Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen im Chaos des fortdauernden Weltkrieges allein übrig bleiben. Man wage doch endlich, Ghettomauerin des Gehirnes zu überschauen und sehe ins Freie, man lerne kennen, was die Welt außerhalb rechtlicher und altgewohnter (iedanken bewegt, man verstehe Politik als die Kunst des Mögliehen zu-schätzen und zu handhaben. Mit Hechtserwägungen ist noch nie das Leben bereichert, sondern nur „geordnet" worden, dann geordnet, wenn die Lösung nur ihre Formulierung verlangt hat. Zu Formulierungen ist noch /eil; die Ordnung selbst, die formuliert, die rechtlich gelaßt werden könnte, muß erstrebt werden, denn wenn irgendwo in der Unordnung der Welt von 1934, dann besteht in der Judenfrage keine Ordnung, sondern es klaffen offene, schmerzende Wunden. Heraus ins f reie! Keine Diskutiererei, sondern Ueberlegung und Verständigung. Man wird staunen, wenn man erfahren wird, um wieviel so manche Niehtjuden in der Judenfrage weiter fortgeschritten sind als die Besten der Juden, die zu wissen glauben, aber wahrlich nur im Stillen bangen und zagen. K. Jüdisches Jugendhilfswerk Die Not der jüdischen Jugend, allenthalben wo Juden wohnen, besonders jedoch die derzeitigem Verhältnisse in Deutschland, die Tragödie des jüdischen Kindes, welchem die Teilnahme am öffentlichen Unterrichte, so ferne es überhaupt zugelassen wird, /um Martyrium geworden ist, macht es zur Notwendigkeit, die bisher aussichtslosen Erziehungsmethoden der jüdischen .lugend gründlich zu ändern. Ks muß eindringlichst davor gewarnt werden, die Ins herigen fehler in der Erziehung der Kinder fortzusetzen, bevor es zu spät ist. Die .luden erfüllen ihre staatsbürgerlichen Pflichten überall genau, ihre Rechte sind aber nicht überall gleich. Die üeberfüllung der kaufmänn i s e h e n u n d I r e i e n B e r u f e durc h die jüdische •lugend ist angesichts der zunehmenden Wirtschaftskrise und des wachsenden Antisemitismus ein Sturmzeichen, das auch in Oesterreich nicht übersehen werden dar!. Deutsch- 1 'i d h a t I) e w i e s e Dt, d a 15 es ei n c F I U e h t a u s d e m ,) n d e n t u m nicht g i b t. Wir müssen deshalb die Erziehung unserer .lugend endlich in normale Bahnen lenken und für eine Bessere Verteilung auf alle Berufe sorgen. Das Handwerk und die Landwirtschaft waren den Juden durch Jahrhunderte verschlossen. Diese Berufe mußte man di« Kinder ergreifen lassen, welche dafür dankbar sein werden, wahrend heute die akademisch gebildeten Kinder, die mit größten Opfern in die Mittel- und Hochschulen geschickt werden, nicht nur den größten Anleindungen und sogar körperlichen Mißhandlungen ausgesetzt sind, sondern leider auch nach Absolvierung ihrer Studien mit Sorge und Hoff- »ungsfosigkeit in die ungewisse Zukunft blicken. Die freien Berufe bieten jetzt keinerlei Existenzmöglichkeit, weder im Wände, noch außerhalb der Grenzen Oesterreichs. In dieser schweren Not wenden sich die Augen wieder zu dem bände unserer Vater, wo eine in der Geschichte beispiellose Aufbauarbeit gelungen ist. Die jüdische Jugend, der Handarbeit entwöhnt, hat in kurzer Zeit aus einer Wüste eil Paradies geschaffen. Diejenigen, welche hier nicht leben können oder wollen, sollen die Möglichkeit haben, in Palästina ein normales, in allen Berufszweigen tätiges Leben aufzubauen. Dazu bedarf es jedoch einer gründlichen Umkehr. Das jüdische J u ge n dhi 1 f swerk hat es sich Aufgabe gemacht, die furchtbare Not der jüdischen 'Jugend zu bekämpfen und alle, denen das Wohl und Webe ''"'er Kinder am Herzen liegt, werden sich den Bestrebungen des Vereines zweifellos anschließen. In Oesterreich wohnen sehr viele Familien, denen der Zweck des Vereines als wirksame Abhilfe gegen die Not der Jugend erseheinen muß. Der Verein \ erfügt bereits Uber ein Jugendheim, in welchem praktische Kenntnisse durch Vortrüge und Kurse vermittelt werden und eine richtige Berufsberatung in die Wege geleitet werden soll. Durch Verbindung mit Industriellen und Gewerbetreibenden wird eine Umschulung, bezw. Ergreifung praktischer Berufe ermöglicht werden. Eine landwirtschaftliche Farm, welche von einem großherzigen Gönner dem Verein in der Nähe Wiens zur Verfügung gestellt wurde, ermöglicht die Ausbildung in der Landwirtschaft und eine in Palästina bereits bestehende Kolonie bietet die Möglichkeiten einer Unterbringung der für die Landwirtschaft bereits Ausgebildeten. Palästina ist das einzige Land, in welchem keine Arbeitslosigkeit herrscht und welches Aufnahmsfähigkeit für Hunderttausende 'besitzt, Der Verein sucht Gründer und Stiller, welche in großherziger Weise seine Bestrebungen unterstützen. Er rechnet jedoch in der Hauptsache auf den Beitritt der großen Vlasse der um die Zukunft ihrer Kinder besorgten Eltern. In den letzten Tagen wurde folgender Aufruf samt Erlagscheinen sämtlichen Wahlern der Kultusgemeinde zugesandt. Sichert die Zukunlt Eurer Jugend, welche entschlossen ist, den Aufbau des jüdischen Landes mit ihrer Hände Arbeil zu vollziehen! ,,Bitte wollen Sie einen Augenblick über folgende Tatsache nachdenken: 'Pausende jüdische Jugendliche in Oesterreich sind in schwerster Sorge um ihre Zukunlt. Sie haben erkannt, daß die meisten intellektuellen Berufe ihnen verschlossen sind und wollen sich umschichten, das heißt zum Handwerk oder zur Landwirtschaft umlernen Das unterfertigte jüdische .1 ugendhilfswerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen jungen Menschen zu helfen. Zu diesem Zwecke hat es ein großes Jugendheim, eine Farm in der Nähe W iens und eine Farm in Palästina bei Haifa zu unterhalten. Denken Sie daran, wie leicht in diesen besorgniserregenden Zeiten jeder von uns betroffen werden kann. Bitte nehmen Sie Interesse an diesem Aulbauwerk und unterstützen Sie uns durch Ihre Mitgliedschaft oder durch eine einmalige Spende. Jüdisches Jugendhilf swerk, Gesellschaft zur Förderung der Ansiedlung jüdischer Jugendlicher aus Oesterreich in Palästina, Wien, II., Untere Augartenstraße 35. Der Protektor: Dr. D. Feuchtwang in. p. Für den Vorstand: Dr. Paul Berger m. p. Dr. Hugo Groß m. p."