Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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[EHOSCHUA MASCHLER, Jerusalem Aus de*i Bdefai eih&s CUatüv an seine 1/l/lüttec I. Erste Tage in Erez Israel 10. Februar 1933. Nach einer herrliehen Reise bin Löh vor ein paar Tagen in Jaffa angelangt. Ich könnte viel, sehr viel von der Reise und den Reisegefährten erzählen, aber erst muß ich ein wenig zur Ruhe kommen. Nur von den Stunden des Rückblickes und der Sammlung, die so selbstverständlich sind vor einem wichtigen, vielleicht wichtigsten Lebensabschnitt, will ich Dir ein paar Worte sagen. Ich konnte während der Reise oft ungestört nachdenken was lag hinter mir? Verschwommen heinahe, weil durch die Erschütterung des Weltkrieges verdrängt, das letzte Mittelschuljahr, die Reifeprüfung, einige kurze Monate Studien an der technischen Hochschule. Dann deutlich: der Ausbruch der großen Katastrophe, Militärdienst, Offiziersschule und Frontdienst, die Hölle am Monte San Gabriele, Grauen, Zerstörung, Wahnsinn! Aus den Schützengräben schrieb ich Dir: „Wir hausen in finsteren Höhlen, wie sie Wallace in seinem Roman „Die Zeitmaschitte" schildert, sehen mit den Gasmasken wie seine Höhlenmenschen aus." Lnd ich schrieb noch: „Beim trüben Lieht der Karfoidlampe, in dieser finsteren Unterwelt bewahre ich meinen Glauben daran, daß es wieder Licht wird, daß die Menschheit aufwärts schreiten wird." Lncl nun reise ich diesem lacht, der verheißungsvollen Zukunft entgegen, die „Erez Israel" heißt. Und das tiefste Erlebnis dieser Heise will ich heute noch erzählen. Ks war Mittwoch vor Sonnenaufgang. Die See War leicht bewegt und wir standen am Deck, um heim .Morgengrauen die Küste von Erez, die Haarei Jehuda begrüßen zu können. Eiorraiwurde getanzt, die „Tikwäh" gesungen, mancher alte Palästinenser ließ ein ironisches Wort über die verfrühte Begeisterung lallen, aber bald wurde es still. Die .Sonne, die Sonne, wie sie nur in Erez so leuchtet, übergoß den östlichen Himmel mit ihrer Morgenröte. Dunkelblau erschienen die zackigen Konturen ,von Jaffa und Tcl-Aviv und hoch au! unserer Mastspitze flatterte die blauweiße Fahne mit dem Magen-Dawid. Es wurde nicht mehr getanzt und nicht mehr gesungen, aber mir Helen die hellen Tränen über die Wangen und ich hatte mich vor den ironischen Palästinensern nicht zu schämen, denn auch sie verbargen ihre Rührung nicht. 21). Februar 1933. Heute um vier Uhr reise ich nach Chedera;l'>. Meia Rucksack ist schon gepackt und ich bin mir vollständig dessen bewußt, daß ich heute um vier Uhr ein ganz neues, jedenfalls eigenartiges, aber gewiß schönes und interessantes Leben beginne. Ich bin nicht himmelhoch jauchzend, aber guten Mutes und fühle mich stark und elastisch genug, auch den widrigsten Verhältnissen zu trotzen. Die Tage meines Aulenthaltes in Jerusalem waren nicht verloren. Nicht so bald iwerde ich wieder Gelegenheit haben, diese einzigartige Stadl zu besuchen. Wir wußten alle, dal' Jerusalem eine uralte Stadt ist, w ir wußten, dal' sie uns und vielen anderen \ ölkern heilig ist, daß sie aber so wunderschön ist, davon haben wir keine Ahnung gehabt. Leuchtende Farben, durchsichtig blaue Schatten mildern den massiven Eindruck der(Steinbauten und wenn bei Sonnenuntergang die hundert Türme, der Oelberg, das Damaskustor purpurn aufleuchten, fühlt man den Boden unter den Füßen nicht mehr. Alles Körperhafte schwindet, wir erleben ein uraltes orientalisches, ein jüdisches Märchen. Unvermittelt verschwindet dann die leuchtende Pracht und über die tiefblauen -Schatten der Stadl spannt sich ein Sternenhimmel von unendlicher Weite, unendlicher Tiefe. Und nun weiß ich, warum Jerusalem immer eine heilige Stadt war. Solche Schönheit und Heiligkeit sind doch dasselbe. 24. Februar Mein ursprünglicher Wanderplan hat einen kleinen Aulschub erlitten, aber nun bin ich endgültig auf der Walz. Heute in Petach-Tikwah Gast in einer Kwuz.ah. Doch nicht (last. Line eigenartige Gastfreundschaft ist das in den Kwuzoth. Ganz ohne Pose, ich bin nicht Gast, nicht Mittelpunkt, nicht Fremdkörper, der" freundlich empfangen wird. Nein, ich bin eben da. Jeder, der kommt, speist mit. \ ier Personen in einem Zimmer. Das macht nichts. Zwei schlafen eben zusammen in demselben Hell und ich bekomme das vierte. Wie lange ich bleibe? Niemand tragt. Kein „Fühle dich wie zuhause," sondern wDu bist zuhause". II. Purim in I eUAviv 1. März jl933. Erew Purim war ich in Rischon le Zion bei einem alten eingesessenen Hauern. Ein grauer C'harakterkopl mit blitzenden blauen Augen. Schlank und elastisch, als wäre er erst dreißig. Wir saßen beim Nachtmahl. Da stürmt eine Horde von Knirpsen, Mädeln und Huben das Haus. Jedes Kind ein Prachtexemplar, E r e z. - 1 s r a elki n d e r. Sic denken nur mehr hebräisch, die Alten lernen es bei 21