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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-02-15 · 4 (15. Februar 1934) · p. Seite 2

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
4 (15. Februar 1934)
Date
1934-02-15
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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bleme, vor allem in jenem Staate, der an die Großmächt der Rassenideologie angrenzt und ihr national besonders nahesteht, in Oesterreich, einem kerndeutschen Lande. Diese bevölkerungspolitische Frage ist nun einmal aufgeworfen und sie ist deshalb sehr bedeutsam, weil sich hinter ihr ein weittragendes Problem verbirgt, der Versuch, mit Hille der Judenfrage und ihrer Verschärfung Einfluß maßgeb e n d e r A r l auf diesen Staat Oesterreich zu gewinnen. Damit rückt die österreichische Judenlrage in die vorderste Reihe der staatspolitischen Aktualitäten. Für katholische Kreise gewinnt die Frage aber noch an Bedeutung, weil die gleichen Kräfte, welche den Kampf gegen die jüdische Hasse führen, damit auch den Kulturkampf gegen die katholische Kirche heraufbeschwören müssen, auch wenn sie dies gar nicht beabsichtigt hatten. Wer gegen die Bibel steht, der steht gegen d i e J u d e n, a!> e r e b e n s o g c g e n d i e K i r c h e. Umgekehrt tritt die Hedcutimg der historischen Leistung des Judenvolkes als Volk der Bibel in den Vordergrund des Interesses. Die Juden sind durchaus nicht der angegriffene Teil, der sich wehren soll. Sie sind, wenn es einen Kulturkampf gibt, der von Rassenideologien seinen Ausgang nimmt, der Mittelpunkt des Kampfes, der (legenstand, um den gekämpft wird. Vom Rassenstandpunkt aus geht der Kampf um die Menschenwertung jener ,,Hasse", welche die Offenbarung entgegengenommen hat. Ist diese Hasse minderwertig, dann wird die Kunde von der Offenbarung unglaubwürdig und es hätten jene recht, welche einen neuen Messias als Bringer des Heils ansehen wollen. Um den Kulturkampf in seinein modernsten Gewände mit vollem Gelingen durchfechten zu können, muß die Judenfrage aus den Wertungen und Verdammungen herausgehoben werden und es muß klar zur Diskussion gestellt werden, was wirklich ist: die bevölkerungspolitische Auseinandersetzung zwischen -luden und Nicht juden mit 'dem Ziele, d a s Z u s a m m e n I e b e n r e i b u n g s- 1 os u n d einträchtig g e s t a I t e n z. u k ö n - n e n. Diese Gedankengänge, die sich, wie man merkt, lern von allen in jüdischen Kreisen leider noch wichtigen Schlagworten parteiamtlicher Art halten, sind sehr einlach und sehr klar und sie werden in katholischen Kreisen gedacht, allerdings in jenen Kreisen und von jenen Menschen, welche das Denken nicht verlernt haben und den Mut der Ueberzeugung und die Kraft besitzen, zu überlegen und zu handeln. Daß man in der Oelfentliehkeit davon kaum ein Sterbenswörtchen hört, spricht nicht gegen diese Art des Denkens; im Gegenteil. Wer eine Sache versteht und entschlossen ist, Probleme zu meistern, wenn sie spruchreif geworden sind, und wer den Weg erkannt hat, der macht von seiner Gedankenarbeit nicht viel Aufhebens, sondern wa rt e t, wie es Staatsmänner tun, im Gegensatz zu Hhetorikern der Staatsführung. Man sollte auch nicht übersehen, daß entscheidende Dinge von wirklichem Wert in der .Stille reifen. Man kann sehr wohl in ruhiger Athmosphäre auch nach außen hin beobachten und kann als Nichtjudc auch dann, wenn man dies vorher verabsäumt haben sollte, die .Juden verstehen lernen. Die Diskussion innerhalb katholischer Kreise in der Judentrage hat gerade in Oesterreich im letzten Jahre sehr erfreuliche Fortschritte gemacht und ist so weit gediehen, daß der Kreis, d e r s i c h d a m i t b e 1 a ß t, s c h o n r e c h t n a h e a n d e r F. n t s c h 1 u ß r e i f e a »gelangt ist. Mit dieser stillen Arbeit haben sich, das darf man schon heute sagen, diese Kreise ein ganz besonderes Verdienst um Oesterreich erworben. Oesterreich ist dem antijüdischen Ansturm am stärksten ausgesetzt; hier allein kann der Weg zur Lösung in jener bevölkerungspolitischen Richtung gefunden werden, der allen anderen Staaten als Vorbild dienen wird. In Oesterreich lebt eine ansehnliche jüdische Minderheit, die mit dem Staatsleben eng verbunden ist. Es ist Für Oesterreich wichtig, diese jüdischen Kräfte in zweckmäßiger Weise in den Rahmen des staatlichen Neubaues einzugliedern, derart, daß die Kräfte fruchtbar werden, ohne daß Reibungsflächen von außen her hervorgerufen werden können. Wem es gelingt, die alle Teile befriedigende Lösung zu finden und diese Lösung organisch durchzusetzen, der hat sich um Staat und Volk verdient gern a c h t. Den Juden Oesterreichs sei die obige Kunde gegeben, damit auch sie angeregt werden, klarer und großzügiger als bisher der Frage gedanklich und praktisch b e v ö 1 k e r u n g s p o 1 i t i s c h näher zu treten. Auch unter den. Juden fehlt nur die Initiative, die Schranken alter Parteidogmatik zu durchbrechen. Für Palästina eröffnen sich auf dem gleichen Wege Möglichkeiten einer Fortführung des arg ins Stocken geratenen großen Werkes. Fs besteht kein Gegensatz zwischen dem Gedanken an einen jüdischen Heimatboden, an einen eigenen jüdischen Staat auf alter geweihter Frde, und der Klärung der Beziehungen der .Juden zu ihrer Umwelt und zu jenen Mächten, welche als Bollwerke alter Kultur und als Träger der Fthik des Men-

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