, sieht ihn, und nun darf er auch im Burgtheater kleine Rollen übernehmen. Juna Laube, die Frau des Direktors, beobachtet sein Auftreten auf der Bühne und äußert sich verächtlich über den „beinschlüssigen süßen Juden". Und aus dem „beinschlüssigen süßen Juden" wird der Doyen der Wiener Schauspielkunst, der Regisseur, der Oberregisseur und der Direktor des k. u. k. Hofburgtheaters. Sonnenthal gastierte im April 1889 in Riga. Er steigt im Hotel ab und trägt im Meldezettel unter der Rubrik „Konfession" mit großen deutlichen Buchstaben „Jude" ein. Sonnenthal ist stolz auf seine Abstammung, denn er „besitzt die Schwäche, sich dessen nicht zu schäme n". Dachte die Polizei an Bestechungsgelder, war sie entrüstet, daß der Theaterdirektor sie nicht in der Rechnung führte oder wollte sie wirklich das rauhe, harte, russische Gesetz schützen? Wie wagt es ein Jude, ohne Aufenthaltsbewilligung, ohne „Judenzettel" nach Riga zu kommen? Auf der Probe erscheint ein Polizeioffizier und erklärt dem Regisseur, daß sich Sonnenthal ohne spezielle Erlaubnis in Riga nicht aufhalten dürfe. Der Direktor keucht, schwitzt und befürchtet durch eine Absage des berühmten Sonnenthal ein hohes Defizit. Er wendet sich an das österreichische Konsulat welches sofort nach Petersburg telegraphiert. Am selben '"g lief folgende Antwort ein: „An Polizeimeister ergeht heute "telegraphischer Befehl des Ministers des tanern, wonach Herrn Sonnenthals Aufenthalt in Riga bewilligt wird. Oesterreichische Botschaft." Dieser Vorfall wurde in Wien bekannt, daran nicht glauben und Sonnenthal wird Presse und von Freunden Man mit wi Anfragen will von der bestürmt, °b sich diese „peinliche Szene" wirklich ereignet habe. Wohlweislich hütete sich der Theaterdirektor in ^'ga, von diesem Zwischenfall Sonnenthal zu berichten und erst nach Erledigung der Aufenthalts- Eewilliiiunji crfunr Sonnenthal den Vorfall. In einem schreiben an den Theaterkritiker Ludwig Speidel erzählt er: „Im ersten Augenblick war ich starr '* wußte nicht, sollte ich lachen, sollte ich weinen. Jai wir leben im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der Aufklärung! Man rüstet Schiffe aus \jl ^efreiung der Negersklaven am Kongo, und im Gerzen Europas weist man einen Menschen aus, weil er ein Jude ist!" Als Sonnenthal Riga verließ, versammelten sich viele Juden und begeisterte Theaterfreunde am Bahn- °' und bereiteten ihm stürmische Ovationen, „als Revanche, weil e:; ihnen tagszuvor nach dem Theater von der Polizei verboten wurde". In Wien sollte Sonnenthal im anonymen Stück »Die Wilddiebe" die Hauptrolle, den orau, geben. Die anonymen Verfasser waren: a ° r H e r z 1 und Hugo Wittman n. Als Sonnenthal nach Wien kam, waren auf seinem chreibtisch zwei Briefe, von Ludwig Gabi 1 Ion und ' ugust Förster, und zwischen den Zeilen befanden 8ich quasi tröstende Worte, die sagten, in Wien sei £s anders, hier bist du der Liebling, der gefeierte a°nnenthal. Philipp von Thco- Gabillon schrieb an Sonnenthal: ,,. . . Wenn Du am Sonntag, den 19. Mai, mittags 12'_• Uhr, in den klassischen „Wilddieben" als unwiderstehlicher Don Juan vor den Wienern erscheinst, so werden wir ein volles Haus haben und das Jauchzen der Schröder-Mitglieder wird sich mit dem begeisterten Jubel des Publikums vereinen! . . ." Förster schrieb an Sonnenthal: ,,. . . Die große Spannung des Publikums auf die so lange ausgebliebenen „Wilddiebe" ist nicht abzuleugnen, dazu die Anziehungskraft Deines ersten Auftretens gerechnet es ist wohl Aussicht auf ein gutes Haus, selbst bei schönem Wetter." Sonnenthal trat 15 Jahre in fast jeder Spielzeit K. u. k. Hofburgschauspieler Ä. Ritler von Sonnen thal des Burgtheaters, zuletzt am 24. Oktober 1904, im Herzl-Drama „Wilddiebe" auf. Auch in der „Dame in Schwarz" von Theodor Herzl und Hugo Wittmann spielte er den „Wilhelm Faßbinder". Sonnenthal war ein großer Bühnenkünstler. Jedes Auftreten im Theater war für ihn und für die Zuschauer ein Erlebnis. Es gibt Theatersachverständige, die behaupten, daß bis heute 25 Jahre nach seinem Tode kein Schauspieler seine künstlerische Höhe erlangt hätte. Sonnenthal als „Nathan der Weise" ist die Verkörperung der dramatischen Kunst Lessings. Was der Dichter nicht allein in Worten schildern konnte die unendliche Güte und Weisheit Nathans , das ver- 13