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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-02-15 · 4 (15. Februar 1934) · p. Seite 31

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
4 (15. Februar 1934)
Date
1934-02-15
Page
Seite 31 (sequence 33)
Language
German
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Dr. L. MOSES: Slovakische Jteisebilder Ich verfasse in Petronell den Wagen, um das Heidentor und das Schloß, das ein Museum römischer Altertumer birgt, zu besichtigen, und schließlich nach Deuts ch -Alten bürg ZU wandein. Mein1 noch als der Badeort reizt mich dabei das Stückchen Altertum, das da in einem Museum und in zwei Amphitheatern zur Schau gestellt ist. Kinst lag es an der Grenze des Römerreiches gegen die Germanenstämme, dieses alte Carnuntum, beute aber stellen zwei Zigeunerwägelchen am Ausgange ''es Ortes und knapp hinter Deutsch-Altenburg beginnt die Slovakei. Schon auf der Straße von Deutsch-Altenburg nach Hain bürg begegneten mir ni'mlich Sokpln in ihren nationalen Kostümen. Ueberhaüpt gewahr! diese Straße an schönen Sonntagen mit ihren Schuren von Spaziergängern einen Anblick, der an die Szene „Vor dem Tore" aus Goethes Fausl lebhaft erinnert, und es fehlte da nur der grübelnde Gelehrte, der mitten unter vergnügtem Volk Ewigkeitsprobleine erörterte, wobei sogar das Bild des Stadttores mit seinen Türmen nicht ermangelte. Hainiburg gehört auch darin zur Slovakei, daß dort die im vierzehnten Jahrhundert aus Preßburg vertriebenen Juden his zu ihrer Rückkehr in die Heimat wohnten. Hamburg ist ebenso wie das am gegenüberliegenden Ufer liegende Theben ein vorgeschobener Posten. ein Vorort lJ r e ß b u t g s. Der Großvater Israel 1 s s e r 1 ei n s. des bekannten Autors des „Terumat ha Deschen" war Chaim (auch Henschel genannt) von Hainburg und im Jahre 1338 stellte ein Priester in der Kirche zu Hainburg eine in Mut getauchte, abei nicht konsekrierte Hostie auf und sagte, dem Volke, das Mut sei aus den Wunden hervorgequollen, <''e ihr ein Jude beigebracht habe. Er gestand später in Gegenwart des Bischofs und anderer glaubwürdiger Personen, er selbst habe die Hostie blutig gemacht und, getrieben von seinem Hasse gegen die Juden, die Verleumdung erdichtet. Aus jener Zeit stammen vielleicht auch die Judenbäder in der Stadl und der im Hole des Hauses Wienergasse ii noch jetzt bestehende turmähnKche liest der Synagoge. An einer Weggabelung beim Ungartor heißt ein Ackerdreieck noch heute der „Ju de n f r e i t h o f" und aus diesem Judenfriedhofe durften die zwei in Hamburg noch vorhandenen hebräischen Grabsteine stammen. Meine Mutler erzählt meinem Töchterchen mit Vorliebe Begebenheiten aus meinen Kinderjahren. Da hört denn das Enkelkind mit offenem Munde unter anderem regelmüßig, daß ich einst gelegentlich eines Spazierganges solange mit ""einem Spazierstöckchen umhergefuchtelt habe, bis es im Schwung in einen Garten flog, den wir eben passiert hatten Ohne dieses Spazierstöckchen wäre ich kaum jemals in diesen Carlen gelangt und so habe ich nachher auch noch Öfter in meinem Leben den Stab, den andere lest in Händen /u halten pflegen, weggeworfen, um auf der Suche nach dieser Stütze realen Lebens in die \ erschlossenen Gärten der Vergangenheit oder der Märchenwelt zu gelangen. Darum] mußte ich auch, statt unmittelbar nach Preßburg zu fahren, in Deutsch-Altenburg den Zug verlassen, um erst "n Altertum Carnuntums und im Mittelalter Hamburgs unterzutauchen, ehe ich in die große Gegenwart von a t i I a \ a trat. Bratidtava. Hier suche ich ein jüdisches Gasthaus und linde im Judenviertel in einer noch vom großen Brande des Jahres 1913 stehengebliebenen Ruine eine interessante Schenke', in der ich während des Abendessens einige Ghettotypen zu beobachten Gelegenheit habe. Da wird ein wenig gespielt und! Wein getrunken, und schließlich gibt einer von den Gästen einige Arien des neuen Chasan wieder. Das ist das echte jüdische Preßburg in seinen unteren Schichten. Später lernte ich in dem Herausgeber einer jüdischen Zeilschrill und einigen Beamten der Judengemeinde auch Vertreter der höher stehenden Schichten des Ghettos kennen Sie alle wohnen in denselben uralten und engen Häusern, in denen schon ihre Urahnen gelebt hatten, zu Füßen des Schlosses, das als Wahrzeichen der Stadl weithin sichtbar ist. In diesen Häusern mit ihren schwindelerregenden offenen Gängen, den winkeligen, engen Stiegen und den dicht nebeneinander steckenden winzigen Kaufläden spielt sich das Leben und Treiben der jüdischen Bevölkerung von Bratislava ab. Majestätisch erhebt sich die große Synagoge, die mit dem I.ehrhaus des Chatam-Sofer und den vielen kleineren Bei- und l.ehrhäusei n den unverfälschten (.eist des alten Judentums erhält und durch die blassen Jünger der Jeschiwa das Judenvolk befruchtet. Dr. |ulius Rcisz, Advokat in Prell bürg, Abgeordneter der jüdischen Partei im cechoslovakismen Paria ment, vertritt im Prager Abgeord nei cn ha us das ludentumderSlovakci und Podkarpatsko Russ I ine Welt für sich, macht sich dieses Ghetto doch in der ganzen Stadt gellend und hat auch dort vor einigen .Iaht en mit einer imposanten neuen Sv nagoge wieder testen Fuß gefaßt. Bald folgte auch ein großer, modellier Spitalbau der orthodoxen ( bew ra-Kadisc ha, aind auc h ein großes Internat der Jeschiwa dürfte bald den mannigfachen, heute noch bestehenden Mängeln im äußeren Betriebe der Talmud - h och schule ein wenig abhelfen. Gegenüber diesem kraftvoll betonten, lebendigen, urwüchsigen Judentum Fristet das der neologen Gemeinde bei allen anerkennenswerten Versuchen, Brücken zur jüdischen Masse und damit auch zur Orthodoxie zu schlagen, eher ein Scheindasein. Und einem Symbol gleich erhebt sich am E ingange des Judenviertels, dem Komitatshause und einer Kirche gegenüber, das modern eingerichtete , Hotel Judäa" als Manifestation des in eine neue Welt hineingestellten und dabei nur noch umso mein mit beiden Füßen auf dem festen Boden der Tradition beharrenden Judentums der Slovakei. Tyrnau. Xus Preßburg führt mich der Schnellzug in das schneebedeckte slovakische Land. An einer ganzen Kette von Judengemeinden fährt da der Zug vorüber: Ii a t / e t sdorl. Modern, St. Georgen, Bö sing, das im Jahre 1529 Schauplatz einer mittelalterlichen Judenverbrennung war, und endlich Ziffer. Alle diese Orte lind noch andere in der Gegend einige werden wir ja noch kennenlernen — mußten Jahrhunderte hindurch den Juden, die in Ty r n a u 31

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