Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 3 (Jänner 1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGENDBEILAGE JUDEN als Träger großer Namen. Menschen, welche in das Licht der großen Oel fentlichkeit treten, als Politiker, als Schriftsteller, als Dichter, als Musiker, als bildende Künstler, Wirtschaftler großen Formates, als Gelehrte, die über ihren engeren Fachkreis das Interesse breiter Kreise wecken, sie alle sind oft lange Zeil Min der Menge Haß und Gunst umstritten. Sie alle aber werden als Persönlichkeiten gevvertet, die sieh mit ihren Fähigkeiten und ihrem Tätigkeitsdrang irgendwie in den Dienst des Gemeinschaftslebens stellen, als Persönlichkeiten, die nach ihren Leistungen und nach ihrem persönlichen Gehaben, oft a u e h nach i h r e m p e r s ö nIi c Ii e n S e h i cksa 1 ge wert et werden. Mit Recht wird immer darauf hingewiesen, daß die schrankenlose Verehrung, welche dem Kaiser Franz Joseph 1. entgegengebracht wurde, nicht zuletzt durch sein tragisches Familiengesöhiek bedingt war. Man sah in diesem zeremoniellsten modernen Herrscher, dem man ein menschliches Gehaben in seiner alltagslernen Herrscherart gar nicht zutrauen sollte, den einfachen Menschen, der ein schweres persönliches! Schicksal würdig zu tragen wußte und der keine Sekunde lang seine Berufspflichten entgelten ließ, was ihm in seiner familiären Sphäre widerfahren w ar. Auch er wurde als Mensch gewertet, n u r als M e n s c h. Anders die Persönlichkeit, welche aus dem Judentum hervorgeht. Der Jude ist und bleibt Jude was immer er tun mag. Der jüdische Geiger ist nicht nur Geiger, sondern auch geigender Jude. Manchmal gibt man sieh allenthalben vorurteilsfrei seiner Kunst hin; a h e r z u m a n e Ii e n Zeit e n s i e h t m a n v o r d e m J u d e n k a u m m e h r den K ü n s t I e r. Wenn aber ein Jude unmittelbar in das Geisteslehen eingreift, dann tobt der Wertungskampf nicht um das W erk und seinen Schöpfer, sondern um den Inden und sein W erk. Ein seltsames Geschick, das noch alle Juden im öffentlichen beben erfahren bähen. Wundert es die Welt, wenn die rinden jüdische Persönlichkeiten oll in den Himmel heben, auch wenn sie recht erdennah in ihrem Wirken verblieben sind? Soll es eleu Juden verwehrt sein, auf ihresgleichen hinzuweisen, wenn man die schaffenden Juden immer als Sonderwesen betrachtet? Am deutlichsten hat sieh das merkwürdige Schicksal des modernen schaffenden Juden an Gustav Mali ler offenbart. Vom deutschesten der deutscher. Meister der Musik unterwiesen und verehrt, von Anton Bruckner, hat der zum katholischen Glauben konvertierte Jude Gustav Mahler seinen Weg zum Gipfel der Künstlerlaufbahn gemacht. Mit jungen -Jahren wurde er Direktor der Wiener Hofoper und blieb in dieser Stellung zehn lange Jahre. Seine Leistung wurde allseits anerkannt, seine Leistung als Direktor und Dirigent, später erst als Komponist. Nach seinem Abschied ging er nach Amerika und in diesem Lande der raschen und gigantischen Entschlüsse wurde ihm soiort ein eigenes Orchester zusammengestellt. Drei Jahre vor seinem Tode erlebte er bei einer Aufführung seiner Symphonie der Tausend einen unendlichen Triumpf (München 1908), aber trotz allem blieb er vorerst als Komponist nur von wenigen verstanden; am w e n i g s t e n von — den J u d e n. Er war getauft, also ein Renegat. Also kein Jude, ein verstoßener Jude. Er war Katholik, abei doch ein Jude. Er hat seine tiefsten Inspirationen in der Kirche (Klopstockrequiem in einer Kirche in Hamburg, 5. Satz der 2. .Symphonie) empfangen, im katholischen Hymnus (8. Symphonie der Tausend) das Größte geleistet. Man sagt, er habe sich taufen lassen, um das Fntreebillett zur Dirigentenkarriere zu erlangen. Das sagen Juden und d a s s e 1 b e s a g e n Ka tholike n. Seine Musik ist jüdisch — sagen die Katholiken, leugnen die Juden. Fr war ein großer Symphoniker, das leugnen heute wenige. Aber er war kein vollkommener Meister sagen die meisten, denn er war doch ein Jude, der nicht so ganz wie Bruckner in die Endverbundenheit bodenständiger Kunst eindringen konnte. Wer fragt bei Chopin, ob er Pole oder Franzose war? Fr war der Meister der Klavierkomposition und die Polen sind stolz auf ihren Landsmann; niemand neidet ihnen diesen Stolz. Die Juden könnten stolz sein auf ihren Mahler; sind sie es? Jüdische \ 1 usikschriftsteller sind es, welche das Judentum in Mahlers Schallen leugnen; nur von Geburt aus war er -lade, nicht als Künstler? 30