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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-02-15 · 4 (15. Februar 1934) · p. Seite 5

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
4 (15. Februar 1934)
Date
1934-02-15
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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sich dem Staate, der sie Ihnen gewährte, loyal erweisen, und daß sie von unserem Staatsgebiete aus nichts gegen das Land unternehmen, welches sie verlassen mußten. (Stürmischer Applaus.)" Auch die darauf folgende Enunziation unseres Obersten Rabbiners Dr. Isak Alkalaj sei hier in ihren markantestem Teilen kurz besprochen. Oberster Rabbiner Dr. Isali Alkalay Diese Rede, die mit großem, allgemeinem heilall aufgenommen wurde, verdient es wohl, in jedem jüdischen Hause gelesen zu werden. Dr. Isak Alkalay sagte, er sei überzeugt, daß Dr. Ivan Majstrovic, der als freisinniger und hochkultivierter Mensch den Antisemitismus verurteilt, gewiß nicht die Absicht gehabt habe, seine Interpellation mit den gegenwärtigen Verhältnissen in \ erbindung zu bringen. „Wir glauben zuversichtlich", betont Dr. Altlay, „daß die kgl. Regierung alles unternehmen Wird, um zu verhindern, daß in unserem Lande Zwist und Haß zwischen den einzelnen Gesellschai'tsschichten gesät werden." Auch auf die Differenzierung, die der Interpellant zwischen Sephardim und Aschkenasim macht, kommt Dr. Alkalaj zu sprechen, indem er ausführt: ,,l)as Gesetz über die Glaubensgenossenschaft vom Jahre 1929 umfaßt Sepharden und Aschkenasen als Einheit. Sie sind in einzelne Kultusgemeinden gruppiert und alle im \ erbande der jüdischen Kultusgemieinden und in der \ ereinigung der jüdischorthodoxen Kultusgemeinden organisiert. /wischen ihnen besteht kein Unterschied, abgesehen von einigen kleinen Abweichungen im Gottesdienst. Sil' arbeiten alle gleich werktätig, um als loyale Bürger unseres jungen Staates dem Lande und der Nation von Nutzen, dem König und dem \ alerlande treu zu sein, um den Zielen unseres Königreiches ergeben zu dienen und alle Pflichten gleich den übrigen Staatsbürgern zu erfüllen." Dr. Lau Majstrovic kennt wohl die heutige Judengemleinde in Split mit ihrem sephardischen Gottesdienst, aber woher sollte ihm das Verhältnis zwischen Sephardim und Aschkenasim, oder1— wie er sich ausdrückt ,,lateinischen" und ,,germanischen" Juden wirklich geläufig sein? Die Sepharden auf dem Balkan besitzen einen reichen .Schatz an Legenden, die sich durch Erzählung von Vater auf Sohn vererben. Bei dieser mündlichen Leberl iel erung geht das Verständnis für den Zeitabstand weit zurückliegender Geschehnisse oft ganz verloren. So hörte ich von manchem einlachen Manne berichten, der Großvater habe ihm erzählt, dessen Großvater wäre unter jenen gewesen, die ihres Glaubens wegen die schöne Heimat am Quadajquivir oder am Tajo verlassen mußten. Don Abravanel, Don Josef Nasi und Gracia Mendes hätten sie geführt! Damals sei auch das Kol Nidre entstanden. In den Tagen jenes Urahns habe man dieses Gebet zum erstenmal gesungen. (Tatsächlich bestand es ja schon im 13. Jahrhundert) So überspringt die Phantasie ganze Jahrhunderte: Manassc ben Israel aus Amsterdam wird mit den Juden aus Saloniki in engste Verbindung gebracht, man nennt Juden aus Dubrovnik (Hagusa) und Sarajevo in einem Atem mit jenen im niederländischen .Surinam oder im fernsten Osten, man erzählt von Marianen und Märtyrern, und es entsteht im Laufe der /eil ein eigentümliches Bild der allgemeinen jüdischen Geschichte, der Chronik einzelner Gemeinden oder Familien. Esriel Carlebach hat in seinem wunderschönen Werke „Exotische Juden" das nationale Selbstbewußtsein der* Juden in Saloniki treffend dargestellt. Das gleiche gilt noch heute von den Nachfahren der spanischen und portugiesischen Juden im mazedonischen Bitolj, in Beograd, in Skoplje und Sarajevo, in Dubrovnik und Split, wo man noch jetzt die aus Spanien mitgebrachten Tempelvorhänge und Silbergeräte zeigt. 5

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