Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-01-01 · 3 (Jänner 1934) · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
3 (Jänner 1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 32 (sequence 34)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695754--042-8245640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Stück Leibwäsche abgelegt hatte, um es, wie et meint, nie mehr anziehen zu müssen. Warum Sieghardt als Finanzmann gescheitert ist, läßt sieh aus seinem persönlichen Wesen und seinem Judentum e rklären und verstehen, auch aus der Zeit, in der er wirkte. Aber: im Staatsdienst hatte er nicht versagt, sondern in der jüdischen Domäne, dem Finanzwesen? Das ist „typisch jüdisch"??? Es gibt auch jüdische Gelehrte, welche nicht durch weiten Ruhin wie Albert Einstein in eine wenig wissenschaftliche Diskussion als Juden geraten sind, sondern sehr bescheiden und sehr verborgen gewirkt hallen, wie Hertz, der Erfinder elektrischer Wellen, dem die moderne technische Entwicklung wohl Entscheidendes verdankt, so sehr, daß Dutzende Namen von herrlichem Klang nach ihm kommen konnten, um ihn schließlich v e rg c s s e n /. u m a c h e.n. Auch typisch jüdisch? Die moderne Philosophie zeigt den Geist jüdischer Abstraktion in deutlichen Spuren. Ein Arier reinen Geblütes, Hermann Diels, war der „Phänomenologie" Pate gestanden; eine Reihe berühmter jüdischer Namen wie Husser] etwa, hat diese logisierende Philosophie ausgebaut, da, Abstraktion ist eine Fähigkeit, welcher sich viele Juden rühmen können, weil der Cheder, das logisierende Talmudstudium vom jüngsten Kindesalter an, die allgemein menschliche Kunst der Abstrlakt i o n /. li m j ii d i s e h en Volksgut e m p o r g e - züchtet hat. Oh eine logisierende Philosophie für Wissenschaft und beben dauernde Bedeutung haben kann, mag bezweifelt werden, denn der Ursprung dieser besonderen Abstraktionsfähigkeit der Juden liegt im Ghettoleben begründet, das anstatt des hreiten offenen Lebens die „Schul" geboten hatte. Aus künstlicher Enge sprüht kein breites Leben und mit der hohen Kunst der Abstraktion als Selbstzweck läßt sich das Leben nicht befruchten. Das ist eine Tragik jüdischer Gelehrsamkeit; ob es aber ein Verbrechen ist, wie manche Gelehrte behaupten, ein Verbrechen etwa, wenn ein Husser] über llegci spricht, der — mit Verlaub auch etwas stärker der logisierenden Abstraktion zugeneigt war, das steht dahin. Die Juden sind geistig regsam und Schriftstellern mehr als irgendein Volk der Erde. Sie Schriftstellern zweifellos zu viel und sie sagen, sie seien deutsche, französische Schriftsteller, weil sie in dieser Sprache schreiben. Sie sollten sich als Juden bekennen, als beispielsweise deutschschreibende jüdische Schriftsteller und sie haben damit den Anspruch erworben, als derjenige, der sie sind, gewertet zu werden. Schweigen muß man sich nicht auferlegen lassen und das Schaffen darf man sich nicht verleiden lassen. Verdankt doch etwa die deutsche Industrie so manchem Juden ihre große Blüte, einem Arzt Ehrlich, dem Entdecker des Salvarsans, einem der Pfeiler der Größe der J. G. Farbenindustrie, einem Rathenau den Konzern der A. E. G., einem Ball in den Aufschwung der deutschen Schiffahrt etc. Ja, diese Männer waren Juden und die Welt wäre ärmer ohne jüdische Leistung. Aber der Jude hat ein Recht, nach seiner Tat gewertet zu werden und er hat keinen Grund, sieh als Jude zu verleugnen. Nur dann, wenn der Jude als Jude lebt und schafft, dann wird die traurige Sonderstellung erledigt werden, welche nur der -lüde als Schallen der einnimmt, daß sein Werk leidet, weil ein Jude sein Schöpfer war. Der Kreislauf Uon einem Rmtzehnjährigen Die Wolken, sie ziehen auf ihrer Bahn Grau, schwermütig dahin, bin Winstoß treibt sie immer an, Von Ort zu Ort zu ziehn. Nur manchmal, da fallen sie groß und schwer Aul die Erd' und befruchten sie; Doch zur Buhe kommen sie nimmermehr. Aufsaugt sie wieder der Sonne Müh. Und die Wolken, sie formen sich zu einem Wort, „,J u d a" steht da geschrieben, Das mit seiner Wand'rung, hier und dorl Die schönsten Blüten getrieben. Bald sind sie hoch in des Himmels Näh, Bald lallen sie lief in die Erd', Dann sind sie erfüllt von «lein schrecklichsten Weh Das je in den Menschen gegärt. Von andern aufgesogen, bedrückt. Das ist dann ihr schweres Eos. Doch es kommt die /eil, wo es ihnen glückt, Sich zu befreien mit kräftigem Stoß. Dann segeln sie wieder in I linimelshöhn Und sind so froh und frei, Bis wieder einmal ein wehender Föhn Sie zurückwirft in Tyrranhei. 32

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.