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Jüdische Rundschau · 1908-12-11 · 14 (11.12.1908) · p. Seite 110

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IV (1908)
Issue
14 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 LITERATURBLATT No. 14 schwachen Vergleich mit dem grossen Charakter des Hebräertums in seinem eigenen Lande auszuhalt'en vermag, liier die Nachahmung und die Anlehnung an das Stammfremde, dort im alten biblischen Judentum das aufrechte selbstverständliche Stamm'estum, das aus eigener Kraft jene Kultur gebiert, an der die Alexandriner und noch die heutigen Geschlechter zehren, und deren Grösse aus den Resten mächtig hervorragt, die aus der alten Zeit iibug geblieben sind. Diese Reste einer uralten Literatur sind uns als heilige Schriften überliefert worden und sie sind sicher nur ein ganz kleiner Teil dbs geistigen Schaffens, das der hebräische Kulturstamm auf seltner eigenen Scholle hervorg'ebrächt hat. Wie Vieles verloren gegangen ist, wie Wertvolles und Grosses, vermögen wir nicht zu sagen, aber selbst wenn es der Fall! sein sollte, dass, was keines-' wegs ausgemacht ist, nur das Wertvollste erhalten ist, wenn nur das verloren gegangen sein sollte, was in seiner Grösse und Schönheit nicht an dis erhabene Grösse der erhaltenen biblischen Texte heiranreicht, dann sogar ist es ein unersetzlicher Verlust. Denn es kann eine Literatur sehr schön und sehr erhaben sein, wenn sie auch weit hinter dem zurückbleibt, was wiir unter dem Namen der Bibel als den köstlichsten Schatz unserer Nation für alle Zeiten hegen und pflegen. Von welchem Kultureinfluss die hebräische Literatur auf alle Zeiten gewesen ist, wie sie bis in die fernsten Länder und bis in die neueste Zeit hinein gewirkt hat und weiter wirkt, das versteht man erst, wenn man immer und immer wieder Zitate und Anklänge in allen Literaturen findet und besonders dann, wenn sie gar nicht mehr als Bibelstellen gelten, wenn sie als Heine- oder Schiller-, als Moliereodter Shakespeare-, als Gutzkow- oder als Wilde-Zitate sich Münzwert im Billdungs- KTeingeld der redenden Menschheit erworben haben. Die ganze Kulturmensichheit ist mit dem ewigen Kulturgute des alten Hebräertums so durchdrungen und durchsetzt, dass sie die Bibehvirkungen gar nicht als sollche empfinden kann. Im Kleinen zeigt sich eine ähnliche Wirkung der führenden Geister überall. Die. Zeit, die den Geist eines Voltaire völlig in sich aufgenommen hatte, empfand ihn, den geistreichen und gewandten, so überaus kurzweilgen Literaten als beinahe langweilig, einfach weil er ihr nichts Neues bot. Und doch ist es mit der Bibel ganz anders. Hier ist nicht ein Mann und nicht ein Ton, der uns entgegenklingt, hier gibt es nicht ein Problem und eine Form der Poesie;, sondern ein ganzes Jahrtausend der mächtigsten Leidenschaften und der abgetöntesten Empfindungen des sensibelsten aller Völker spielt sich du seiner Grossartigkeit vor uns ab, wie es dessen kein zweites Beispiel in der Welltgeschichte gibt. Ein Land so klein, wie kaum ein zweites, ein Volk so gering an Zahl, wie keines der sonst historisch gewordenen Nationen, aber eine Individualität, die selbst da-

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