Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 28 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Schaffung einer jüdischen Berufsstatistik Wir erhalten folgende Zuschrift: In Ihrem ausgezeichneten Artikel „Verhandlungen zur Lösung der österreichischen Judenfrage" in Nr. IS Ihrer Zeitschrift wird als eine der wichtigsten Aufgaben der Kultusgemcinde die Schaffung einer jüdischen Berufsstatistik bezeichnet. Das Material der Volkszählung vom Jahre 1921! ist allerdings zum Teile überholt and auf dieser Grundlage läßt sich die Entwicklung des letzten Jahrzehnts nicht studieren. Das Material dieser Volkszählung hat weh! bedeutenden historischen Wert und soll nicht unberücksichtigt bleiben. Was uns jedoch nottut, ist eine Statistik, welche für die gegenwärtigen Verhältnisse zutrifft, da seit dem Jahre 1923 große Veränderungen in der Berufsschichtung vorgegangen sind. Im März d. J. findet eine neuerliche Volkszählung statt, welche mit den modernsten technischen Behelfen ausgestattet sein wird und in der kürzesten Zeit eine Zählung der Bevölkerung nach allen Gesichtspunkten ermöglicht. Das Ergebnis dieser Zählung mußte dazu benützt werden, eine einwandfreie Statistik der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich, vor allem jedoch von Wien zu gewinnen. Herr Dr. Leo Goldhammer, welcher sich mit Problemen der Statistik seit jeher beschäftigt, hat in einem unlängst gehaltenen Vortrag über Berufsumschichtung mitgeteilt, daß das Bundesamt für Statistik gegen eine Verwertung des Materials der neuen amtlichen Volkszählung zur Schaffung einer jüdischen Berufsstatistik keine Einwend u n g e n erheben wird, falls die Kultusgemeinden für die Kosten dieser separaten Zählung aus Eigenem au I kommen. Ks könnte dabei eine Anzahl jüdischer Hilfskräfte verwendet werden und die Kosten würden mit Rücksicht auf die vorerwähnten maschinellen Einrichtungen geringfügig sein. Nur auf Grund einer genauen Berufsstatistik der jüdischen Bevölkerung kann die frage der Berufs- Umschichtung, eines der wichtigsten Probleme zur Lösung der Judenfrage, in Angriff genommen werden. Dr. Hugo Groß, Religiöses Leben in der Wiener Judengemeinde Zweimal in diesem Monate trat der Oberrabbiner von Wien, Dr. Daniel Feuchtwa ng im Stadttempel als Prediger hervor, um vom zentralen religiösen Sammelpunkte aus vor der Gemeinde des Wiener Judentums zu sprechen. Der erste Anlaß war die Trauerfeier wegen des 40. Todestages des großen Predigers des Judentums Adolf .1 e 1 1 i n e k. Sein Leben, sein gewaltiges W issen, seine Schöpfung des Ii e t - II a m i d r a s c h (eine jüdische Volkstum ersität, die heute besteht) wurden klar und plastisch geschildert. Das Geniale in Jellinek war sein uns heute unfaßbares Predigertalent. Adolf Jellinek war der größte Prediger des altliberalen Judentums. Seine Voraussage über das jüdische Schicksal hat sich erfüllt; der Untergang der Ideen der französischen Revolution fiel mit der Expansion des Antisemitismus zusammen; die Ideenwende legt tatsächlich dem Judentum ein neues Martyrium auf. Am 19. Jänner abends fand ein Gottesdienst für die reife erwachsene studierende Jugend statt. Der Stadttempel war wieder bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Junge Juden und jüdische Mädchen lauschten mit Andacht den Worten des Oberrabbiners. Er schilderte die Lage der jüdischen Jugend, welcher überall brutaler Nationalegoismus entgegentritt. Aber die jüdische Jugend darf auf ihr Lebensrechf pochen, das ihr der Vater aller Menschen verliehen hat Die jüdische Jugend hält zusammen, sie schart sich um ihre Lehrer, und mit ihnen zusammen gehorcht sie der religiösen Führung des Oberrabbiners. ,,Judentum" ist ein Ewigkeitswert, dessen Widerstandskräfte nie versagen werden. Der Gottesdienst der reiferen Jugend war eine ergreifende Kundgebung und ist dank den Bemühungen des \ erbandes der jüdischen Religionslehrer an den Mittelschulen (jObmann Prof. P a p o) zustande gekommen. Samstag, den 27. Jänner war ein neuer Versuch eines gesonderten Gottesdienstes für Untermittelschulen (ohne Volksschulen) unternommen worden. Die Bemühungen des Organisators des Jugendgottesdienstes Inspektor Dehler waren von Erfolg gekrönt. 300 Kinder fanden sich im großen Leopoldstädter Tempel ein und Prof. Papo hielt eine Predigt deren Form und Inhalt so gelungen waren, daß man sich von dieser Institution eine religiöse Renaissance des Wiener jungen Judentums versprechen kann.... Prof. Dr. K. K. FRAG MICH WAS T Antworten auf Seite 30. 1. Wann „Gragert" man? 2. Wer war Wilhelm Jerusalem und wann lebte er? .'!. Was für ,,Judenabzeiehep" gab es und warum mußte man sie tragen? 4. Wann wurde es in Oesterreich abgeschafft? 5. W as bedeutet „Hebräer" und was ,,Israel"? <i. Woher kommt das Wort „Ghetto"? 7. Wann und warum leiert man ,,Purim"? 8 W as heißt „Purim"? 9. Welcher Gelehrte hielt Bar Kochba für den Messias? 10. An welchem Tage ist Moses geboren — und gestorben? 11. In welchem Land wohnte Hiob und wie hießen seine F reurade? 12. Wer war der Stiller des t'hassidismus? LI. Wann war Alexander der Große in Jerusalem.-' 14. W oraus bestand die Priesterkleidung in der Stifthütte? 15. W er war der Verfasser des Schulchan-Aruch? Iii. Welcher Papst führte das ,,Judenabzeichen" ein? 17. An welchem Lage wurde der Tempel zerstört? Iii. \ on wem wurde „Lechu daudi" verfaßt? 19. W ann war der erste Zionislenkongreß? 20. Wie hing und wie breit war der Vorhof der „Stiftshütte"? 21. W er war der Verfasser von „Rom und Jerusalem"? 22. Wer ist der Erbauer des Elektrizitätswerkes in Palästina? 23. Wer hat den früheren Weltboxmeister Sctuneling besiegt? Jüdisches Theater in der Praterstratie Die Schauspieler des Jüdischen I heiters in der Prater- Straße (Direktion Bell) setzen nach dem überaus erfolgreichen Gastspiel des jüdisch-russischen Künstlerpaares Seide iniann-Lcrncr mit einer musikalischen Komödie „Oj Amerika" die Vorstellungen fort Im Mittelpunkt des Stückes steht der amerikanische Operettenkomiker Irving Jacobson, der durch seinen witzigen Vortrag, seine hübsche Stimme und seine virtuosen Grotesktänze schon am ersten Abend sein Publikum eroberte. Einige seiner grotesken Pointen waren von besonderer Schlagkraft. Eine entzückende, charmante Soubrette mit hübscher Stimme und feiner Sprechtechnik war Mae Sehoenfeld. Aber auch das übrige Lnscmbel stand auf anerkennenswerter Höhe. C. S, 28