Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 36 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Menachem Ussischkin 70 Jahre M. Ussischk in Feiert seinen 70 slen Geburtstag und gleichzeitig sein 50 jähriges Arbeitsjubilüum lür ein jüdisches Palästina. Der letzte Zionistenkongreß in Prag beschloß in Palästina ein jüdisches Dorf, welches den Namen ,,Menachem Ussischkin" tragen solle, zu gründen. Jetzt werden in allen Ländern Geldsammlungen veranstaltet, um diesen (Man zu verwirklichen. Um die große Bedeutung Ussischkins aufzuzeigen, seien hiezu folgende Zahlen angeführt : Bevor Lssischkin die Leitung des Jüdischen Nalionalfonds übernahm. 1. 530.000 Pfund wurden für diesen Fond während 20 Jahren gesammelt (bis zum Jahre 1920). 2. 23.000,Dunam Boden kaufte der J. N. F. 3. 10.Kolonien wurden auf J. N. F.-Boden gegründet. 4. 57.000 Bäume wurden gepflanzt. Unter der Leitung M. Ussischkins (vom Jahre 1920 bis 1933): 1 3,500.000 Pfund wurden gesammelt. 2. 348.000 Dunam Boden wurden gekauft. '■). til Kolonien, die beule 16.000 Einwohner zählen, wurden gegründet. 4. 1,500.000 Bäume wurden gepflanzt. Gemeinde musterhafte Institutionen, aber, wie schon angedeutet, ist in ibr nicht das Vcrpflichtunnsbew ußtsein zuhause, das ihrem Adel entspringen sollte. Noch augenfälliger ist dieser Zustand in der ehemaligen Filialgemeinde von Verbo, in Pistyan, dem unversöhnlicher Bruderzwist im Hause Jakob zu einem Unikum \erholten hat. Pistyan ist nämlich im ,,glücklichen" Besitz zweier von einander vollständig getrennter Judengemeinden. Das wäre nun in der Slovakei wie 'im ganzen Bereiche des ehemaligen Königreiches Ungarn gar nicht so verwunderlich. Das Ungeheuerliche daran ist nur, daß beide Gemeinden mit einander an Orthodoxie wetteifern und nur aus formellen Gründen, da an einem Orte nach dem Gesetze nicht mehr als eine orthodoxe Gemeinde bestehen kann, die eine dieser orthodoxen Gemeinden dem Verbände der Köngreßgemeiden angehört. Wären nun die slovakisehen Juden weniger dem Hader ergeben, so müßten, sie an diesem Beispiel erkennen, daß d e r Geist des U n f r i e d e n s s i c Ii sei b st ad absurdum führt. Wie es jetzt den Anschein hat, müssen die slo\akischen Juden erst in eine ernste Schule genommen werden, und an den Erfahrungen der Juden in anderen Ländern lernen. Im nächsten Sommer fahren wir die Donau entlang. Wir kommen an Schloß E c k a r t s a u im österreichischen Marchfeld vorüber, an des letzten Habsburgers letztem Aufenthaltsort in seinem Reiche, und hinter ihm liegt gleich Jas Marchfeld, auf dem das Haus llabsburg einst die Entscheidung zu seinen Gunsten erzwang. Das Grün der Auen wird durch einige Häuschen oder durch: eine größere Siedlung mit einem Kirchtum unterbrochen und diese Türme erinnern wieder an die Völkerscharen, die das Land zu beiden Seiten des Stromes überflutet haben, um dann wieder nicht ganz spurlos zu verschwinden. Solche Spuren können in Physiognomie und Rassenmischung eines VOlkes natürlich ebensowenig übersehen werden, wie die kroatischen Dörfer dieser Gegend, die noch nicht ganz oder noch nicht lange germanisiert sind. St. Georgen. Mittelalter und Neuzeit. Stadtmauer und elektrisches Licht, Weinberge und ein großer Fabriksschornstein bilden die .Signatur von St. Georgen und ein Besuch im Archiv von St. Georgen ist für den Historiker wahrhaft lohnend. Ebenso all wie die Stadt, ist auch die Judengemeinde, aus der einst berühmte Männer hervorgegangen sind. Zu diesen gehören der bekannte Maharam Schick, R. Mosche Löh Kohn, der Vater des Malers Dav id Kohn und K. Samuel Le tsch - II o s c n b a u m. Geschichtlich no< Ii interessanter sind jene .luden, die vor meinals 40(1 Jahren hier gelebt und gemeinsam mit den .luden von Bösing ein Geschick erlitten halten, von dem später noch die Rede sein soll. St. Georgen verrät noch heute seinen ursprünglich deutschen Charakter, neben seinen deutschen Bürgern sind aber auch seine Juden, wie aus ihren Familiennamen zu schließen ist, westlicher Herkunft. Bemerkenswerte Familien sind die Mannswörth, die Och I er und die .Musikerfamilie Schubert und auf mährische Herkunft deuten besonders die zahlreichen Horetzky. Das Zentrum der Judengemeinde von« St. Georgen bildet natürlich die einlache, aber geschmackvoll und würdig ausgestattete Synagoge, an deren Eingang eine Gedenktafel die Namen der vielen, allzuvielen Gemeindeangehörigen verkündet, die im Weltkrieg ^elallen sind. Der Rabbiner pflegt allerdings nur zweimal des Jahres von Preßburg her seine Gemeinde zu besuchen und ich fand seinen Platz in der Synagoge besetzt, die also gewissermaßen eine Menora bimkom Raw darstellte. Am stimmungsvollsten waren die Gottesdienste am Sabbatvormittag, wenn die Knaben aus dem jüdischen Ferienheim hoch oben am \\ aldsaum in das Städtchen kamen, um die Thorav orlesung zu hören, und eigenartig war es auch, als dort einmal ein marokkanischer Rabbi in rotem Fes auftauchte. Da konnte man in dem Hebräisch dieses exotischen Gastes in diesem slov akischdeutsefaen St. Georgen auch das große Weltjudentum verspüren. Die vielen schönen Spaziergänge durch die Weinberge und kreuz und quer über die dichtbewaldeten Höhen mit ihren schönen Ausblicken gegen Preßburg im Süden und Tvrnau im Norden machten die Tage von St. Georgen zu den genußreichsten meines Lebens. Mit ihnen konnten nur noch die stillen Nächte im Sternenglanz auf einsame]' Höhe wetteifern,. Am schönsten war aber von den Lichtungen eines Urwaldes aus, in dem ein Jägerhäuschen am Irischen W aldcpiell zum Ausruhen einlud, der Blick in die Gegend von Bösing und die Ausflüge nach diesem Städchen in der Ebene waren für den Historiker mehr als anziehend. Bösing. Man erreicht Bösing auf dem Wege übel' einige deutsche \\ einbauerndörfer und auch Bösing ist eine ursprünglich deutsche Stadt. Uns interessiert in diesem Zusammenhang, w as an und in ihm jüdisch ist. Die Juden des heul igen Bösing sind fromm Es ist, als wirkte die ihnen ständig vor- 36