Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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die Weiterreise nach Palästina vorbereiten. Er denkt dabei an die Chaluzim. Zur selben Zeit schreibt sein kongenialer Berufskollege, der Berliner Oberrabbiner Dr. Joachim Prinz, in seinem freimütigen Buche „Wir ■ luden": „Die Geschichte der -Inden der letzten anderthalb Jahrhunderte ist zu einem guten Teil Krankengeschichte... Was sich hier in diesen Menschen an Verschrobenheit, Kauzerei, Geltungstrieb, Minderwertigkeiten, Hochmut, Selbstbetrug, überspitzter Wahrheitsliebe, Haß, krankhaftem Patriolismus und wurzellosem Kosmopolitentum zusammendrängt, stellt ein ps\ chopathologisches Arsenal von seltener Reichhaltigkeit dar." Man soll Menschen, die sich in Not befindein, die ihres Glaubens und Volkstums halber leiden müssen, nichts Schlechtes nachsagen, Gerade mir, der volles Interesse und Verständnis für die aus Deutschland kommenden Emigranten besitzt, liegt nichts lerner, als ungerechte Vorwürfe zu machen. In der großen \ ersammlung, die in Zagreb am 21. Mai 1933 stattfand, hat Dr. Isak Alkalay besonders hervorgehoben, daß die Gesamt judcnheit den Juden Deutschlands großen Dank für das schulde, was sie für die Wissenschalt des Judentums geleistet. Iis ist zu hoffen, daß die Juden aus Deutschland nach all den Schicksalsschlägen von den Sepharden das stolze Selbstbewußtsein, von den Ostjuden aber die Liebe zur jüdischen kehre und zu unseren jüdischen Kulturgütern annehmen werden. Anderseits mögen der Fleiß, die Regsamkeit und Tüchtigkeit der deutschen Juden aneifernd wirken auf die sephardisehen und alle anderen Juden, die seit Jahrhunderten in slawischen Landen wohnen. Line Polemik mit Dr. Ivan Majstrovie über die ,,germanisierende Tendenz" der Juden vor der nationalen \ ereinigung hätte in diesem .Artikel wohl keinen Zweck, los sei aber bemerkt, daß diese Anschauung ganz, falsch ist. Als die Baliour-Deklaration erschien, da wußten auch wir Juden Kroatiens, an wessen Seite' unsere Zukunft liegt. Im Jahre 1918, anläßlich der Gedenkfeier für Dr. Theodor Herzl, hielt uns hier der unvergessene Führer der Juden Galiziens und spätere Sejm-Abgeordnete Di-. Leon Reich die Gedenkrede. Am Abend desselben 'Tages fand eine Zusammenkunft statt, bei der wir der größte Teil von uns war in Uniform erschienen — ganz. ollen die Befreier Palästina's leierten. Line hochnotpeinliche Untersuchung war die Folge, doch der frühere Rabbiner von Sisak, Dr. Uschor Brettholz, ebenfalls Galizianer, verstand es, die Einstellung der Untersuchung durchzusetzen. Im übrigen gingen zu jener Zeit die Wogen des jugoslawischen Nationalismus' im slawischen Süden schon so hoch, daß man keine Zeit hatte, solchen Episoden nachzugehen. Daß Herr Dr. Majstrovie von dieser Sache nichts wissen kann, ist eigentlich unsere eigene Schuld, weil es noch immer keine Geschichte der jugoslawischen Judcnheit gibt. Dieser Artikel ist für ein Wiener jüdisches Blatt geschrieben. An diese Stadt knüpfen mich ja gemeinsam mit Dr. Isak Alkalay gemeinsame Erinnerungen aus der Zeit der „'Bär Giorä", dem Vereine jüdischer Hochschüler aus den jugoslawischen Landen in Wien, dem wir beide angehörten. Schon damals machten wir jungen Zionisten keinen Unterschied zwischen Sephardim und Aschkennsim, schon damals waren wir ohne Rücksicht auf staatliche Grenzen einig in der jugoslawischen Idee. Deshalb konnte ich auch schon im Jahresberichte der Bar Giora von 1903 1904 schreiben: ,,Wären die kroatischen rinden Zionisten, dann hätten bei der Volkszählung im Jahre 1900 unter 20.216 Juden nicht 711«) das Kroatische, 8141 das Deutsehe und 424(i das Ungarische als ihre Muttersprache angegeben. Dann wären sie alle Bürger jüdischer Nationalität, die aber in und mit dem kroatischen Volke leben, die wohl auch die Sprache ihrer Väter, das Hebräische, pflegen, deren Mutter- und Umgangssprache jedoch ausschließlich das Kroatische ist, ebenso wie bei den Juden in Bosnien, Serbien und Bulgarien das Kroatische, Serbische oder Bulgarische." Was wir als Jünglinge erträumt, das sehen wir heute, nach Jahrzehnten, teilweise schon erfüllt, oder es geht zum mindesten seiner \ erwirklichuhg entgegen. — Das Verdienst hiefür gebührt zum großen Teile dem Wirken Dr. Isak Alkalax's. Daß es in Jugoslawien ein einheitliches Judentum gibt, verdanken wir ihm, der als wahrer Lehrer und Führer seines Volkes keine Unterschiede kennt und an die Zukunft der Judcnheit glaubt. Dafür, wie auch für sein mannhaftes Eintreten liir die jüdische Sache im Senate sei ihm an dieser .Stelle herzlicher Dank gezollt. 12