Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 3 (Jänner 1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Ja, der Gesetzgeber Muses hat Anerkennung gefunden, da er auch zum katholischen Glauben in dogmatischer Beziehung steht. Er ist viele Tausend Jahre tot. Theodor Herzl? Er starb im Jahre 1904 und wird von den Nationaljuden verehrt, aber meist nie Iii verstanden. Die anderen -luden, die Mehrheit des Judentums, sieht in ihm nur den Feuilletonredakteur der „Neuen Freien Presse", den Dichter des Burgtheaters und den politischen Phantasten, trotz der Realität Palästinas. Baruch Spinoza hat den größten deutschen Genius zutiefst beeinflußt. Die philosophischen Anschauungen Goethe's stellen im Banne des jüdischen Philosophen, der von seiner Judengemeinde den Bannfluch erhielt, weil man seine Lehre als ketzerisch ansah. Auch ein Renegat? Was ist ein jüdischer Renegat? L or d B e a donsf iel d, als Jude sehlicht Disraeli geheißen, gilt als einer der größten englischen Staatsmänner. Vielleicht kommt auch die Zeit in England, in der man die Standbilder dieses Mannes zum Schutt werfen wird, weil er Jude war. Hat er sieh als Jude gefühlt? Wie der italienische Ministerpräsident Luzatti sagte: er sei Jude, wenn man ihn als Juden beleidigt. Jude auf Widerru I, oder Italiener auf Widerruf? Karl Marx war ein Rabbinersöhn. Er hat die Taufe genommen, um das Gottlosentum durch die Religion der materialistischen Geschichtsauffassung zu begründen, durch die Religion des Naturgesetzes. Er war .Jude, aber gegen seinen Willen; er hat wie wenige vor und nach ihm in einer eigenen Schrill das Judentum besudelt und begeifert, als oh die Geburt als Sohn eines Rabbiners widerrufen werden könnte, als ob er seinem Gotte, dem Naturgesetz, seine eigene Geburt ins Antlitz schleudern wollte. Und dieser Judenhasser aus einem jüdischen Mutterleib und einem jüdischen priesterlichen Haus wird in der trüben (legenwart den Juden als Zerrbild und als Schuldbeweis vorgehalten, wegen dieses Juden stehen Staaten in Flammen und werden die Juden samt und sonders geächtet. War es je einem Volke eingefallen, den Franzosen ihren Robespierre mit seinen Hekatomben von Toten vorzuhalten? Hat man das deutsche Volk für seinen Harmann geschmäht? Ist eine Familie schuldig, die einen entarteten Sohn im Kerker hat, der seine Familie verleugnet? Man hat Aiistide Briand als überragenden Staatsmann geschätzt und betrachtete ihn als Persönlichkeit, und in seiner Art als typischen Franzosen. Wer über ihn urteilte, hat aber irotmer über den Staatsmann Briand geurteilt und Ober seine staatsmünnischen Handlungen. Kein Zweifel, ein -lüde als Staatsmann ist ein .lüde und ist als lüde zu beurteilen. Aber a u c h als St a a t s in a n n. Walter Rathen au wurde ermordet, weil er eine Berufung als Außenminister angenommen hatte und seinen Mördern wurde ein Denkmal errichtet. Die Deutschen haben das unbestreitbare Hecht, nur Deutsche zur Staatsführung des Deutschen Reiches zuzulassen. Abel' sie haben Walter Rathenau vorher in seiner Art praktisch genutzt, indem sie sich die Kriegswirtschaft von ihm organisieren Ließen. Damit haben sie unter dem Regime der llohcnzollern den Fabrikanten Rathenau auf hohe Stufe gehoben, in d i e S p h ä r e pol i t i s e h e n \\ i r - kens. Diese Vergangenheit ist vergessen, das Weitere war sein Todesverbrechen. Gewiß, Rathenau hatte die Art abstrakter jüdischer Konzeption, die so, wie sie Rathenau besaß, jüdisch ist, nicht deutsch. Seine Ministersehalt mag tadelnswert gewesen sein. Aber die Tatsache seiner jüdischen Zugehörigkeit, der er sich die längste Zeil seines Lebens kaum bewußt gewesen war, soll an sich ein \ erbrechen sein, das einen Mord Iiis zum Triumpf des Mörders rechtfertigt? Dr. Rudolf Singer, später S Leghardt, hatte als getaufter Jude eine große Staatskarriere gemacht. Fr wurde sogar Gouverneur der Boden- Creditanstalt. Er hat dieses Institut mit großer Geste zum Tode geführt, weil er politisch konzipierte, statt finanziell zu wägen. Das ist jüdische Tragik eines Menschen, der sein Judentum wie ein I lenry Bergson Mr. Bloch, Präsident des franz. Redmungshofes Dr. Voronotf 31