Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht wohnen durften oder in Preßburg nicht Platz fanden, Unterkunft gewähren. Und so bin ich nun schon während der Fahrt mitten unter den slovakischen .luden, die ich bislier nur vom Hörensagen gekannt habe, und spreche mit meinem Reisegefährten, einem intelligenten Kaufmann aus Preßburg, ü b e r die h e d a u er 1 i c heu K ä m p f e, d i e d i e s e n prächtigen /wein unseres Volkes e n l - z vt e i e n. Am Schlüsse dieses Gespräches hin ich Freilich so klug wie zuvor, da mir die Feinheiten dieser Politik ja, doch nicht in den Kopf wollen, und ich bedaure runden drohenden Verfall dieser alten Landgemeinden, die sich den Luxus solcher Zw isligkeiten niiht mehr gönnen sollten. Tj rnau ist eine nette, Ichhalte Stadt, in der vor allem die vielen Kirchen auffallen. Angeblich heißt Tyrnau ja auch das ,,s 1 o v a k i s c h e R o m" und man kann da die ganze Arbeit, welche die ungarischen .Jesuiten geleistet haben, auch heute bewundern. Solche ganze Arbeit ist, allerdings \ o r der Reformationszeit, auch an den .Inden von Tyrnau verrichtet worden, und mehr als drei Jahrhunderte lang durfte die Stadt, die durch Eisak Tyrnau, eine der berühmtesten rahbinischen Autoritäten des Mittelalters, in ganz Europa bekannt war, von keinem .luden betreten werden. Der als Biograph und Forscher bekannte, inzwischen leider bereits verstorbene Rabbiner der Tyrnauer Status-quo-Gemeinde, R. Meier Stein, erzählte mir von dem uralten Friedhol und verschiedenen Grabsteinen, die verschleppt wurden und in der Stadt als PI lastersteine umherliegen. Leider mußte ich es mir aber aus Zeitmangel und wegen des herrschenden Schneegestöbers versagen, diese Denkmäler der mittelalterlichen Judengemeinde aufzusuchen. AI,er auch das Tyrnau von heute bietet dem jüdischen Reisenden genug des Interessanten. Abgesehen von den vielen jüdischen Geschäftsinhabern, lassen schon in den Hauptstraßen und mehr noch in mehreren Seitengäßchen zahlreiche als streng rituell bezeichnete Lebensmittelgeschäfte auf starke Nachtrage schließen. Je näher man der Judengasse kommt, in der einträchtig nebeneinander der Status-quo- Tempel und die orthodoxe Synagoge stehen, umso häufiger begegnen wir Schülern der Tyrnauer Jeschiwa, die jetzt eine der bedeutendsten in der Slovakei sein soll. Im Winterbetsaal der Status-quo-Gemeinde fragte ich mich verwundert, worin der Unterschied zwischen dieser und der orthodoxen Synagoge eigentlich bestehe, da der Almemor peinlich genau in der Mitte steht und in der Liturgie nicht die geringste Abw eichung zu bemerken . ist. Raw und Da jan haben das Haupt mit dem Talil verhüllt und der Dajan ,,lernt" nach dem Gebet noch lange in der Synagoge. Einige Tage später sollte ich im W interbethaus (Bet-ha Midraseh) der Orthodoxen freilich den Unterschied kennenlernen. Er ist zunächst nur ein gradueller, da ja in der Status-quo-Gemeinde auch der Schulchan-Aruch oberste Instanz ist, freilich oft nur auf dem Papier. Hei den Orthodoxen war keim Morgengottesdienst eine große Gemeinde versammelt, die den geräumigen Saal bis auf das letzte Plätzchen füllt, dort aber waren mehr oder weniger doch nur Leidtragende zu sehen, die des Kadiseh wegen in die Synagoge gekommen waren laue Hochzeit, die während meiner Anwesenheit in der Status-quo-Gemeinde stattfand, wurde natürlich im orthodoxen Restaurant geleiert, und Rabbiner und sonstige Angestellte dieser Gemeinden kommen aus orthodoxem Milieu und orthodoxen Jeschiwot. Es gibt eben doch nur eine Thora und ein Ixaschrus in Israel. Für den Fremden ist es nicht ganz versländlich, wozu neben einer orthodoxen Gemeinde noch eine Status-quo-Gemeinde besteht. Eine solche hätte meinem Empfinden nach nur dort Daseinsberechtigung, wo es keine orthodoxe Gemeinde gibt, und in Tyrnau könnten hei Verschmelzung beider Gemeinden die beiden Synagogen sehr gut nebeneinander verwendet werden. Leider sollte ich aber nicht nur eine Hochzeitsfeier in Tyrnau sehen, sondern auch ein Begräbnis, um damit auf eine brennende Frage im Leben der slovakischen Judenheil in recht trauriger Weise aufmerksam zu werden. Ein Schüler der Jeschiwa war seinem Lungenleiden erlegen, und ich konnte lange den Gedanken an diesen Armen, der seine Liebe zur Gotteslehre mit Entbehrungen, Krankheit und 'Tod bezahlen mußte, nicht loswerden. Ich sah ja auch sonst in den Gassen bei Sehneetreiben und nassem Wetter frierende Bachurim ohne Winterröcke und in leichten Anzügen einhergehen und mußte mit Bedauern daran denken, wieviele Gelder gerade von den Juden dieses Landes vielfältigem Parteiwesen und auch eitler Ehrsucht geopfert werden, während es manchmal an der primitivsten Fürsorge für das Wohl einer Jugend mangelt, die die Haupt - säule für die Zukunft des Judentums bildet. Darüber hinaus sollte auch hier, nach dem schon vor einem Menschenalter von Hildesheimer in Eisenstadt gegebenen Beispiel, eine Umgestaltung der Jeschiwa durchgeführt werden, damit ihre Jünger nicht die wesentlichsten Erfordernisse des modernen Lebens erst nach dem Verlassen der Jeschiwa aus schlechten Erfahrungen kennenlernen und dann entweder gezwungein werden, aus fremden Brunnen zu schöpfen, oder zeit ihres Lebens das Stigma einer gewissen Unbeholfenheit und Weltfremdheit mit sich zu tragen. Aber kaum war vor einigen Jahren die Nachricht von gewissen kleinen pädagogischen Neuerungen an der Preßburger Jeschiwa, die ohnehin nur der Anpassung an das neue Kongruageselz und nicht dem eigenen Triebe entsprungen waren, durch die Blätter gegangen, als auch schon ein Dementi gellogen kam. Vor einer, kleinen Schenke am Ausgange der Stadt 'Tyrnau steht um die Mittagsstunde ein Autobus. Es ist ein schöner, klarer Tag in einem über Nacht hereingebrochenen Winter, aber in dem engen Gefährt herrscht schon lange vor der Albfahrt beängstigende Schwüle. Da sitzen und stehen slovakische Bauern und Bäuerinnen dicht gedrängt mit ihren oft sehr voluminösen Gepäckstücken und bieten in ihren bunten Nationalkostümen ein ganzes Museum volkstümlicher 'Trachtenkunde. Aus Stiefelschäften und Rockfalten werden Speckseiten und Brotstücke hervorgezogen und noch lange vor dem Vehikel setzen sich Kinnbacken und Sprechvverkzeuge ringsum in Bewegung. Dann fliegt der \\ agen durch schneebedecktes Land und nach kurzem Aufenthalt in kleineren Dörfern gelangen w ir nach S p a c /. a, dem nächsten Ziel meiner Reise. Spacza. Es ist auch nur ein großes Dorf, dieses Spacza, aber zum Unterschied von den bisher berührten Orten ist es eine Ortschall, die einst eine der vielen Judengemeinden rings um Tyrnau beherbergte. Heute scheint es freilich, als hätte sich in den drei oder vier Personen, die an der Haltestelle das Auto erwarten, bereits die größere Hälfte der Judengemeinde ein Stelldichein gegeben. Ich muß nicht erst lange fragen und finde bald den alten Toplansky, den letzten VOrsteher der Judengemeinde, in seinem Kramladen. Er ist, wie schon der Name sagt, Sproß einer Familie, die entweder hierzulande oder vielleicht schon in einer mährischen Stammgemeinde ihren rein slavischen Namen erhalten hat. Solche Judenfamilien mit slavischen Namen gibt es in der ganzen Tseheehoslov nkei und es ist eine bekannte 'Tatsache, daß die Judengemeinden der westlichen Slovakei einen großen Teil ihrer Einwohnerschaft aus Mähren bezogen haben Viel weiß dieser alte Toplansky zu erzählen, von Jugendjahren, in denen die Judengemeinde von Spacza noch geblühl hatte, von einem Sohn, der den Tod fürs "Vater- 32