Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 4 (15. Februar 1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 1 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WIENER JQM5CHE5 Fdfl ILI ENBLATT Herausgeber: Ludwig Mannheimer Redaktion und Verlag: Wien I, Petersplatz 7 - Telephon U-25-4 70 2. JAHRGANG 15. FEBRUAR 1934 NUMMER 4 Ein offenes Wort zur österreichischen Judenfrage Die Wogen haben sich geglättet Blätter des Judenhasses „stürmen" wohl weiter und wandern in die Hände jener Menschen, welche in dem Judenpunkt den Angelpunkt der Well entdeckt zu haben glauben und deren deutschem Stolz kein Abbruch getan wird, wenn der Inhalt des „Stürmers" mit der Dauer des Erscheinens immer pöbelhafter und törichter wird. Aber ansonsten ist es auf allen Seilen stiller geworden. Von amtswegen geschieht nichts, was die Diskussion beleben könnte und die Juden seihst bleiben hübsch in dem Rahmen der nichtöffentlichen „öffentlichen Diskussion", die sie schon lieb gewonnen haben. Sie diskutieren in Zirkeln. Beileihe nicht ein Zirkel mit dem andern, sondern die lest abgestempelten jüdischen Kreise sprechen und schreiben n u r I ü r sich. W a s w e i t e r g e S e h e h e n soll, überlassen sie den Anderen, die sieh melden sollen. Die Juden haben nichts zu lordern und nichts zu bieten, sondern nur ZU antworten, wenn sie gefragt werden. Die .luden sind politisch Volksschüler geblieben, sitzengeblieben. Inzwischen aber beschäftigen sich diejenigen nicht jüdischen Kreise, welche sich nicht ,,stürmen" lassen, vielleicht gerade deshalb, weil sie wirklich deutsch und österreichisch und katholisch sind, auch streng bei sich selbst mit der Judenfrage. Wer das jüdische Grübeln nicht auf die Politik ausgedehnt wünscht, und sich in der Welt umzusehen weiß, dem ist diese Diskussion nicht unbekannt. Sie macht kein Aulhebens von sich, sondern sie studiert, sie überlegt, sie beobachtet und sie bleibt nicht im Warten und in Worten stecken. Die Nichtjuden, welche in der Judenfrage das sehen, was sit. ist, ein sehr ernstes b e v <"> l k e r u n g s - politisches P r o b l e m, das nicht nur die Juden, sondern mindestens ebenso die Nichtjuden angeht, sie lernen auch ohne jüdische Beihilfe, wie man der Sache beikommen könnte. Vor allem katholische Kreise haben erkannt, daß der alte Standpunkt der katholischen Kirche nicht das ganze Problem erfaßt. Einstmals sah man die Judenfrage als religiösen Bekenntnisstreit an. Die Kirche steht auf dein Standpunkte, daß die Nichtanerkennung des aus dem jüdischen \ ulke hervorgegangenen christlichen „Messias" durch die Juden, welche dem alten Glauben treugeblieben waren, den Sündenfall darstelle, der die Leiden der .luden durch neunzehn Jahrhunderte verschuldet habe. Sobald die Anerkennung erfolge durch die aus Üeberzeugung genommene Taufe , würden die Leiden des jüdischen Volkes zuende gehen. Die Kirche hat diesen Standpunkt, den man als „religiöse .Juden frag e" bezeichnen kann, nicht aulgegeben. Aber die Kreise, welche daneben ein neues, ein anderes Problem erkennen, treten a l l in ä h 1 i ch in d e n V o r d e r g r u n d. Es ist nicht zu leugnen, daß, wie immer man den historischen Ursprung dieser Tatsache ansehen mag, die Juden als bestimmte Bevölkerungsgruppe erkennbar sind und sich irgendwie von anderen Völkern unterscheiden, obwohl die Juden selbst nach Milieu, Erziehung und Eingang völlig zersplittert sind und fast alle Sprachen der Erde sprechen, wie sie auch in last allen Ländern der Erde anzutreffen sind. Wenn nun immer wieder in den verschiedensten L indern die Nichtjuden gegen Juden Stellung nehmen, ja wenn gar von einem Lande aus eine Weltpropaganda gegen die jüdische „Rasse" in Szene gesetzt wird, dann ergeben sich naturgemäß bevölkerungspolitische Pro- 1