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Jüdische Rundschau · 1908-12-11 · 14 (11.12.1908) · p. Seite 111

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IV (1908)
Issue
14 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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No. 14 LITERATÜRBLATT 111 durch nicht in ihrer grossartigen Geschlossenheit verliert, dass die einzelnen Glieder dieses merkwürdigen Volkes ebenso scharf ausgeprägte Individualitäten unter sich und in sich sind. Ein Volk aus einem Guss und doch in tausend verschiedenen Gestalten, eiin geschlossenes Ganzes und doch eiine so bunte Vielgestaltigkeit und Mannigfaltigkeit, wie sie unter den Ländern nur eben das kleine Land aufweist, in dem dieses Volk der Bibel, das aus der Wüste kam, zum Volke erwuchs. Hier all lein, wo unten die tropische Glut die Luft am See Kniereth nur durch ihre wunderbare Reinheit und Klarheit erträglich und sogar angenehm macht, wo auf den Höhen das herrlichste mittelländische Klima herrscht und wo diiei weissen Gipfel des mit ewigem Schnee bedeckten Hermon das sturmfeste und unerschütterliche Wahrzeichen des poesieumwobeinen Landes sind, konnte das so wunderbar veranlagte Volk, die Gleichmässigkeit, die ihm aus der Wüstenheimat anhaften musste, mit jener Manniigfaltigkeit durchsetzen, die noch heute das Zeichen der nur scheinbar auseinanderstrebenden Nachkommen dieses bibelsdiaflenden "Volkes ist, das trotz allem noch immer sich selbst gleich geblieben ist. Wenn aber jeder Schriftsteller und jede Kultur etwas verlicrt, sobald sie in das Empfinden lind die Gedankenwelt der nachkommenden Generation übergegangen ist, so ist das Gegenteil der Fall bei der so unendlich mannigfaltigen und so überaus eigenartigen biblischen Literatur. B,ei uns Juden gehört es ja zur Bildung, möglichst wenig vom eigenen Volkstum und von der hebräischen Schrift und jüdischem Schrifttum zu wissen und doch ist sie ein Jungbrunnen nicht bloss für uns und unser Volk sondern für alle, die an urwüchsiger Kraft und mächtig ragender Schönheit sich laben und aufrichten wollen. Es ist ein Volk von Erz, dessen Helden weithinausragen über die Heroen so mancher Nationen, die sich für besonders reckenhaft ansehen möchten und die; dabei ein so weiches Empfinden äussern, wie es nur im jüdischen רחמנות zum Ausdruck kommt, das bezeichnender Weise von י־הם hergeleitet ist und in seiner ursprünglichen Bedeutung Mujttergefühl bezeichnet haben muss. Ein schwacher!Nachklang dieses weichen Empfindens hat im jüdisch-deutschen Volksdialekt das Wort ,,uebhich“ aus deutschen Sprachelementen zusammengesetzt und doch damit einem Gefühl Ausdiuck verliehen, das in keiner andern Sprache sich sonst eiine eigene Intterjeiktion zu verschaffen imstande war. Auch das ist eine Nachwirkung der Bibel und des aus ihr und ihrer Zeit unter den Juden geborenen Empfindens. Wenn die neue junge, jüdische Generation jetzt daran gehen will, auf ausschliesslich nationaler Grundlage unter Ausschaltung alles trennenden relHgiösen Beiwerks eine neue Jüdische Gemeinschaff erwachsen zu lassen,’ wenn die Jugend hofft, dass der alte

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