Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 7 (Mai 1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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»Diese Zeilen sollen nur die Kulisse wegräumen, damit die jüdische Bevölkerung sehen kann, worum eigentlich der Streit geht. Aeußcrlich ist es ein unschönes Bild zersplitterter Vereinskämpfe, in Wirklichkeit eine Scheu vor der Verantwortuno um die richtige Einschätzung der Kräfteverhältnisse, um die Erfassung der Möglichkeiten und Zweckmäßigkeiten. Darum sei noch ein Leitgedanke angefügt. Oesterreichische Juden haben für sich das Recht auf Betätigung für ihr österreichisches Vaterland zu t'ordern, dessen Bürger sie sind. Das Recht und die Mö gl i c h k e i t, für ihr Vaterland einzutreten und für ihr Vaterland zu arbeiten. In gleicher Weise fordern sie ihr Recht auf Erwerb und Verdienst und fordern, daß dort, wo sich praktische Schwierigkeiten in den Weg stellen, Vereinbarungen zu ihrer Ueberwindung getroffen werden. Die österreichischen Juden vvoI:en als mündige Staatsbürger angesehen werden, welche den Staat bejahen, die aber auch vom Staat als Bürger bejaht zu werden begehren. Die österreichischen Juden verwahren sieh gegen jene Juden, welche sich in Dinge mengen, die sie nichts angehen, sie fordern aber, dali man sie zur Mitregelung an jenen Angelegenheiten heranzieht, die sie betreffen. Wenn es jüdische Vertretungen nur gibt auf der Grundlage ,,Juden als Religionsgesellschaft" und nur auf dieser Grundlage kann die K u 11u s gemeinde mit der Bundesregierung „verhandeln", dann werden eben die Juden nahe/u vollständig aus der Mitbestimmung im Wirtsc ha ft s 1 e 1-, en ausgeschaltet. Was zu beweisen war. H&ünkz&h, &u Qott Auch der Glaube kann sich schämen. Was ich glaube, was ich fürchte, was ich hoffe und ersehne, lst mein tiefinnigstes Geheimnis, das ich mit mir Hage UI»d niemandem anvertrauen muß. Ist es Aberglaube, Wenn ich au ein Schicksal denke, das mir Leid gebracht und Freude bringen werde? Ist es Schicksal, Wenn mich Leid nicht niederdrückt in einer Zeit, w elche kaum jemanden vor Leid und großem Leid verschont? Isl es ( ilaube, wenn ich über mir ein Schicksalsw alten sPÜre, dem ich meinen guten Willen anvertraue? Man nannte das Schicksal den Gott, der das Judenvolk auserwählt hatte, um den Menschen das ewige Sittengesetz zu künden, den Allmächtigen und Ewigen, den Einzigen, und nennt es heute verschämt Schicksal, das uns trifft und das uns lohnt und das "ns straft. Wir sind versc h ä m t g e w o r d e n. Wir glauben so wie ehedem unsere Vorfahren, die sich fi" ihren Glauben mit Leib und Leben freudig geopfert haben, nur haben wir aus Scham das Wort gemieden, das in der Bibel steht. Wir sagen Schicksal Und meinen Gott. Merkwürdig, welche Widersprüche die gärende Gegenwart in sich birgt. Mit dem Wort der Freiheit z°g die letzte Zeit in den Kampf, und für die Freiheit Waren die Menschen zu allen Opfern bereit, wie einst fl"' ihren Väterglauben. Was haben wir schon alles Unter der ersehnten Freiheit verstanden! Wir sind für die Freiheit des Wortes eingetreten und sahen sie zu Zugcllosigkeit ausarten. Wir haben für die Freiheit tlt-,i" Selbstregierung des Volkes gestritten und ringen um die Freiheit des Volkes gegen Menschen und Gruppe, welche so wie wir die Fahne der Freiheit entr°Ht haben. Freiheitskämpfer sehen in Freiheitskämpfern den Bedrücker, mit dem Worte der Freiheit Wird dem Gelehrten freie Bahn gemacht und Straf- »reiheit für Verbrecher gefordert, da sie nicht Herr ihres Willens waren. Im Namen der Freiheit werden Diktaturen errichtet und die Allmacht des Staates oder der organisierten Massen verkündet. Die Freiheit des e i n z e 1 n e n M e n s c h e n b e d i n g t seine v olle Verantwortli c h ke it. Wenn ich frei bin und frei sein will, dann ist es mein eigener freier Wille, gut oder sehlecht zu handeln, dann, wenn ich mich frei fühle und nach Freiheit strebe, gerade dann muß ich die volle Verantwortung für mein Tun und Lassen tragen, da meine Entscheidungen frei sind, nur mir anheimgegeben. Meine Entschlüsse verantworte ich freier Mensch vor meinem Gewissen. Ist das Gewissen frei? Nie will ich nur für mich allein, denn ich lebe mit anderen Menschen, ich liebe und hasse Menschen, ich vereinige mich mit dem einen und bekämpfe den anderen, aus freien Stücken, als freier Mensch, frei vor mir, vor meinem eigenen Gewissen. Lud wenn ich gegen den anderen unterliege, weil ich schwächer war, was sagt dann mein Gewissen? Kann mich mein Gewissen trösten über die Schwäche, die mich dem Gegner ausgeliefert hat? Was habe ich verschuldet, daß ich schwächer geworden bin als der andere, daß ich unterliegen mußte, da ich doch siegen wollte, siegen, weil ich freier Mensch beschlossen hatte, gegen den anderen, mit dem ich mich im Räume gestoßen halie, zu siegen? Ueber mich hat mein Gewissen zu entscheiden, das mich schuldig spricht, wenn ich unterlegen bin. Wessen schuldig? Wonach urteilt mein Gewissen? Nach den zehn Geboten? Wer hat dem freien Menschen zu gebieten? Wer kennt nicht diese geheimen Gedanken, die jedem unter uns so oft lebendig werden, da niemand, auch kein Cäsar, erreicht hat, was er wollte? Warum schämen wir uns, uns selbst zu gestehen, daß wir nur