Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 7 (Mai 1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Josef Frankel: DerJude Adolf Ritter von Sonnenthal „Wie viel erlebt nicht ein Künstler auf dem langen, steilen We», der ihn ans Ziel führen soll, wie viel Ein- und Abschnitte, Ruhe- und Wendepunkte sind da nicht zu verzeichnen, wie viel Stürme und Sonnenschein, Hoffnungen und Enttäuschungen . . ." Worte Sonnenthals im „Decamerone vom Burgtheafer". In der Hauptstraße des Pester Ghettos, in der Königsgasse, befand sich ein Tuchwarengeschäft. Ein einfacher, ehrlicher, religiöser Jude war der Inhaber des Ladens. Ädolf Ritter von Sontwuthal - JugenJbilJnis An einem Freitag. Die Sonne war schon längst verschwunden und die Juden eilten vom Tempel nach Hause. Nur einer ging langsam, blickte strenge um sich und schüttelte traurig den Kopf. Er war gewohnt, daß sein Sohn im Bethaus weile und mit ihm die Synagoge verlasse. Zum ersten Male war sein Sohn nicht ins Bethaus gekommen. Im Zimmer war der Tisch feierlich gedeckt, die Sabbathkerzen leuchteten, der Sohn war aber noch immer nicht heimgekommen. Die Theatervorstellung war zu Ende. Oben auf der Galerie stand ein kleiner Junge und träumte. Der Portier erschien: „Wollen Sie vielleicht hier schlafen?" Erschreckt verließ der Junge das Haus seiner Sehnsucht. Seine Wangen waren rot, die Augen leuchteten und in seinen Ohren sauste der Rhythmus des Beifalls. Der Ghettojunge war endlich einmal im Theater gewesen. Als er zur Königsgasse kam, da wurden seine Wangen blaß. Tränen in den Augen öffnete er zögernd die Wohnungstür, küßte beim Eintritt die Pfosten und murmelte: „Gut Schabbesl" Er hörte nicht die strafenden Worte seines Vaters, sah nicht die bittenden Blicke seiner Mutter - seine Gedanken weilten noch im Theater. Seit diesem Tage mußte der junge Adolf Sonnenthal zur Strafe zweimal täglich zur Synagoge gehen. Und nun wird er „Bar-Mizwah". Der dreizehnjährige Adolf wird zur Thora aufgerufen. Er liest die „Haftarah", ein Kapitel aus dem Prophetenbuch, vor. Die tote Schrift wird lebendig und man glaubt, die Stimme eines Propheten zu hören. Er, der junge Adolf Sonnenthal, spielt die Rolle des Propheten vor den Ghettojuden. Hoffnung, Freude, Hilfe, Rettung klingt aus Prophetenmunde, den jetzt Sonnenthal vermittelt und durch seine „Drusche" interpretiert. Und aus den Äugen der Tempeljuden strahlen unversehens Hoffnung und Zuversicht. Sonnenthal selbst hat diese Stunde nie vergessen. Oft schilderte er im Kreise seiner Familie dieses Kindheitserlebnis und meinte, daß besonders der begeisterte Blick seines Vaters sein Leitstern geblieben war, der ihn auf der hohen See des Lebens über manche Klippe der Versuchung glücklich hinweggeführt habe. Die Bibel, die Prophetenbücher, die Psalmen wurden die Lehrer Sonnenthals. Bei diesen genoß er den ersten Unterricht in der Schauspielkunst. Stunden lang pflegte er große Reden, die er aus den heiligen Schriften auswendig lernte, aufzusagen. An hohen Feiertagen oder am Geburtstage seines Vaters hatte der junge Sonnenthal für seine Familie eine Ueberraschung. Er übersetzte die Psalmen ins Französische und trug sie in hebräischer und in französischer Sprache vor. Der 19. April 1848 in Budapest. Unruhen. Pöbel und Mob wüteten. Wer ist schuld? Pogrome und Ausschreilungen. Wehrlose Juden werden von bewaffneten Banden überfallen. Der sechzehnjährige Adolf hält es in der Wohnung nicht aus. Eine Unruhe packt ihn. Seine Brüder werden geschlagen. Er muß auf die Gasse. Er packte einen Stock und verschwand aus dem Zimmer. Wilhelm Teil hatte einen Bogen und Adolf Sonnenthal einen Stock. Beide hatten einen gemeinsamen Feind, ihren „Geßler". Später sah er auf der Bühne „Wilhelm Teil" und erblickte auf den Theaterbrettern einen alten, unheimlichen Gesellen. Ja, den „Geßler" kannte er. „Ich muß den .Wilhelm Teil' spielen und es dem Geßler zeigen." Er spielte ihn und sein Bogenschuß hat „Geßler" nie verfehlt. Sein Vater verlor später sein Vermögen und Adolf wurde Schneiderlehrling. Das Zeugnis des Schneiderlehrbuben war glänzend. Dann kam der Schneidergeselle nach Wien zum Meister Peschek, k. u. k. Schneidermeister. Aber sein Herz war und blieb nicht bei der Nähmaschine. Zum Theater, zur Bühne! Viel Kummer und Herzweh mußte er ertragen, bis ihn 12