Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 7 (Mai 1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695757--151-8245698- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mmvm mm ummm Wir nennen keine Namen, sondern erzähle.! von den Dingen, wie sie sieh ereignet haben. Man soll nie hintei die Kulissen blicken, wenn man die Kunst Hebt, denn hinter den Kulissen zeigt sich die Wirklichkeit, die man in der Kunst nicht suchen soll. Aber das Schicksal eines Volkes ist kein Theater, sondern Wahrheit, und Wahrheit ist, so hörte ich einmal sagen, das größte R a f f in e m e n t. Darum bleibe ich bei der Wahrheit, aber nenne keine Namen, denn die tun nichts zur Sache. Wien ist ein Brennpunkt jüdischen Lebens wie des europäischen Lebens überhaupt. Von Wien aus hat Theodor Herzl gewirkt, von Wien aus wurden die ersten Versuche politischer jüdischer Tätigkeit gemacht. Es hat auch den Anschein, als ob von Wien, wie es nun wieder auflebt, Anreg u n g e n in alle Welt, au c h in die j ü d i s c h e Welt, gehen w e r d e n. Vor genau zwei Jahren wurde der erste Versuch unternommen, die Juden Wiens von einer fremden Tyrannei zu befreien. Es gab hier die höchste Demokratie, das heißt, es herrschte im öffentlichen Leben das Buhlen um die Gunst der Zahl. Es wurde immer wieder gewählt, und nach jeder Wahl dachte man sofort an die nächste Wahl. Man dachte nur in Wahlen und Wahlchancen und vergaß Staat, Ideen und sogar die Wirklichkeit. Da spielten nun die zweimalhunderttausend Juden Wiens eine wichtige Rolle. Um sie hat man geworben, um ihre Wäh'l e r gu ns t. Nach 15 Jahren solcher Demokratie wußte man bereits, wie man die Gunst der jüdischen Wähler Wiens gewinnen kann:durch Anerkennung jedes Juden als „Genossen", als unterschiedslos Gleichen. Man hat richtig spekuliert. Per moderne Jude flüchtet im öffentlichen Leben aus seiner Haut, die ihn von anderen Meinschen unterscheidet, aus seinem Judentum. Wer ihm, dem Juden, die Möglichkeit in Aussicht stellte — ohne Sicherstellung und ohne Verpflichtung, ein gegebenes Wort auch halten zu müssen daß „Jude sein" eine Privatangelegenheit sein könnte, die öffentlich nicht beachtet würde, der bekam jüdische Stimmen ohne Zahl, nämlich nahezu alle jüdischen Stimmen. Am 24. April 1932, bei den letzten Wahlen in den Wiener Gemeinderat, bei welchen die Nationalsozialisten ihren überraschenden Einzug gehalten hatten, konnte man einwandfrei feststellen, daß fast alle Wiener Juden als „Genossen" gewählt hatten. Ich habe als Eigenbrötler das Gegenteil getan, also nach „demokratischer" Ansicht einen hundertprozentigen Fehler begangen. Ich zog aus meinem „Fehler" die Konsequenz und versuchte, zweien „unmaßgeblichen" Persönlichkeiten folgenden Gedankengang glaubhaft zu machen: Die Juden sind ein Objekt der Politik. Man beehrt den Juden als geehrten Wähler, man ködert ihn mit einer Schimäre von „Gleichberechtigung", indem man ihm in Aussicht stellt, er werde unter den „Genossen" untertauchen und nur mehr gleichsam im Privatleben Jude sein, und dann erhält man seine Stimme und gewährt als Zugabe die Mitgliedschaft zur siegreichen Partei. Es sei aber Tatsache, daß auch die „antisemitischen" Parteien um jüdische Stimmen geworben hatten, nur ohne Erfolg, weil sie die Juden nicht auch als Parteimitglieder, sondern nur ah Spender der Partei zulassen wollten. Den Erfolg einer Werbung um jüdische Wählergunst werde immer derjenige nachhause bringen, der den jüdischen Wähler in sein eigenes Parteihaus ganz hereinlasse, ihn in der O e ffentlichkeit sein J u d e s e i n vergessen lasse. Dabei verschlage es nichts, wenn es dann nicht zum Vergessen komme. Wer sich als Objekt der Politik umwerben 'aßt, ohne offen mitzureden, der wird immer betrog'en werden. Der politische Machtkampf verträgt keine scheuen Objekte, er gebraucht und mißbraucht sie, er „beutet sie aus". Sie dürfen nur — wählen, denn Wählen ist die „höchste Bürgerpflicht". Es könnte aber auch anders komm e n. Wenn der Staat offen den jüdischen Staatsbürger als Staatsbürger anerkennt, offen mit dem Juden als Juden verkehrt, ihn dann und g'erade dann als Menschen und als Patrioten gelten läßt, wenn der Jude sein wiSl, was er ist, ein Jude, dann wird aus einem Objekte der Politik ein Subjekt werden, dann wird eine jüdische Politik entstehen können, die den Mißbrauch mit jüdischen Stimmen unmöglich machen muß. Damit wäre dann allerdings trotz aller Demokratie die rote Herrschaft in Wien zu Ende, denn sie beruhte auf dem Mißbrauch mit den jüdischen Wählerstimmen. Es wäre daher Sache der damals darniederliegendeii geschlagenen katholischen Partei, deren Wiederaufstieg u u v e r m e i d 1 i c h s e i, die Juden ais Partner anzuerkennen, bei voller Wahrung1 beiderseitiger Unabhängigkeit und Unbefangenheit. Es stehe dem Christen frei, Antisemit zu sein, dem Juden stehe es frei, Jude zu sein, beiden aber soll die Möglichkeit gegeben sein, miteinander zu sprechen. Zunächst über die Möglichkeit, allen J u d e n e i n e g emei ns a m e wirksame, einwandfreie Organisation zu schaffen, den Verband der v o 11 b e r e c htigte n „Kultusgemeinden" — der Volksgemeinden — in Oesterreich. Es hat ein Jahr gedauert, d a n n w u r d e dieser klare Gesichtspunkt von höchster Stelle anerkannt. Weiter kam man aber nicht. Denn ungestraft lebt ein Volk nicht mehr als huindert Jahre als Objekt fremden politischen Willens. Die Wiener J u d e n w u ß ten mit der i h n e n g e b o t e n e n Chance nichts anzufangen. Sie verwechselten die einfachsten Dinge. Die Kultusgemeinde erhält ihren Vorstand aus einfachen demokratischen Wahlen, wobei Parteien als Wahlwerber auftreten. Jede wahlwerbende Partei existiert daher als Partei u n d als Mitglied der gewählten Körperschaft, des „Kultusvorstandes". Aus den letzten Wahlen im Dezember 1932 war die 2