Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 7 (Mai 1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„Jüdische Volksparlei" als Sieger hervorgegangen. Der Präsident der Gemeinde hatte daher, wie überall in gleichen Fällen in der ganzen weilen Welt, z w e i Möglichkeiten seines Wirkens: als Präsident der Ge- Heinde und als Mandatar seiner Partei. Als Präsident der Gemeinde muß er sich nach den Machtverhältnissen im Vorstand der Gemeinde richten. Als Mandatar der Parte i kann er im Zusammenwirken mit seiner Partei vier SU chen, seinen Wirkungskreis zu erweitern, den Ausbau der Gemeinde nach jenen Richtlinien zu fördern, auf Grund deren er als Parteimann gewählt wurde. Die Chance dazu war vorberaten. Es war Sache der Partei, den Weg zur Ausgestaltung der Kultusgemeinde ZU einer vollberechtigten und vollverpflichteten Judengemeinde („Volksgemeinde") zu ebnen. Dr. Seipel /um Beispiel war Bundeskanzler u n d Parteipräsident zugleich gewesen, ebenso Bürgermeister Seitz. Was anderen selbstverständlich ist, hatte aber für die Wiener Juden keine Geltung. Umgekehrt hatte die Partei Bedenken, ihre Tätigkeil zugunsten einer Erweiterung der Befugnisse der Gemeinde einzusetzen, statt sich als Partei allein zu fördern. Solche Einstellung einer Partei hätte sonst überall zu einer Demission der Vorstandsmitglieder der Partei in der Gemeinde geführt. Hier aber führte das beiderseitige Mißverstehen der Tatsachen und Aufgaben zu einer Entfremdung von Partei und Mandataren und zu einer Aussichtslosigkeit der gewährten Chance. Die beiden Persönlichkeit« n, d i e d a m a 1 s ,,u n m a ß g e b I i c h" w a r e n, sind heute zu den maßgebendsten vorgerückt. Die Chance ist geschwunden, der Konflikt 'st da. Daß die Chance gewährt werden konnte, war aber kein Zufall gewesen, denn die Juden sind von Natur ai's nicht dazu verurteilt, immer nur Objekt zu bleiben. Im Herbst 1933 zeigte es sich, daß sich wieder Persönlichkeiten gefunden hatten, welche in „unmaßgeblicher" Stellung waren, aber die Aufgabe vor sich sahen, den Juden Oesterreichs eine Chance zu geben, '"zwischen hatte sich das Problem merkwürdig verschoben gehabt. War damals die Frage so geartet, daß ma» die Juden aus ihre: Abhängigkeit von einer Partei befreien wollte, da sie dieser Partei zu einer ungesunden Machtstellung verhelfen hatten, so war diesmal dt-'n Juden die äußerst gefährliche Rolle zugefallen, den Feinden des Staates Oesterreich als Prügelknaben zu dienen. Man betrieb eine antisemitische Hetze, um der Bundesregierung den Zugang zu den Herzen der Bevölkerung zu versperren. Die antisemitische Hetze U;u ein Mittel s t a a t s g e f ä h r 1 i c Ii e r Propaganda geworden. Es gab daher für Katholiken die Chance, sich ein großes Verdienst um den Staat zu erwerben, wenn es gelingen wollte, durch eine Rege- 11111 g der österreichischen Judenfrage, und zwar im beiderseitigen Einvernehmen, der Hetze den Boden Zu entziehen. Für die Juden gab es die Chance, die Hetze unwirksam zu machen und gleichzeitig damit dem Vaterland einen doppelten Dienst zu erweisen: 1 Awirksammachung der staatsfeindlichen Hetze und PALESTINE&ORIENT LLOYD die WELTORGAN ISATION |für PALÄSTINAREISEN VERTRETUNG FÜR ÖSTERREICH-. REISEBÜRO CITY DR.J.H.KÖRNER \ WIENJ. .KOHLMARKT 8 TtlEPHON Mft.U-26-4-29 die Schaffung einer Tat auf dem Gebiete der Regelung des Zusammenlebens zweier Völker im Sinne des österreichischen ,,R e i c h s g e d a n k e n s". Gleichzeitig wurde der Versuch unternommen, auf die katholische und die jüdische Oeffentlichkeit publizistisch gemeinsam einzuwirken, um die Hetze abzuwehren und den Boden für eine Verständigung zu ebnen. Es war nämlich klar geworden, daß die jüdische Bevölkerung allem politischen Geschehen ganz ahnungslos gegenüberstand. Niemand hat sie aufgeklärt, niemand hat versucht, sie zu führen. Das jüdische Vereinswesen, das öffentliche und das private, war wie die ganze österreichische Demokratie volks fremd geworden. Es besteht kaum ein Kontakt zwischen dem jüdischen VereinsJeben und der jüdischen Bevölkerung1. Bei der katholischen Bevölkerung Oesterreichs gibt es keine wirkliche Kenntnis der Judenfrage, sondern nur den Bodensatz alter und neuer Hetze, ein Durcheinander richtiger und unrichtiger Anschauungen und Daten, falsche Statistiken und eine b e r e c h t i g t e Abwehrstellung gegen jene jüdischen Einzelgänger, welche es sich herausnehmen, über Christentum und Deutschtum zu reden und zu urteilen. Es erschien schließlich nur eine Broschüre, welche die Aufforderung eines Katholiken an die Juden enthielt, die Verantwortung für eine zu vereinbarende Ordnung des Zusammenlebens zu übernehmen, und die Aufforderung eines Juden an die Regierung, zeitgemäß u n d verantwortlich Stellung zur Judenfrage zu beziehen. Anfangs fand diese Broschüre begeisterte Zustimmung, die aber bald ins Gegenteil umgeschlagen war. Von einer Seite wurde nämlich das Schlagwort von der „Gleichberechtigung" und der „Gefahr" in die Debatte geworfen, in welche die Juden durch „Ordnung" geraten könnten, und gleichzeitig wurde von nationalsozialistischer Seite der Versuch unternommen, in dieser Diskussion im Trüben zu fischen und eine neue Hetze in Szene zu setzen. Man erkennt unschwer, daß dieses Wort der „Gleichberechtigung" noch aus jener Zeit stammt, in welcher die Juden als Objekt der Machtpolitik der andern mißbraucht wurden. Die Gleichberechtigung, wie die Saboteure der Verständigung sie meinen, ist das Ni c h t a u sspr e c h e n d e s Wo r t e s „J u d e". Wer darin sein Heil sieht, daß man von ihm n i c h t spricht, der pflegt kein gutes Gewissen zu haben oder seiner Lebenskraft wenig zu vertrauen. Solange man irgendwie feststellen kann, wer Jude ist, solange hat 3