Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IV (1908)
- Issue
- 9 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 LITERATURBLATT No. 9 trag über geographische und historische Dinge für die Erörterung einer Frage benutzt, für deren Beantwortung jede wissenschaftliche Voraussetzung fehlt. Hätte wenigstens der Vortragende die Frage, ob Jesus ein Judäer oder Arier war, zum eigentlichen Gegenstand seines Vortrags gewählt, und um diese Frage zu entscheiden, von geographischen Gesichtspunkten seinen Ausgang genommen, so könnte man es noch zur Not hinnehmen. Aber erst mit einem rein geographischen Thema zu beginnen und ohne jede Vermittlung auf eine Frage überzuspringen, die gar keinen sachlichen Zusammenhang mit dem eigentlichen Thema des Vortrags hat, kann doch nicht als wissenschaftlich bezeichnet werden, zumal es sich um eine Frage handelt, die in tiefstem Dunkel liegt, und wie schon Prof. Gunkel bemerkt hat, unmöglich entschieden werden kann. Man könnte wohl fragen, ob Jesus ein Judäer oder Galiläer, nicht aber ob er Judäer oder Arier gewesen sei. Was würde man darüber denken, wenn ״reinblütige Semiten“, nach Art der ־!״einblütigen Arier“, grosse Männer der Weltgeschichte für ihre Rasse reklamieren wollten, und es jemandem, einfiele, auf ähnliche Art, wie es Herr Prof. Haupt tut, den Beweis zu erbringen, dass Goethe beispielsweise von polnischen Juden abstammte, weil auch solche Juden in Frankfurt a. M. angesiedelt sind? Was würde man dazu sagen, wenn es abyssinischen Christen einfiele, zu beweisen, dass Jesus ein Abyssinier gewesen sei, oder wenn indische oder chinesische Muhammedaner mit aller Gewalt beweisen wollten, dass Muhammed ein Inder bezw. Chinese gewesen sei? Würde man das auch als mit dem Ernst wissenschaftlicher Forschung vereinbar ansehe n? Für ihn selbst, meinte Dr. Yahuda ferner, sei es ganz gleichgiltig, ob Jesus ein Arier oder Semit w!ar; jeder gute Christ aber müsste dagegen protestieren, dass man den Stifter der Christ- ' liehen Religion von Medern und anderen Mischvölkern abstammen lassen möchte, die zu jener Zeit auf der tiefsten geistigen Stufe gestanden haben und im Vergleich mit den damaligen Juden keine nennenswerte Kultur und Zivilisation gehabt haben. Die Juden hatten schon damals eine hohe Kultur hinter sich, hatten Dichtungen, wie Hiob und die Psalmen, aufzuweisen, konnten auf Propheten hinweisen, als deren Schüler sich Jesus selbt bezeichnete, hatten ein tiefes, religiöses und ethisches Leben — in diesem Milieu ist Jesus geboren und aufgewachsen, er war Jude und wollte selbst ein Jude sein! Aber "diese ganze Frage kann uns ja auf einem Kongresse, auf dem wir uns mit sprachlichen, literarischen und historischen Gegenständen, nicht aber mit Rassenfragen zu befasset! haben, gar nicht interessieren. Wenn sich Herr Prof. Ha u p t zur Aufgabe gestellt hat, für eine Hypothese, die von Chamberlain aufgestellt worden ist, Propaganda zu machen, so kann er es tun; nur darf er wissenschaftliche Kongresse, die sich rein wissenschaftlichen Fragen zu widmen haben, zu einem solchen Zwecke nicht benutzen, und nachdem er schon dieselbe Frage auf dem Historiker-Kongress in Berlin erörtert hat und von dem ausgezeichneten Theologen Herrn Prof. Deissmann gründlich abgefertigt wurde, so wäre es nur billig, wenn er den Orientalisten-Kongress mit einer solchen Frage verschonte. Herr Prof. Haupt verwahrte sich da-