Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 40 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden die Schuld zu. Du wirst verstehen, mein Kind, w ie sich da dein \ olk zurücksehnte nach seinein Vaterlande, und diese Sehnsucht belebt es auch heute noch, wo sieh die Pforten des Ghettos geöffnet haben; es wendet sein ganzes Sinnen und Trachten jenem Lande zu." „Mutter, wie heißt dieses Land?" fragte das Kind leise, und mit Wehmut in der Stimme antwortete die Mutter: „Palästina Erez Israel —" Es war spät am Abend. Isi lag in seinem Bettchen und blinzelte verschlafen nach dem Himmel, der durch das offene Fenster in das kleine Zimmer hereioöehaute. Er konnte gerade das Sternbild des \\ agens sehen, das heute besonders deutlich sichtbar war. „Ich glaube gar, er fällt hinab!" dachte der Knabe plötzlich erschrocken, und wirklich: leuchtend und gleißend sanken die Sterne des Wagens hernieder, immer näher und näher, und plötzlich stand das ganze, goldene Gefährt mitten im Zimmer und ein Greis mit silberweißem Barte entstieg ihm. „Komm, Isi, wir wollen eine Heise machen", sagte er, und flugs war Isi aus dem Bette draußen und sprang, so wie er war, mit den verwirrten bocken, im langen, weißen Nachthemd, in den Wagen. Alle Müdigkeit war wie fortgeblasen! Mit leisem, süßem Klingen schwang sich der Wagen durch das offene Fenster, empor zu den Sleinen, die wie goldene Augen den Knaben ansahen, und bald war die Erde ganz weit entlernt, und sah aus, wie ein großes, schwarzes Tuch, „friert dich, Isi", fragte der Greis gütig, aber Isi schüttelte den Kopf. Es war herrlich, so hoch in der Luft zu schweben! Allmählich wurde es heller und man konnte sehen, was unten lag. „Das ist das Mittelmeer!" sagte der Greis und Isi sah mit pochendem Herzen auf das ungeheure Meer mit seinen tiefblauen Wellen. Ein großes Schill Fuhr in stolzer Einsamkeit dahin und weißer Hauch stieg aus den hohen Schloten. Der goldene Wagen senkte sich hinab und Isi sah nun deutlich das Deck des Schilfes, liier standen einige junge Burschen und Mädchen in einlachen Gewändern und lehnten sich mit verträumten Gesichtern an das Sehiffsgeländer. .Mit schönen, klaren Stimmen sangen sie ein Lied; „Was sind das für Menschen?" fragte Isi, „und wohin reisen sie?" „Das sind Chaluzim", erwiderte der Greis, „mutige, junge Juden, die in ihr V aterland zurückkehren, um dort als Ackerbauer zu leben." Isi sah betroffen auf. Eine unausgesprochene frage lag in seinen Kinderaugen, aber der Greis v erstand sie und in gütigem \ erstehen sagte er: „Auch wir fahren nach Erez Israel!" Immer leiser wurde das Lied der Chaluzim, bis es ganz \ erklang, und da flog auc h der Wagen schon über festem Land. Und plötzlich strich der Greis über Isis Haupt und sagte mit wehmütigem Stolz in der Stimme: „Sieh hinab; das ist dein Vaterland!" Und während der Knabe mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte, begann er ihm das Land zu erklären: „Jene Niederung dort teilt das Land in zwei Teile; bis hoch in den Norden, bis zu dem Toten Meer erstreckt sie sieh. Siehst du die beiden Gipfel, die mit ewigem Schnee bedeckt sind? Das sind der Libanon und der Hermen. Sie sind so hoch, daß selbst der heiße Wind, der aus der Wüste kommt jenem endlosen, öden und unfruchtbaren Sandmeer ihre Gipfel nicht zu erklimmen vermag. Sonst gibt es hierzulande fast nie Schnee. Im Winter, der im November beginn! und bis zum März dauert, regnet es und da wird das ganze Land herrlich grün und die wunderbarsten Blumen sprießen aus dem Boden. Kurz, aber herrlich ist der Frühling und dann kommt mit seinen glühendheißen l agen der Sommer. Da ist es so heiß, daß alles Grün im Gebirge verdorrt, die Bäche austrocknen und ganze Landstriche öde und verbrannt daliegen. Doch blicke hier hinab in die Täler, wo Quellen die durstige Erde speisen oder wo der kluge Landmann Hinnen durch das Land gezogen hat, durch welche das köstliche Naß strömt: herrliche Bäume wachsen hier, Pinien, Johannisbrotbäume, Zypressen, Platanen, Olivenbäume und Akazien. Du kennst diese Namen kaum, denn bei uns könnten diese Bäume nicht gedeihen." Isis .Augen strahlten: „Hier ist es schön!" rief er — „doch sieh, was ist das?" Er zeigte auf einen See, der wie ein leuchtender Spiegel, umrahmt von öden Bergen unter ihnen lag. Der alte Mann lächelte über des Kindes Freude. „Das ist das Meer von Genczareth, der Tiberiassee. Er ist von köstlicher Klarheit und nicht einmal die trüben Fluten des Jordans, der in ihn mündet, vermögen es, die kristallene Reinheit seines Wassers zu zerstören. - Dort ist die alte Stadt Kapernaum mit ihrer wieder ausgegrabenen, uralten Synagoge. Wir sind jetzt über dem sogenannten unteren Galil. Diese Bäume dort tragen köstliches Obst, süße Feigen, Granatäpfel, Pistazien, Oliven und Mandeln und in jenen Weingärten am Karmel wächst der süße, schwere Wein, weißt du, dieser, von welchem du am letzten Sederabend kosten durftest." Der goldene Wagen hielt. „Wir sind jetzt über dem Landstrich Schomron", sprach der Greis weiter, „jener Berg ist der Gerizim, an dessen Fuß ein kleiner, alter \ olksstamm, die Samaritaner, lebt, der trotz allen Verfolgungen treu im Lande 40