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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-02-15 · 4 (15. Februar 1934) · p. Seite 29

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
4 (15. Februar 1934)
Date
1934-02-15
Page
Seite 29 (sequence 31)
Language
German
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DAS HAUS JULIUS MEINL Am Laurenzerberg heim Fleischmarkt, als damals noch Basteien die uralten Häuser umgaben, hat Julius Meinl, ein Patrizier aus dem Egerland, sein Geschäft gegründet (1862). Der Boden war gut gewählt: Der Kailee war in Wien längst volkstümlich geworden, er hatte die Schokolade fast verdrängt und der Tee war ihm damals noch kein Konkurrent. Doch der Kaffee w ar Kaulmannsw arc wie Zucker, Mehl, man machte nicht viel Umstände mit ihm. Daß aber Mischen, Rösten und Kochen des Kaffees zur Kunst erhoben werden müßten — das war der Gedanke .Julius Meinls. Und so schul er am Laurenzerberg ein richtiges Kaffee-Spezialgeschäft. Das führte er über 30 Jahre in der stillen \ ornehmheit alter englischer Kaufleute, die höchstens zwei Artikel führen und außer ihrem Firmenschild keine Reklame machen. Die Bohnen röstete er in seinem eigenen Betriebe selbst. Er war der erste, der der Hausfrau nicht den Rohkaffee, sondern stets Irisch geröstete Kaffeemischungen bot. Aus diesem altväterlichen Anlange entwickelte mm der Sohn des Gründers jetziger Chef des Hauses sein eigenes Lebenswerk; bis an die weitgesteckten Grenzen des alten Reiches entstanden im Laufe der nächsten 20 Jahre jene wohlbekannten mustergültigen Geschäfte, die überall die ersten waren ihrer Art. Hasch an Zahl wachsend, konnten sie durch die bisherigen Betriebe nicht mehr bei riedigt w erden. Diese wurden am Vorabend des Krieges durch ausgedehnte Betriebsanlagen in Hernais ersetzt, in denen Technik und Hygiene dauernd auf der Höhe erhalten bleiben. Die neuen Anlagen lieferten nun aueh Tee, Schokolade, Keks, Marmeladen, Teigwaren, Wein, Weinbrand und Likör. Dieses in vollem Aufstreben befindliche Werk zählte 109 Niederlassungen, als ihm der Krieg vorübergehend Stillstand gebot. Es versorgte seine Kunden auch Während der Kriegszeit, wenn auch in vereinfachter F°rm, und dies fand Anerkennung für die Gerechtigkeit, mit der das verteilt wurde, was eben da War. Am linde des Krieges sah man nun die Hallte aUer Filialen hinter hohen Zollmauern im ^slamd. Hindernisse jeder Art machten es zu einem Problem, auch nur den verbliebenen Best weiterzuführen, die durch die neuen Grenzen abgetrennten ")4 Filialen zu beliefern, ja überhaupt zu erhalten. In den Nachfolgestaaten mußten eigene Aktiengesellschaften gegründet werden. Ein großes Feld eröffnete sich ihnen, denn die bisherigen Finden lagen doch meist in den deutschen Sprachgebieten. Dein naturgegebenen \ erständnisse des Oesterreichers für fremde Nationen gelang es jetzt, die Firma in den neuen Hauptstädten und auch im Lande selbst zu entwickeln. Im ganzen wurde die Zahl der im Auslande liegenden Geschäfte vervierfacht. habrikshot Heute sieht man nicht nur die au! dem Boden der alten Donaumonarchie liegenden Niederlassungen in Tätigkeit, sondern ein Arbeitsfeld von 435 Filialen, das W arschau, Galatz, Berlin, einschließt und bis Skoplje in Mazedonien reicht. Um aber sicherzustellen, daß innerhalb des so vergrößerten Rahmens einheitlich und in der bewährten Weise weitergearbeitet werde, übernahm Herr Generalkonsul Julius Meinl selbst das Präsidium aller Gesellschaften. Ein sehr reger persönlicher Kontakt mit Wien, Austausch von Beamten und gegenseitige Verständigung über alle Erfahrungen ergaben ein wirklich einheitlich schaffendes Werk. Die erfolgreiche Erneuerung der Firma auf der breiteren Basis mehrerer Gesellschaften ist ein Beispiel für einen Wiederaufbau in wirtschaftlich besonders schwieriger Zeit. Dreitausendfünfhundert Mitarbeiter sind heute in dem Unternehmen tätig und vereinen sich alle gelreu der Tradition des Hauses über allen nationalen oder politischen 29

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